Ukraine-Krieg

Angst vor Super-Gau: IAEA will AKW Saporischschja nach Granateinschlägen untersuchen

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Ein Mehrfachraketenwerfer der ukrainischen Armee im Einsatz. Kiews Truppen haben im Süden eine Offensive gestartet. (Symbolbild)
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    Jens Kiffmeier
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Das AKW Saporischschja bleibt gefährdet: Nach dem Start der Gegenoffensive im Ukraine-Krieg steht das Atomkraftwerk unter Beschuss. Ein Reaktor wurde heruntergefahren.

  • Die Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) kontrolliert die Lage am AKW Saporischschja
  • Gefechte überlagern seit den Morgenstunden den Besuch der Experten
  • Angst vor dem Super-Gau wächst in Deutschland

Update vom Montag, 21. November 2022, um 11:20 Uhr: Die Ukraine steht derzeit wieder unter schweren Beschuss durch russische Raketen. „Hunderte unserer Städte sind praktisch niedergebrannt, tausende Menschen wurden getötet, Hunderttausende wurden nach Russland deportiert“, sagte Präsident Wolodymyr Selenskyj am Sonntagabend. Inmitten der Kämpfe bereitet die Lage am Atomkraftwerk Saporischschja Experten Sorge. Nach den Angriffen will ein Team der Internationalen Atomenergie-Agentur IAEA das AKW auf mögliche Schäden untersuchen. Am Samstag und Sonntag hatte es Dutzende Granateinschläge auf dem Gelände gegeben.

Update von Donnerstag, 1. September 2022, um 11:10 Uhr: Kurz vor dem Besuch der Kontrolleure der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) musste am Kernkraftwerks Saporischschja in der Ukraine ein Reaktor heruntergefahren werden. Das teilte der Betreiber mit. Schuld sei ein Beschuss in Folge der schweren Kämpfe in der Nacht. „Infolge eines erneuten Mörserbeschusses der russischen Besatzungstruppen am Standort im AKW Saporischschja wurde der Notschutz aktiviert und der in Betrieb befindliche fünfte Reaktor abgeschaltet“, teilte die ukrainische Atombehörde Enerhoatom laut der Nachrichtenagentur dpa mit.

Ukraine-Krieg: Reaktor am AKW Saporischschja vor Besuch der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) heruntergefahren

Weiter in Betrieb ist Reaktor Nummer sechs, der die Anlage mit dem nötigen Strom versorgt. Darüber hinaus sei auch eine Stromleitung beschädigt worden, so Enerhoatom. Unabhängig lassen sich die Angaben nicht überprüfen. Seit Wochen machen sich die russische und die ukrainische Seite gegenseitig für den Beschuss der Anlage verantwortlich. Am Donnerstag sollen IAEA-Experten die Lage überprüfen. Laut Medienberichten befinden sie sich bereits im russisch besetzten Gebiet. Ungeachtet dessen gingen die Kämpfe aber weiter. Bereits ab 5 Uhr morgens war den Angaben zufolge in der nahegelegenen Kleinstadt Enerhodar der Beschuss von Mörsergranaten gemeldet worden.

Ukraine startet Offensive: Raketenangriffe auf AKW Saporischschja heizen Angst vor Super-Gau an

Erstmeldung vom 30. August 2022, um 14:39 Uhr: Kiew – Es könnte ein entscheidender Wendepunkt im Ukraine-Krieg sein: Knapp ein halbes Jahr nach der Invasion der russischen Armee in der Ukraine scheinen die Verteidiger eine Gegenoffensive gestartet zu haben. Im Zentrum der militärischen Aktionen: die Stadt Cherson im Süden der Ukraine. Dass die ukrainische Armee zum Gegenschlag gegen Wladimir Putins Truppen ausholt, kommt alles andere als überraschend. Seit Wochen spricht die Führung in Kiew von der großangelegten Befreiung der besetzen Zonen – jetzt folgen offenbar Taten. Derweil wachsen die Sorgen um das AKW Saporischschja, das nur wenige Hundert Kilometer entfernt von der umkämpften Zone liegt und immer wieder Schauplatz von Raketenangriffen ist.

Gegenoffensive im Ukraine-Krieg: Kiews Armee dringt im Süden vor und drängt Putins Truppen zurück

Die logistische Unterstützung der Ukraine durch westliche Staaten scheint immer mehr Wirkung zu zeigen. Seit Monaten stärken Waffen aus der EU oder den USA die Kampfkraft der ukrainischen Armee: Neben gepanzerten Fahrzeugen verfügt die Ukraine inzwischen auch über eine Luftabwehr und schwere Artillerie. In den vergangenen Wochen wurde zwar in Deutschland wiederholt betont, dass die Waffen für die Verteidigung der Ukraine gedacht sind, allerdings könnten sie auch eine Offensive unterstützen. Der Plan der Ukraine für einen Gegenschlag gegen Russland steht derweil schon länger. Bekannt ist zudem, dass moderne westliche Waffen im Gefechtsgebiet seit Wochen den russischen Streitkräften erhebliche Verluste bereiten.

