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Im Ukraine-Krieg scheint immer wieder eine Eskalation rund um das AKW Saporischschja zu drohen. Was würde eine Sprengung genau bedeuten?
Kiew – Die Ukraine wirft dem Kreml vor, Russland plane eine Sprengung des AKW Saporischschja. Nato und Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) reagierten besorgt. Mittlerweile hat sich die Lage Experten zufolge wieder beruhigt, doch die Angst vor einer strategischen Zerstörung von Europas größtem Atomkraftwerk kocht im Ukraine-Krieg seit Monaten immer wieder hoch. Was könnte passieren, wenn Russland das AKW Saporischschja im Süden der Ukraine tatsächlich eines Tages sprengt?
Die guten Nachrichten sind zunächst, dass Experten die nukleare Gefahr durch eine Sprengung des AKW Saporischschja als relativ gering einstufen. Grund hierfür ist, dass die Reaktoren des AKW Saporischschja bereits vor zehn Monaten abgeschaltet wurden und dadurch nicht mehr im Betrieb sind. Das habe gleich zwei positive Auswirkungen, erklärt Mark Zhelezniak, ein ukrainischer Professor am Institut für Umweltradioaktivität der Universität Fukushima in Japan, im Gespräch mit dem Kiev Independent.
1. Überhitzung des AKW Saporischschja nach Zerstörung wäre „ein langer Prozess“
Um beide „Vorteile“ im Fall von Saporischschja zu verstehen, müsse man zunächst den Vorgang und Folgen eines nuklearen Unfalls vor Augen haben. Eine Katastrophe wie Tschernobyl komme laut Zhelezniak zustande, weil der radioaktive Brennstoff in einen oder mehrere Reaktoren des Atomkraftwerks unkontrolliert überhitzt und dadurch eine Kernschmelze des Reaktors verursacht.
Eine Sprengung kann genau zu einer solchen Reaktion führen. „Wenn dies geschieht, beginnt der Brennstoff zu überhitzen, und wenn der Reaktor in Betrieb ist, ist dies ein sehr schneller Prozess“, sagte Zhelezniak. Hier kommt er zur ersten positiven Bedingung im AKW Saporischschja: Die Reaktoren sind nicht im Betrieb. Dadurch dauere „dieser Prozess viel länger, und es kommt vielleicht gar nicht zu einer Explosion“. Die Ukraine bereitet sich trotzdem auf den Ernstfall im AKW Saporischschja vor.
2. Im Fall von Sprengung durch Russland: AKW Saporischschja frei von Radionukliden
Zweitens seien die Folgen eines nuklearen Unfalls von der Art und Menge der freigesetzten Radionuklide ab, so zum Beispiel das gefährliche Isotop Jod. „In Fukushima hatten wir die Kernschmelzen von Reaktoren, die in Betrieb waren. Dort entstehen bei der Kernspaltung Plutonium, Cäsium und radioaktive Jod-Isotope. Jedes dieser Isotope hat eine eigene Halbwertszeit.“ Jod habe zum Beispiel eine Halbwertszeit von acht Tagen. Die Reaktoren wurden vor zehn Monaten abgeschaltet. „Also ist die naheliegende Schlussfolgerung, dass es kein Jod mehr gibt“, so Zhelezniak weiter.
Die geringere Gefahr durch die abgeschalteten Reaktoren im AKW Saporischschja bestätigte auch William Alberque, Direktor für Strategie, Technologie und Rüstungskontrolle am International Institute for Strategic Studies, gegenüber ABC News: „Ein Zwischenfall würde keinen aktiven Reaktor betreffen, der enorme Umweltgefahren, Schäden und Todesfälle verursachen könnte.“ Trotzdem betont der Experte, die Warnung der Ukraine ernst zu nehmen.
Sprengung des AKW Saporischschja: Russland kann trotzdem großen Schaden anrichten
Von außen sei das AKW Saporischschja gut geschützt und könne einiges an Beschuss einstecken. Einen erheblichen Schaden könnte Russland aber anrichten, wenn das AKW von innen heraus gesprengt wird. Russische Truppen müssten dann wochenlang sicherstellen, dass sich keine Hilfe nähern kann. In diesem Fall würde sich der Brennstoff anstauen und explodieren.
„Wir sprechen nicht davon, einen aktiven Reaktor zu öffnen, wie es in Tschernobyl der Fall war, aber man würde die Brennstoffanlage verbrennen, wahrscheinlich in der Hoffnung, dass sie durch den Boden schmilzt und ein Ereignis wie in Fukushima verursacht. Aber das würde sehr lange dauern“, so Alberque weiter über die Lage im AKW Saporischschja.
Doch inwiefern würde Russland von einer solchen Katastrophe profitieren? Laut dem Experten könnte Putin dadurch der ganzen Welt und vor allem dem Westen große Sorgen bereiten – sozusagen seine Macht und Gefährlichkeit demonstrieren. Russland selbst wäre dabei nicht von nuklearen Konsequenzen betroffen. Dass Russland das AKW Saporischschja wochenlang abschirmt, ist laut aktuellem Stand aber unwahrscheinlich. Aufgrund der angespannten Lage ist die IAEA in der Ukraine vor Ort und hat die Aktivität genauestens im Blick.
AKW Saporischschja: Was könnte passieren, wenn Russland das Atomkraftwerk zerstört?
Die American Nuclear Society hat zu gegebenem Anlass am 5. Juli ein Statement veröffentlicht, in dem betont wird, dass sich die Auswirkungen eines zerstörten AKW Saporischschja in Grenzen halten würden:
„Unsere Experten haben sorgfältig ‚Worst-Case-Szenarien‘ erwogen, einschließlich Bombardierung und vorsätzlicher Sabotage der Reaktoren und der Lagerbehälter für abgebrannte Brennelemente. Sie können keine Situation vorhersehen, die zu strahlenbedingten gesundheitlichen Folgen für die Bevölkerung führen würde.“ Die Freisetzung von radioaktivem Material würde sich laut der Gesellschaft auf die unmittelbare Umgebung der Reaktoren beschränken. „In dieser Hinsicht ist jeder Vergleich zwischen dem [AKW Saporischschja] und ‚Tschernobyl‘ oder ‚Fukushima‘ sowohl unzutreffend als auch irreführend.“
Laut Alberque müssten Menschen im Umkreis von 20 Meilen rund um den Reaktor mit den Sicherheitsmaßnahmen im Falle einer Zerstörung befassen und sich bei einer Warnung ins Haus begeben. Menschen, die sich draußen aufhalten, sollten in einem solchen Fall ihre Kleidung ausziehen und sich so schnell wie möglich waschen. (nz)
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