„Er kennt das Risiko“: Wie gefährlich wird Prigoschins Putschversuch für Putin wirklich?
VonJens Kiffmeier
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Kurzschlussreaktion oder lang gehegter Plan: Der Putschversuch Prigoschin bringt Russland an den Rand des Bürgerkriegs. Doch hat der Söldner eine Chance?
Moskau – Straßensperren, Militäraufmärsche und Notstandsgesetze: In Russlands Elite herrscht Panik vor dem Putsch. Nach dem Aufruf von Wagner-Boss Jewgeni Prigoschin zum Aufstand wächst die Gefahr vor einem Bürgerkrieg. Doch die Lage ist unübersichtlich. Rückt der Sturz von Putin tatsächlich näher? Ist die Wagner-Gruppe überhaupt mächtig genug? Oder hat der Söldner-Chef mächtige Helfer in seinem Rücken? Viele Fragen sind noch offen, hier ein paar Antworten.
Russland: Wagner-Boss Prigoschin startet Putschversuch gegen Putin
Seit Monaten hat sich der Machtkampf von Jewgeni Prigoschin und Russlands Präsidenten Wladimir Putin hochgeschaukelt. Jetzt gipfelt er in seinem Höhepunkt: Der Kremlherrscher ordnete am Samstag (24. Juni) in einer Rede eine harte Bestrafung der Aufständischen an. Zuvor hatte Prigoschin zum bewaffneten Kampf gegen Moskaus Armeeführung aufgerufen. „Wir werden alles vernichten, was uns im Weg steht“, sagte der Söldner-Boss in einer Sprachnachricht bei Telegram. „Wir gehen weiter. Wir gehen bis zum Ende“, betonte er. Er habe 25.000 erfahrene Kämpfer an seiner Seite.
Experte zu Prigoschins Putschversuch mit Wagner-Gruppe: „Er weiß, wie hoch das Risiko ist“
Doch reicht das überhaupt, um ernsthaft einen Putsch gegen Putin anzuzetteln? „Prigoschin weiß genau, wie hoch sein Risiko ist“, sagte der frühere CIA-Geheimdienstoffizier Steve Hall dem US-amerikanischen Nachrichtensender CNN. Dies sei interessant, denn es würde eines bedeuten: „Er muss berechnet haben, dass er es schaffen kann. Und er weiß, dass es für ihn andernfalls wirklich schlecht ausgehen wird.“
Im Ukraine-Krieg hat die Wagner-Gruppe eine zentrale Rolle. Die von Prigoschin gegründete Privatarmee war vor allem an den stark umkämpften Frontabschnitten eingesetzt worden. Dabei hatten die Söldner schwere Verluste erlitten, insbesondere bei der blutigen Schlacht um Bachmut. In dessen Verlauf war es zum Zerwürfnis zwischen Russlands Armeeführung und Prigoschin gekommen, der dem Kreml lautstark vorwarf, seine Truppe bei der Versorgung mit Munition im Stich zulassen. Immer öfter warf er Verteidigungsminister Sergei Schoigu Unfähigkeit vor.
Putsch gegen Putin: Girkin sagte Meuterei von Prigoschin bereits voraus
Bereits seit Wochen gab es zahlreiche Spekulationen, dass Prigoschin mit seinen Attacken einen Putsch vorbereiten könnte. So prophezeite der frühere russische Geheimdienstoffizier Igor Girkin einen Aufstand von Prigoschin. Der Söldner-Boss habe einem Teil der russischen Armee und Elite den „Krieg“ erklärt, sagte er in einem Anfang Juni verbreiteten Video. So plane Prigoschin, die ersten Risse innerhalb der russischen Führung auszunutzen. „Wenn Prigoschin Chef der Wagner-Gruppe bleibt, wird die Meuterei schnell und radikal kommen“, sagte Girkin.
Das scheint nun tatsächlich eingetreten zu sein. Am Samstag setzte Prigoschin seine Einheiten in Richtung Moskau in Bewegung – auch, wenn der Söldner-Boss selber nicht von einem Putsch sprechen wollte. „Das ist kein Militärputsch“, sagte er. „Das ist ein Marsch für Gerechtigkeit.“
Sturz von Putin: Hat Wagner-Gruppe Helfer aus dem inneren Zirkel des Kreml?
Bislang waren Russland-Experten immer davon ausgegangen, dass ein Sturz aus dem Inneren des Machtzirkels heraus angestoßen werden müsste. Angesichts der Schwäche der russischen Zivilbevölkerung sei ein Aufstand von der Straße eher unwahrscheinlich, hieß es in vielen Analysen. Logischer sei es, dass innerhalb der Machtelite ein Umsturzversuch angezettelt werden könnte – aus Frust über die Fortschritte im Ukraine-Krieg und den wirtschaftlichen Niedergang im Zuge der harten westlichen Sanktionen.
Liste von Nachfolgern von Putin: Wer kann die Macht in Russland übernehmen?
Michail Misustin: Der 56-Jährige ist nur für den Übergang gesetzt. Als Vorsitzender der Regierung müsste er qua Verfassung die Amtsgeschäfte übernehmen und Neuwahlen einleiten. Aussichten auf eine dauerhafte Nachfolge: null. Musustin gilt als fähiger Technokrat und Beamter, aber er besitzt keine eigene Hausmacht im Kreml.
