Angst vor AKW-Anschlag: Selenskyj-Berater beschimpft Atombehörden-Chef – „Haben herumgealbert“
VonStephanie Munk
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Die Furcht vor einem verheerenden Anschlag auf das AKW Saporischschja in der Ukraine steigt. Bei einem Berater von Selenskyj kochen jetzt die Emotionen hoch.
Saporischschja - Es wäre eine weitere Katastrophe im Ukraine-Krieg: Moskau und Kiew werfen sich gegenseitig vor, demnächst einen Anschlag auf das ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja zu planen. Für internationale Beobachter ist die Lage am AKW wegen fehlender neutraler Informationen schwer zu überblicken. Bisher hat keiner der beiden Seiten Beweise vorgelegt.
In der Ukraine jedenfalls scheint die Nervosität groß zu sein: Mychajlo Podoljak, ein wichtiger Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, schimpfte jetzt im ukrainischen Fernsehen über den Chef der Internationalen Atomaufsichtsbehörde (IAEA), Rafael Grossi. Dessen Bemühungen hätten keinerlei Wirkung gezeigt, behauptete er.
Grossi hätte „herumgealbert“, anstatt die Position der IAEA von Anfang deutlich zu machen, kritisierte Podoljak. „Und wenn es eine Katastrophe gibt, dann wird er sagen, dass sie nichts damit zu tun hatten und ja vor allen Gefahren gewarnt hatten.“
„Kehrtwende“ beim AKW Saporischschja? Grossi verteidigt sich
Podoljak wirft der IAEA vor, sie hätte bei den Bemühungen um die Sicherheit am AKW Saporischschja eine „Kehrtwendung“ gemacht. Rafael Grossi hatte am Freitag (30. Juni) zu den Befürchtungen der Ukraine gesagt: „Wir nehmen all diese Berichte sehr ernst.“ Es sei der IAEA „bekannt“, dass früher Minen im Umkreis des AKW und an bestimmten Stellen in der Anlage platziert worden seien. Welche Informationen der IAEA dazu vorliegen, führte er nicht aus.
Internationale Beobachter, die dauerhaft im Atomkraftwerk Saporischschja stationiert sind, hätten bislang keine Anzeichen für Verminung durch die Besatzer gesichtet, hatte Grossi am Freitag außerdem mitgeteilt. Das Team habe jedoch zu einigen Bereichen der Anlage noch keinen Zugang erhalten. Teile der Turbinenhallen und des Kühlsystems müssten noch inspiziert werden.
Anschlag am AkW Saporischschja unmittelbar bevor?
Russland und die Ukraine bezichtigen sich seit einigen Tagen gegenseitig eines angeblich unmittelbar bevorstehenden Anschlags auf Europas größtes Atomkraftwerk im Süden der Ukraine. Am Dienstagabend (4. Juli) sagte Selenskyj in einer Videoansprache: „Wir haben jetzt von unserem Geheimdienst die Information, dass das russische Militär auf den Dächern mehrerer Reaktorblöcke des AKW Saporischschja Gegenstände platziert hat, die Sprengstoff ähneln.“ Er kritisierte: „Leider gab es keine rechtzeitige und breite Reaktion auf den Terroranschlag gegen das Wasserkraftwerk Kachowka. Und das kann den Kreml zu neuen Übeltaten inspirieren.“
Selenskyj sagte auch, möglicherweise wolle Russland ein Anschlag auf das Kraftwerk simulieren und die Ukraine als Drahtzieher beschuldigen. Er forderte internationalen Druck auf Russland, um das zu verhindern.
Ukraine-Krieg: Präsident Selenskyj wendet sich per Video an die Welt
Russland bezichtigt Ukraine, Anschlag auf AKW Saporischschja zu planen
Aus dem Kreml hieß es dagegen, die ukrainischen Streitkräfte planten selbst einen Angriff auf das AKW, das nahe der Front liegt. Renat Kartschaa, Berater des Chefs der russischen Atomenergiebehörde Rosenergoatom, hatte am Dienstag (4. Juli) im Staatsfernsehen behauptet, die ukrainischen Streitkräfte würden bereits in der Nacht zum Mittwoch (5. Juli) versuchen, das AKW Saporischschja mit Raketen und Drohnen anzugreifen. Zeitgleich wolle die Ukraine eine mit Atomabfällen bestückte Bombe abwerfen. Beweise für die Anschuldigung brachte er nicht vor - genauso wenig wie die ukrainische Seite.
Russland besetzte AKW Saporischschja kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs
Russische Truppen halten das Atomkraftwerk Saporischschja seit März 2022, kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs, besetzt. Der riesige Komplex geriet während des Ukraine-Kriegs mehrfach unter Beschuss, was immer wieder die Sorge vor einer Atomkatastrophe schürt. Aus Sicherheitsgründen wurde das AKW inzwischen heruntergefahren. Eine Beobachtermission der Internationalen Atomenergiebehörde ist vor Ort. (smu/dpa/Reuters)