Analyse der Brandenburg-Wahl: AfD gewinnt bei jungen und armen Menschen
VonMichael Kister
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Das Kräftemessen zwischen SPD und AfD prägte die Landtagswahl in Brandenburg. Wer brachte die Sozialdemokraten an die Spitze? Ein Generationenkonflikt zeichnet sich ab.
Potsdam – Bezeichnend für das Kopf-an-Kopf-Rennen, das sich SPD und AfD bei der Landtagswahl in Brandenburg lieferten, ist das Direktstimmen-Ergebnis im Wahlkreis des amtierenden und mutmaßlich zukünftigen Ministerpräsidenten Dietmar Woidke von den Sozialdemokraten. So wie es aussieht, unterlag er dort um sieben Stimmen seinem AfD-Konkurrenten Steffen Kubitzki. Auch die Zweitstimmen zeichnen ein klares Bild: Beinahe in jedem Wahlkreis, in dem die SPD stärkste Kraft wurde, belegte die AfD Platz zwei und umgekehrt. Die Grünen konnten einen zweiten Platz nur in Potsdam I ergattern, die CDU lediglich in Potsdam-Mittelmark IV.
Doch wer wählte die SPD, wer die AfD? Bei welchen Wählergruppen verzeichneten die beiden Konkurrenten den größten Zuwachs? Und wo kamen diese Stimmen her? Die Nachwahlbefragungen von Infratest dimap deuten darauf hin, dass die AfD im Vergleich zur letzten Landtagswahl 2019 in allen Gruppen stärker wurde, aber besonders viele 16- bis 24-Jährige überzeugen konnte. Die SPD schlug bei den Über-60-Jährigen allerdings sowohl die AfD als auch ihr eigenes Gesamtergebnis.
Während Dietmar Woidke (li.) und seine SPD dank der Rentner triumphieren, gewinnt Hans-Christoph Berndts (re.) AfD am deutlichsten bei den Unter-25-Jährigen hinzu.
Rechtsruck bei den jungen Brandenburgern? Über-60-Jährige stützen SPD bei Wahl
Die AfD verdoppelte im Segment der 16- bis 24-Jährigen glatt ihr Ergebnis von 15,5 auf 31 Prozent. Größere Zugewinne konnte die Partei in keiner anderen Wählergruppe einfahren, ungeachtet dessen, ob die Wählerschaft nach Alter, Geschlecht, Bildungsgrad, Tätigkeit oder finanzieller Lage eingeteilt wird. Bei den jüngsten Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen sah das ganz ähnlich aus. 2019 waren in Brandenburg in dieser Gruppe noch die Grünen mit 31 Prozent – so viel wie jetzt die AfD erhalten hat – stärkste Kraft. Sie fielen nun auf 6 Prozent und damit hinter AfD, SPD, BSW und CDU.
„Gerade die jüngsten Wähler:innen senden mit den Wahlen das Signal, dass sie einen Politikwechsel wollen“, ordnete der Soziologe Axel Salheiser, wissenschaftlicher Leiter des Jenaer Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft, gegenüber der Süddeutschen Zeitung die AfD-Erfolge im Osten ein. „Die Jungen vertrauen den etablierten Parteien nicht“, fuhr er fort, weil das Gefühl herrsche, „dass sie und die vermeintlichen Eliten, die hinter ihnen stehen, sich nicht mehr um sie kümmern.“
Umso älter die Menschen in Brandenburg hingegen sind, desto eher wählten sie die SPD. Für die AfD gestaltete sich dieser Trend genau umgekehrt. Waren die Sozialdemokraten bei den 60- bis 69-Jährigen bereits stärker (35 Prozent) als die AfD (28 Prozent), so fuhren sie mit 49 Prozent ihr bestes Ergebnis in der Gruppe der Über-70-Jährigen ein. Die AfD landete hier bei 17 Prozent.
