Was passiert, wenn Donald Trump Grönland angreift? Ein Gedankenspiel
VonChristoph Elzer
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Donald Trump schließt einen Militäreinsatz in Grönland nicht aus. Der Angriff würde die NATO und die Weltwirtschaft zerstören. Ein Gedankenspiel.
Washington – Die Drohungen klingen absurd, geradezu grotesk. Doch Donald Trump meint es ernst. Der US-Präsident schließt einen Militäreinsatz in Grönland nach wie vor nicht aus. Seine Sprecherin Karoline Leavitt erklärte, der Einsatz des US-Militärs stehe dem Präsidenten „selbstverständlich“ als Option zur Verfügung.
Was nach politischem Theater klingt, könnte dramatische Folgen haben. Grönland gehört zu Dänemark. Dänemark ist NATO-Mitglied. Ein Angriff auf Grönland wäre ein Angriff auf die Allianz selbst. Die westliche Sicherheitsarchitektur, nach 1945 gegründet und nach 1989 erneuert, würde in sich zusammenfallen. Doch die Folgen wären noch viel weitreichender, wie ein Blick auf das schlimmstmögliche Szenario zeigt.
Politischer Zwitter: Grönland gehört zur Nato, aber nicht zur EU
Grönland ist weitgehend autonom, gehört offiziell aber zum Königreich Dänemark. Bis 1953 war die Insel dänische Kolonie. Die Regierung in Kopenhagen entscheidet über die Außen- und Verteidigungspolitik Grönlands. In der Vergangenheit haben auch die USA in mehreren Verträgen anerkannt, dass Grönland zu Dänemark gehört.
Aufgrund der Anbindung an Dänemark ist Grönland Teil der NATO. Zur EU gehört die Insel allerdings nicht – 1982 stimmte die Bevölkerung für einen Austritt aus der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, dem Vorläufer der EU.
Ein Abkommen aus dem Jahr 1951, das 2004 erneuert wurde, regelt die Verteidigung Grönlands zwischen den USA und Dänemark. Doch dieses Abkommen ist kein Vertrag, sondern ein Executive Agreement. Trump könnte sich mit einem simplen Federstrich davon lösen. Anders als Verträge benötigen solche Abkommen keine Zustimmung des Senats. Der Präsident kann sie einseitig aufkündigen.
Grönland annektieren: Trump hat 60 Tage Zeit
Sollte Trump tatsächlich militärisch vorgehen, müsste er den Kongress innerhalb von 48 Stunden informieren. Das schreibt der War Powers Act von 1973 vor. Ohne Kriegserklärung oder ausdrückliche Genehmigung des Kongresses dürften US-Truppen maximal 60 Tage im Einsatz bleiben, plus 30 Tage für den Rückzug.
Beide Szenarien – eine Kriegserklärung gegen Grönland oder eine Autorisierung zum Einsatz militärischer Gewalt – sind höchst unwahrscheinlich. Doch 60 Tage könnten ausreichen, um Grönland unter Kontrolle zu bringen. Hinzu kommt: Der War Powers Act wurde in der Vergangenheit mehrfach missachtet. Die Resolution hat Präsidenten bisher kaum aufgehalten, wenn sie militärisch vorgehen wollten.
Trump greift Grönland an: Das Ende der NATO
Völkerrechtlich wäre ein Angriff auf Grönland eindeutig unrechtmäßig. Es wäre ein Angriff auf dänisches Staatsgebiet. Es wäre ein Angriff auf NATO-Territorium. Artikel 5 des NATO-Vertrags besagt, dass ein bewaffneter Angriff gegen ein oder mehrere Mitglieder als Angriff gegen alle gilt. Die Mitgliedstaaten wären verpflichtet, dem angegriffenen Mitglied beizustehen.
Die Parteien vereinbaren, dass ein bewaffneter Angriff gegen eine oder mehrere von ihnen in Europa oder Nordamerika als ein Angriff gegen sie alle angesehen wird
Doch was passiert, wenn der Angreifer selbst NATO-Mitglied ist? Darauf hat die Allianz keine Antwort. Der Fall wurde nie vorgesehen. Die NATO wurde gegründet, um Europa vor der Sowjetunion zu schützen. Nicht, um Europa vor den USA zu schützen. Es entstünde ein unauflösbares Paradoxon. Alle NATO-Staaten müssten dem angegriffenen Staat gegen den Aggressor helfen – und damit wiederum selbst ein NATO-Mitglied angreifen.
Dementsprechend würde ein solcher Angriff der USA unweigerlich das Kollabieren der NATO nach sich ziehen – und damit auch das der bekannten Weltordnung. Plötzlich gäbe es nicht mehr den einen großen, westlichen Interessens- und Verteidigungsblock. Stattdessen gäbe es die USA, die EU und jene Länder, die der NATO angehörten, aber kein EU-Mitglied sind. Zum Beispiel Großbritannien oder die Türkei. Zersplitterung statt Einheit. Russland und China könnten ihr Glück vermutlich kaum fassen.
