Nawalnys Mutter wendet sich an Putin: „Lassen Sie mich meinen Sohn sehen“ – Gericht spielt auf Zeit
VonNail Akkoyun
schließen
Alexej Nawalnys Familie hat noch immer keinen Zugang zum Leichnam. Die Mutter des Kremlkritikers hat nun Klage eingereicht. Das Gericht will erst im März verhandeln.
Update vom 21. Februar, 12.40 Uhr: Mit einer Klage will die Mutter des in Haft gestorbenen russischen Kremlkritikers Alexej Nawalny die Herausgabe des Leichnams erreichen - doch das zuständige Gericht in der sibirischen Stadt Salechard will sich damit erst in rund anderthalb Wochen beschäftigen. Die Verhandlung zu dem Antrag von Ljudmila Nawalnaja sei für den 4. März angesetzt worden und solle hinter verschlossenen Türen stattfinden, meldete die staatliche russische Nachrichtenagentur Tass am Mittwoch. Die Behörden hatten den Angehörigen Nawalnys laut seinem Team zuvor erklärt, die Leiche werde wegen «chemischer Untersuchungen» noch zwei Wochen unter Verschluss bleiben.
Nach Nawalny-Tod: Mutter streitet weiter um Herausgabe der Leiche an Familie
Erstmeldung: Charp – Fünf nach Tage der Nachricht über den Tod von Alexej Nawalny hat die Familie den Leichnam des Kremlkritikers noch immer nicht zu Gesicht bekommen. Das Team von Nawalny, das aus dem Exil heraus Oppositionsarbeit gegen Wladimir Putin betreibt, wirft dem russischen Machtapparat Mord vor. Nun hat sich Nawalnys Mutter zu Wort gemeldet.
Per Videobotschaft auf Youtube richtete sich Ljudmila Nawalnaja an Putin und bat um die Herausgabe des Leichnams. Sie stehe vor dem Straflager „Polarwolf“ und warte schon den fünften Tag darauf, dass sie ihren Sohn sehen dürfe, sagte sie.
„Ich wende mich an Sie, Wladimir Putin. Die Entscheidung der Frage hängt nur von Ihnen ab. Lassen Sie mich doch endlich meinen Sohn sehen“, sagte Nawalnaja. „Ich fordere, unverzüglich den Körper Alexejs herauszugeben, damit ich ihn auf menschliche Weise beerdigen kann“, fügte sie hinzu. Sie erhalte bisher weder den Leichnam, noch werde ihr gesagt, wo dieser aufbewahrt werde.
Nawalnys Leiche wird nicht freigegeben: Kreml lehnt EU-Forderung ab
Zuvor hatten Ermittlerinnen und Ermittler laut Nawalnys Team gesagt, die Leiche werde wegen Untersuchungen noch 14 Tage unter Verschluss gehalten. Dagegen fordern Angehörige und Mitarbeitende des Oppositionellen die Herausgabe des Leichnams. Ein Sanitäter berichte unter anderem von Prellungen und Blutergüssen am Körper des Kremlkritikers.
In Russland wurden in den vergangenen Jahren immer wieder Kritiker Putins ermordet. Auch wird gegen Proteste und öffentliche Beileidsbekundungen hart vorgegangen – innerhalb weniger Tage wurden mehr als 400 Menschen bei entsprechenden Veranstaltungen festgenommen. Viele wurden zu Arrest- oder Geldstrafen verurteilt.
Der Kreml hat indes eine von der EU geforderte internationale Untersuchung zum Tod Nawalnys abgelehnt. „Solche Forderungen akzeptieren wir überhaupt nicht“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Dienstag (20. Februar) russischen Nachrichtenagenturen zufolge. Russland sieht darin – wie so häufig – eine Einmischung in seine inneren Angelegenheiten.
Alexej Nawalny ist tot: Protest, Anschläge, Gefängnis – sein Leben in Bildern
Russland jagt Dissidenten: Bruder von Alexej Nawalny auf Putins Fahndungsliste
Sorgen könnte Ljudmila Nawalnaja nun auch die Sicherheit ihres anderen Sohns, Oleg Nawalny, machen. Der Bruder von Alexej Nawalny wurde am Dienstag auf Putins Fahndungsliste gesetzt, russische Behörden suchen nach ihm. Berichten zufolge soll er sich aber seit 2021 nicht mehr in Russland finden. In Deutschland war Oleg Nawalny unter anderem bei Demonstrationen vor der russischen Botschaft im Januar 2022 zu sehen.
Laut einer Meldung der russischen Staatsagentur Tass haben die Behörden ein neues Strafverfahren gegen Oleg Nawalny eingeleitet. Erst im Jahr 2021 war Oleg Nawalny wegen Verstoßes gegen Corona-Bestimmungen zu einer einjährigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Darüber hinaus wurde er im selben Jahr beschuldigt, die russische Bevölkerung zur Teilnahme an einer Kundgebung für seinen Bruder aufgerufen zu haben. (nak/dpa)