„Auf Trumps Speisekarte“: Ein Krieg der USA gegen Europa ist wahrscheinlicher als ein Angriff Russlands
VonAlexander Görlach
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Donald Trumps neuer Imperialismus bedroht nicht nur Grönland, sondern ganz Europa. Russland und China sind begeistert, schreibt Analyst Alexander Görlach.
Die globale Sicherheitsarchitektur der Welt beruhte nach 1948 auf der unbedingten Akzeptanz nationaler Souveränität. Für die westlichen, transatlantischen Akteure, die auch in dieser neuen Weltordnung den zentralen Platz einnahmen, war dieses Versprechen nicht in der Weise zentral wie für die vielen Länder, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, bis weit in die Sechzigerjahre hinein, diese Souveränität gegen Kolonialherren erkämpfen mussten. Angolas Kampf gegen Portugal, Algeriens Freiheitskampf gegen Frankreich und Indonesiens Befreiung vom niederländischen Joch kamen mit einem hohen Blutzoll.
„Imperialer Move“: Trump will Dänemark Grönland entreißen
Die Nachwirkungen dieser Ära, die bis heute spürbar sind, bestimmen die Sicht des sogenannten globalen Südens auf die geopolitischen Gegebenheiten und Krisen dieser Welt. Doch anstelle eines langsamen Todes feiert der Imperialismus nun fröhliche Urständ und ist in Europa angekommen.
Der Griff Washingtons nach Grönland ist der erste imperiale Move eines westlichen Landes gegen ein anderes seit der Etablierung dieser neuen Weltordnung vor nunmehr 80 Jahren. Entsprechend groß ist die Verwirrung in Europa, auf der Speisekarte der USA gelandet zu sein, und nicht, wie man fürchtete, auf der Russlands oder Chinas.
Trump greift nach Grönland: Der Streit um die Arktisinsel in Bildern
Donald Trump hat diese schwerste Krise des westlichen Bündnisses ohne Not heraufbeschworen. Denn die USA haben aufgrund von bereits bestehenden Verträgen mit Dänemark, zu dem das autonome Grönland, eine Kolonie Kopenhagens und somit ebenfalls ein Relikt des kolonialen und imperialen Zeitalters, gehört, umfassende Rechte für militärische Nutzung. Donald Trump könnte deshalb morgen schon weitere Militärbasen errichten und mit dem Bau des Iron Dome, eines Schutzschilds gegen feindliche Raketen, beginnen.
Doch Donald Trumps Motivation, von der er in einem Interview mit der New York Times sprach, gibt sich damit nicht zufrieden. Für ihn zählt das gute Gefühl, das es ihm bereiten würde, psychologisch, wie er sagt, das Territorium zu besitzen und nicht etwa „nur“ umfassende Nutzungsrechte zu genießen. Diesen „Appetit“ auf das Territorium anderer Staaten legen im Moment solche Potentaten an den Tag, die wie Russlands Wladimir Putin und Chinas Xi Jinping unerschütterlich daran glauben, dass die Welt aus Großmächten besteht, die in ihren jeweiligen Einflusszonen schalten und walten können, wie sie wollen.
Putins Insistieren darauf, dass es keine Ukraine gibt, sondern dass dieses Land ein integraler Teil Russlands sei, Xi Jinpings neun Linien, die er in den Westpazifik zeichnet und fälschlicherweise behauptet, dass dieser Teil des Meeres schon immer chinesisch gewesen sei, sind desselben Geistes Kind wie Donald Trumps Behauptung „We need Greenland“. Diese Weltanschauung ist das Gegenteil dessen, was in der Charta der Vereinten Nationen grundgelegt ist.
Grönland-Streit: „Der Kreml schaut dem Treiben genauso begeistert zu wie die chinesische Führung“
Es versteht sich von selbst, dass ein Verteidigungsbündnis mit Beistandsverpflichtung implodiert, wenn ein Bündnispartner einen anderen angreift. Zwar hat es in der Vergangenheit Verwerfungen in dem Bündnis zwischen Griechenland und der Türkei gegeben. Aber einige argumentieren, dass es eben die Mitgliedschaft in der NATO gewesen sei, weswegen diese alte Rivalität, besonders nach der türkischen Invasion Zyperns 1974, nicht völlig eskaliert sei.
Mit Blick auf dieses historische Beispiel sagen nun einige Analysten, dass Grönland am Ende zu klein sei, um darüber die NATO zerbrechen zu lassen. Doch das würde einer Kompromissbereitschaft vonseiten Washingtons bedürfen, was nicht Donald Trumps Art ist. Dass Europa sich gegen Strafzölle wehrt, die der US-Präsident verhängt hat, weil sich Europa gegen eine Annexion à la Putin durch die USA wehrt, zeigt an, dass die Weichen auf Eskalation und nicht auf Kompromiss und gesichtswahrende Lösung für alle Beteiligten stehen.
Ein Szenario, in dem dänische, französische und Soldaten anderer NATO-Staaten einer Invasionsmacht aus den USA gegenüberstehen, ist im Moment realistischer als eine kriegerische Konfrontation mit Russland. Der Kreml schaut dem Treiben genauso begeistert zu wie die Führung der Volksrepublik China: Trump agiert hochnotpeinlich, macht sich und die USA vor den Augen der Welt zum Gespött und zerstört sowohl die wirtschaftlichen wie auch militärischen Grundlagen für Amerikas Führerschaft.
Diese Entwicklung ist kurz- und mittelfristig nicht mehr umkehrbar, die zerstörten Beziehungen zu Europa nicht reparabel. Dass ein Krieg zwischen Europa und den USA, ein Krieg unter NATO-Partnern, überhaupt in den Bereich messbarer Wahrscheinlichkeit (wenngleich immer noch im einstelligen Prozentbereich) tritt, hätte vor nicht allzu langer Zeit ungläubiges Kopfschütteln nach sich gezogen. Jetzt ist dieses Szenario realistisch.
Deshalb muss der Rest der NATO so schnell wie möglich seine Sicherheit selbst regeln. Europa wird nun von allen Seiten von autoritären Staaten herausgefordert. Eine neue Wirklichkeit, die jetzt erst einmal begriffen werden muss. Andernfalls landet der gesamte Kontinent auf der Speisekarte Amerikas, Russlands und Chinas, und es wird die Alte Welt sein, die dieses Mal kolonialisiert werden wird. (Dr. Alexander Görlach unterrichtet Demokratie-Theorie an der New York University)