Zwar sprach Präsident Wolodymyr Selenskyj am Montagabend, dem 29. August, nicht direkt über die Offensive in der Ukraine, allerdings hielt er sich mit Drohungen gegenüber Russland nicht zurück. „Die Besatzer sollen es wissen: Wir treiben sie über die Grenze. Über unsere Grenze, an der sich nichts geändert hat“, machte er deutlich und fügte hinzu, dass es für russische Soldaten jetzt Zeit sei, „nach Hause zu gehen“, wenn sie überleben wollen. Die Angaben zur Offensive in der Ukraine ließen sich nicht unabhängig überprüfen.

Ukraine startet Offensive: Kämpfe konzentrieren sich auf Cherson – Positionskämpfe mit Russland

Sollte es der ukrainischen Armee gelingen, die Großstadt Cherson im Süden des Landes wieder einzunehmen, könnte dies für den Verlauf des Ukraine-Kriegs gewaltige Auswirkungen haben. Seit Beginn der Kämpfe besteht zudem die Gefahr vor dem Einsatz von Atomwaffen. Die Region war von Putins Armee gleich zu Beginn der Invasion im Februar eingenommen worden. Mutmaßlich, weil sie eine wichtige Verbindungsroute zur Halbinsel Krim darstellt. Dass die Gegenoffensive jetzt gestartet wurde, überrascht Experten derweil kaum: Womöglich plant Russland in den kommenden Wochen in den besetzen Regionen Volksabstimmungen, um die Gebiete von der Ukraine zu lösen.

Während das ukrainische Militär sich mit mehreren Frontdurchbrüchen im Süden brüstet, spricht Russland von einem „erbärmlichen Scheitern“. Allerdings musste das Verteidigungsministerium in Moskau die ukrainischen Angriffe im gleichen Zuge bestätigen. Derweil sprach die Pressesprecherin des Südkommandos der ukrainischen Armee, Natalija Humenjuk, am Dienstag, dem 30. August, von „Positionskämpfen“ in den Gebieten Mykolajiw und Cherson. Von einer Eroberung war hingegen nicht die Rede. Um die russischen Soldaten im Kampf zu täuschen, soll das ukrainische Militär indes vermehrt auf Waffenattrappen setzen. Das berichtete die Washington Post.

Sorge um AKW Saporischschja wächst: Raketenangriffe mehren Angst vor Super-Gau – Lieferung von Jodtabletten aus der EU geplant

Doch nicht nur in der Region Cherson scheint das ukrainische Militär immer mehr an Stärke zu gewinnen: In mehreren Landesteilen tobten in den vergangenen Tagen Kämpfe. Eine Region, die dabei besondere Aufmerksamkeit genießt, befindet sich lediglich etwa 200 Kilometer östlich von Cherson. Am Atomkraftwerk Saporischschja, das derzeit wegen der Angst vor einem Super-Gau von Experten inspiziert werden soll, befürchten Beobachter seit Anfang August eine nukleare Katastrophe. Das Problem: Das Areal des AKW ist immer wieder Schauplatz von Raketeneinschlägen. Wer schießt, ist unklar. Russland und die Ukraine beschuldigen sich immer wieder gegenseitig, für die Angriffe verantwortlich zu sein.

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Zwar gingen Experten bisher davon aus, dass die kritische Infrastruktur des AKW Saporischschja auch direkten Raketentreffern standhalten und damit ein Super-Gau verhindert werden könnte, allerdings ist insbesondere der Westen in Sorge, dass sich die Lage weiter zuspitzt. Um auf den Ernstfall vorbereitet zu sein, wollen die EU-Staaten fünf Millionen Kaliumjodidtabletten an die Ukraine spenden, die an Menschen in der Region verteilt werden sollen. Die Lieferung soll durch Deutschland koordiniert werden. Die Tabletten sollen für den Fall genutzt werden, wenn Radioaktivität aus dem AKW austritt.

Lage am Atomkraftwerk ungewiss: Experten der IAEA sollen Situation in Saporischschja bewerten

Ob sich die Lage für das Atomkraftwerk Saporischschja durch die jetzige Offensive der Ukraine weiter verschärfen könnte, kann derzeit nicht abgesehen werden. Allerdings ist der Landweg von Cherson nach Saporischschja nicht allzu weit. Sollte das ukrainische Militär also die militärische Präsenz in der Region intensivieren, könnte die Sicherheit des AKW Saporischschja weiter in Gefahr sein. Das Areal des Atomkraftwerks wird derzeit von russischen Soldaten gehalten. Nach dem wochenlangen Tauziehen um die IAEA-Mission (Internationale Atomenergie-Organisation) zum Kernkraftwerk Saporischschja werden inzwischen Experten in Kiew erwartet, um die Sicherheit am Reaktor zu überprüfen.

Wie die Lage um das AKW Saporischschja künftig gesichert werden kann, ist derzeit noch unklar. Zuletzt wurde vom US-Sicherheitsrat eine entmilitarisierte Zone um das Kraftwerk befürwortet. Während die Ukraine dem Vorschlag positiv gegenübersteht, lehnt Russland dies weiter ab. Derweil geht die größte Gefahr nicht vom Atomkraftwerk selbst aus, sondern von Zwischenlagern, die Raketenangriffen nicht standhalten könnten.

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