Brandenburg-Wahl 2024: Die Arbeiter entscheiden sich für die AfD, die Akademiker für die SPD
Blickt man auf die Tätigkeit, überrascht es in Anbetracht der Altersverteilung wenig, dass sich 40 Prozent der im Ruhestand befindlichen Wählenden bei der Brandenburg-Wahl 2024 für die SPD entschieden, während gerade einmal 22 Prozent von ihnen ihr Kreuz bei der AfD machten. Bei Angestellten und Selbständigen konnte die SPD Zugewinne von 9 bzw. 12 Prozent verzeichnen, die wohl vor allem von den Grünen und aus der Gruppe der Nichtwähler kamen: Insgesamt wanderten diesmal 51.000 Menschen, die 2019 der Wahl ferngeblieben waren, und 47.000, die sich für die Habeck-Partei entschieden hatten, zur SPD ab.
Diese Bewegung dürfte ebenso wie jene von 25.000 Linken-, 13.000 CDU- und 7.000 Freie Wähler-Stimmen zur SPD ein Resultat des zugespitzten Wahlkampfes sein, den der Ministerpräsident betrieb: „Wenn ich gegen die AfD verliere, bin ich weg“, so Woidke im Vorfeld der Landtagswahl. „Es scheint so zu sein, dass es wiederum, wie schon so oft in der Geschichte, Sozialdemokraten waren, die Extremisten auf ihrem Weg zur Macht gestoppt haben“, sagte er daher auf der SPD-Wahlparty. Grüne, Linke und Freie Wähler wurden jedenfalls auch gestoppt, allerdings beim Einzug in den Landtag.
Besonders schmerzhaft dürfte es für die ehemalige Arbeiter-Partei sein, dass sie nur 24 Prozent ihrer Kern-Klientel überzeugen konnte, während die AfD mit 46 Prozent beinahe die Hälfte aller Brandenburger Arbeiterstimmen erhielt. Stattdessen wurde die SPD zur Akademikerpartei, denn 34 Prozent der Wählerinnen und Wähler mit einem hohen Bildungsgrad setzten ihr Vertrauen in sie. Bei der AfD waren es nur 21 Prozent, doch sie hatte bei den Menschen mit niedrigem und mittlerem Bildungsgrad die Nase vorn.
Wer wenig Geld hat, wählt die AfD – und das BSW überzeugt in allen Gruppen
Noch tiefer ist der Graben, wenn man die finanzielle Lage der Wähler in den Fokus nimmt. Wer sie als „gut“ angab, wählte tendenziell die SPD, die in dieser Gruppe seit 2019 um 7 Prozent auf 34 Prozent zulegen konnte (AfD: 25 Prozent). Bei den Personen, die ihre finanzielle Lage als „schlecht“ klassifizierten, zog die AfD den Sozialdemokraten allerdings davon: 46 Prozent von ihnen, 7 Prozent mehr als bei der letzten Landtagswahl, gaben der Weidel-Partei ihre Stimme – die SPD erhielt in dieser Gruppe mit 15 Prozent, 5 Prozent weniger als 2019, nicht einmal ein Drittel davon.
Das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ will die deutsche Politik prägen
Interessant ist die Zusammensetzung der Wählerschaft des Bündnisses Sahra Wagenknecht (BSW), weil sie geradezu nach einem Querschnitt durch die Gesellschaft in Brandenburg aussieht. Was bedeutet das? Etwa gleich groß sind die Anteile von Arbeitern (12 Prozent), Angestellten (12 Prozent) und Selbständigen (11 Prozent), nur die Rentner fallen mit 18 Prozent etwas stärker ins Gewicht. Ähnlich sieht es beim Bildungsgrad aus, egal ob er niedrig (12 Prozent), mittel (14 Prozent) oder hoch (13 Prozent) ist.
Dementsprechend bewegt sich auch der Anteil von BSW-Wählerinnen und Wählern in allen Altersgruppen zwischen 12 und 16 Prozent. Diese breit gestreute Unterstützung machte die Wagenknecht-Partei, die aus dem Stand auf 13,5 Prozent kam, zum einzig möglichen Mehrheitspartner für die SPD in Brandenburg.