[…] sie vereinbaren daher, dass im Falle eines solchen bewaffneten Angriffs jede von ihnen […] Beistand leistet, […] um die Sicherheit des nordatlantischen Gebiets wiederherzustellen und zu erhalten.
Ohne die NATO gäbe es auch keine NATO‑Stützpunkte der US-Streitkräfte in Europa. Europa würde wohl die Schließung sämtlicher US-Stützpunkte und den Abzug aller amerikanischen Truppen auf dem Kontinent fordern. Ramstein in Deutschland, Aviano in Italien, Lakenheath in Großbritannien und mehr als 120 weitere amerikanische oder von den Amerikanern mitgenutzte Stützpunkte. Die Fähigkeit der USA, Macht im Nahen Osten oder in Afrika auszuüben, verschwände über Nacht. Israel verlöre seine Schutzmacht. Das politische und militärische Gleichgewicht in der arabischen Welt würde dramatisch ins Wanken geraten.
Krieg um Grönland: Wirtschaftlicher Kollaps in Europa und den USA
Dann käme die ökonomische Atombombe. Die Europäische Union ist der größte Binnenmarkt der Welt. Sie würde ihn vermutlich als Waffe gegen die USA einsetzen. Europa könnte US-Staatsanleihen abstoßen und Dollarreserven auf den Markt werfen. Der Wert der amerikanischen Währung würde dadurch dramatisch abstürzen.
US-Konzerne stünden in Europa vor dem Aus. Apple, Google, Microsoft, McDonald‘s, Tesla – sie alle haben die Nähe zur Trump-Regierung gesucht und würden dann vermutlich aus dem europäischen Markt gedrängt. Das Worst-Case-Szenario für die Wirtschaft: Vermögen würden beschlagnahmt, Geschäfte verboten.
Selbstverständlich würden die USA genauso reagieren und europäische Firmen aus ihrem Markt ausschließen. Von deutschen Autobauern bis zu spezialisierten mittelständischen Unternehmen – sie alle würden plötzlich den oftmals überlebenswichtigen Absatzmarkt USA verlieren.
Es wäre der Beginn einer neuen Weltwirtschaftskrise. Möglicherweise der schwersten aller Zeiten.
Flugverbot und kollabierende Logistikketten
Am Himmel würde es innerhalb kürzester Zeit still. Nicht nur, dass Flüge von den USA nach Europa oder umgekehrt wohl eingestellt würden, da sich die Nationen de facto im Krieg befinden würden. Es würde vermutlich auch zum großen Flugzeug-Boykott kommen: Europa setzt keine Boeing-Maschinen mehr ein, die USA nicht mehr die von Airbus. Denn die Beschaffung von Ersatzteilen und Wartungsmaterial würde unmöglich werden. Ein Szenario, das Russland derzeit infolge des Ukraine-Kriegs durchlebt.
Die Folgen wären individuell und global gigantisch. Wer sich gerade in Paris oder New York aufhält, ist dort gestrandet. Die gesamte Warenlogistik würde zusammenbrechen. Von Unterhaltungselektronik über Maschinenteile bis hin zu Medikamenten – nichts wäre mehr frei verfügbar. Ein unaufhaltsamer Brandbeschleuniger für den globalen Flächenbrand Wirtschaftskrise.
Kulturelle Isolation und das Ende allen Vertrauens
Auch kulturell würde die Isolation schmerzhaft. Das Internationale Olympische Komitee und die FIFA hätten keine andere Wahl, als die USA als Aggressor von Wettbewerben auszuschließen – so wie derzeit Russland. Amerikanische Künstler würden genauso wenig in Europa auftreten können wie europäische Orchester in den USA. Gemeinsame Kinoproduktionen von europäischen und amerikanischen Studios, Welt-Tourneen von Superstars, internationale Preisverleihungen – alles würde von den Konfliktparteien gegenseitig boykottiert werden.
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Für einzelne US-Bürgerinnen und ‑Bürger würden die Konsequenzen persönlich und schmerzhaft. Visafreies Reisen nach Europa würde sofort enden. Amerikaner, die derzeit in Europa leben oder arbeiten, verlören ihren rechtlichen Schutz und Aufenthaltsstatus. Sie würden zu unerwünschten Personen, möglicherweise drohten sogar Abschiebung oder Internierung. Angesichts des aktuellen Vorgehens von ICE ist es naheliegend, dass die USA im Gegenzug genauso mit Europäern verfahren würden.
Es wäre darüber hinaus und vor allem das Ende allen Vertrauens. Und das ließe sich nicht zurückdrehen. Man kann nicht einfach einen demokratischen Verbündeten überfallen und nach der nächsten Präsidentschaftswahl sagen: „War alles nicht so gemeint.“
Der psychologische Bruch wäre dauerhaft. Europa würde die Vereinigten Staaten nicht mehr als Partner wahrnehmen, sondern als ein unberechenbares Raubtier. Es würde eigene Verteidigungsstrukturen aufbauen, eigene Finanzsysteme, eigene Allianzen – die gezielt die USA ausschlössen. Das Erbe Trumps wäre nicht ein starkes, sondern ein isoliertes Amerika. Und vermutlich der wirtschaftliche Ruin zweier Kontinente. (cel)