Nikolai Platonowitsch Patruschew: Er ist der Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates und gilt als die rechte Hand Putins. Manche sagen sogar, Patruschew sei der gefährlichste Mann Russlands. In Fachkreisen gilt er dennoch als der Mann mit den größten Chancen auf die Nachfolge. Er ist ein Vertrauter des Präsidenten und löste ihn einst schon als Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB ab. Beide kennen sich seit den 1970er Jahren. Patruschew, der als Oberst der Armee mit mehreren Orden ausgezeichnet ist, gilt als absoluter Hardliner.
Sergej Schoigu: Der Verteidigungsminister stand lange weit oben in der Gunst von Putin. Beide gelten als Freunde und teilen ihre Spleen zum Schamanismus. Doch der Stern von Schoigu sinkt parallel zu Putins. Denn als Chef des Wehrressorts wird auch ihm der verlustreiche Ukraine-Krieg angekreidet. Weiterer Nachteil im Rennen um das Präsidentenamt: Sein Vater war Tuwaner, weswegen Schoigu aus einer ethnischen Minderheit entstammt, was in Russland eher keinen Wahlerfolg verspricht.
Igor Iwanowitsch Setschin: Der Name des russischen Oligarchen wird auch immer wieder bei der Suche nach dem Nachfolger ins Spiel gebracht. Der Vorstandsvorsitzende von Rosneft ist ebenfalls ein Vertrauter des jetzigen Präsidenten. Jedoch räumen Russlandexperten ihm nur Außenseiterchancen ein. Ähnlich sieht es beim Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin und beim Gouverneur von Tula, Aleksej Djumin, aus.
„Größte Herausforderung“: Droht Russland ein Bürgerkrieg?
Der Aufstand der Söldnertruppe Wagner ist nach Ansicht britischer Geheimdienste jedenfalls für den russischen Staat die „größte Herausforderung“ der jüngeren Zeit. „In den kommenden Stunden wird die Loyalität der russischen Sicherheitskräfte und insbesondere der russischen Nationalgarde entscheidend für den Verlauf der Krise sein“, betonte das Verteidigungsministerium in London. Es gebe bisher nur „sehr begrenzte Beweise“ für Kämpfe zwischen Wagner und Sicherheitskräften. Dies deute darauf hin, dass einige russische Truppen wahrscheinlich „passiv“ geblieben seien – und Wagner nachgegeben hätten. Ein Zeichen für eine breite Unterstützung für Prigoschin?
Einheiten der Wagner-Gruppe hatten zumindest an zwei Stellen aus der Ukraine die russische Grenze überschritten. In der südrussischen Stadt Rostow soll Wagner „mit ziemlicher Sicherheit wichtige Sicherheitseinrichtungen besetzt haben, darunter das Hauptquartier, das die russischen Militäroperationen in der Ukraine leitet“. Nun würden Wagner-Einheiten das südwestrussische Gebiet Richtung Norden durchziehen, hieß es in der Mitteilung aus London. „Mit ziemlicher Sicherheit“ sei ihr Ziel, die Hauptstadt Moskau zu erreichen.
Vom Söldner-Boss zum Präsidenten? Prigoschins Ansehen in Russland ist gestiegen
Wird Putin mit dem Aufstand fertig? Noch vor wenigen Tagen hatte die russische Politologin Tatjana Stanowaja dem Kremlchef genug Machtpotential zugestanden. Er habe noch genug Kraft, um in Moskau die Balance zu bewahren, sagte sie der Nachrichtenagentur dpa. Allerdings, so gab sie auch zu bedenken, habe die Wagner-Gruppe im Zuge des Ukraine-Krieges ein Eigenleben entwickelt. „Der Krieg bringt Monster hervor, deren Rücksichtslosigkeit und Verzweiflung eine Herausforderung für den Staat darstellen können“, sagte sie und prophezeite: Schon bei der kleinsten Schwäche könne das System kippen.
Doch auf was genau hat es Prigoschin abgesehen? Auf den Präsidentenstuhl – als Nachfolger von Putin. Bis vor Kurzem hielten die Analysten für ein unmögliches Szenario. „Prigoschins öffentliches Auftreten spricht eher dagegen, dass er reale politische Ambitionen im Sinne der Erlangung eines politischen Amtes hat“, hatte Russland-Fachmann Nikita Gerasimov dem Portal watson.de gesagt. Und auch Politologe Andreas Umland hielt bis dato Prigoschin trotz aller politischen Ambitionen eher für einen Mann „in der zweiten Reihe“.
Putins Zirkel der Macht im Kreml – die Vertrauten des russischen Präsidenten
Allerdings hat das Auftreten des Söldner-Bosses in der russischen Gesellschaft durchaus Spuren hinterlassen. In jüngster Zeit konnte er im Ansehen punkten. In einer aktuellen Umfrage, veröffentlicht in der Zeitung RBK daily, steht Prigoschin auf Platz fünf der Persönlichkeiten, denen die Russen vertrauen. Damit liegt er nur zwei Plätze hinter Verteidigungsminister Schoigu. Im Winter war Prigoschin noch auf Rang 151 gewesen. (jkf)