Gastbeitrag der Außenministerin

Gastbeitrag von Annalena Baerbock: In Afrika geschehenes Unrecht anerkennen

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Eine Museumsmitarbeiterin in Berlin- verpackt im Dezember 2022 eine der Benin-Bronzen, die für die Rückgabe nach Nigeria im Ethnologischen Museum Dahlem zusammen gestellt wurden.
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Seine koloniale Vergangenheit kann Deutschland nicht ungeschehen machen – aber gemeinsam mit Afrika an einer besseren Zukunft arbeiten. Ein Gastbeitrag von Außenministerin Annalena Baerbock.

„Die Welt hat vielleicht niemals einen Raubzug solchen Ausmaßes gesehen“. So fasste ein Journalist im westafrikanischen Lagos vor fast 140 Jahren die Ergebnisse der „Kongo-Konferenz“ zusammen, die am 15. November 1884 in Berlin begann. Dort vereinbarten die Kolonialmächte miteinander Regeln, um Afrika unter sich aufzuteilen und zu beherrschen. Auf Einladung des damaligen deutschen Reichskanzlers, organisiert vom damaligen Auswärtigen Amt. Und: ohne einen einzigen Vertreter der betroffenen Länder und Gesellschaften am Tisch.

Die deutsche Kolonialpolitik war geprägt von Unrecht, Gewalt und Rassismus. Sie führte zu den Vernichtungskriegen im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika, zum Völkermord an den Herero und Nama, für den unser Land historische Verantwortung trägt. Diese Vergangenheit können wir nicht ungeschehen machen. Doch wir können gemeinsam an einer besseren Zukunft arbeiten. Dafür ist es entscheidend, Unrecht zu benennen und anzuerkennen.

Baerbock: Repatriierung ist eine besondere Verpflichtung für Deutschland

In diesem Sinne hat der deutsche Bundespräsident im November 2023 in Tansania um Verzeihung gebeten für die Grausamkeiten bei der Niederschlagung des Maji-Maji Aufstands in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika. In diesem Verständnis sprechen wir mit Namibia, Tansania und anderen Nachfolgestaaten der ehemaligen Kolonien, wie wir unserer historischen Verantwortung gerecht werden können.

Unrecht anzuerkennen und zu handeln – darum geht es auch bei der Rückgabe von Kulturgütern, die wir in dieser Bundesregierung endlich angehen, wie die Rückgabe von Benin-Bronzen nach Nigeria.

Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) trifft im Dezember 2022 ihren nigerianischen Amtskollegen Geoffrey Onyeama im nigerianischen Außenministerium in Abuja. Schwerpunkt der Reise war die Rückgabe der Benin-Bronzen. Deutschland gab damals erstmals einen wertvollen Kulturschatz aus Kolonialzeiten an Nigeria zurück.

Darum geht es beim würdevollen Umgang mit den weit über 16.000 menschlichen Gebeinen in öffentlichen Sammlungen, die in der Kolonialzeit nach Deutschland gebracht wurden. Ihre Repatriierung ist für uns eine ganz besondere Verpflichtung.

Sich der Aufarbeitung unserer kolonialen Vergangenheit zu stellen ist mehr als Rückgabe. Es bedeutet, sich einem Prozess zu stellen, der unbequem ist. Hinzuhören. Sich Vorwürfen und dem kolonialen Schmerz zu stellen. Sich bewusst zu machen, warum diese von uns verantworteten Wunden immer wieder aufreißen und wie sie heute die internationalen Beziehungen prägen. Weil Vertrauen in die gemeinsame Zukunft nur wachsen kann, wenn es in gegenseitigem Verständnis gebaut ist. Der Bereitschaft, sich immer wieder in die Schuhe der anderen zu stellen.

„Wo wart ihr eigentlich, als wir euch brauchten?“, fragten manche

Als wir vor zweieinhalb Jahren weltweit um Unterstützung gebeten haben, um Russlands Angriffskrieg in der Ukraine entgegenzutreten, war die Gegenfrage mancher: „Wo wart ihr eigentlich, als wir euch brauchten? Als wir gegen den Kolonialismus, gegen die Apartheid in Südafrika gekämpft haben? Und wo seid ihr jetzt? Wenn unsere Inseln untergehen, unsere Felder vertrocknen, wegen des Öls und der Kohle, die ihr verfeuert habt, die euch reich gemacht haben?“

Aufarbeitung heißt nicht nur, um Verzeihung zu bitten, sondern es in Zukunft besser, gerechter zu machen. Auch deshalb setzen wir uns dafür ein, dass wir als Industrieländer Verantwortung übernehmen, für den Ausgleich von Klimaschäden, die vor allem die ärmsten Länder hart treffen.

Deshalb unterstützen wir die Forderung afrikanischer Staaten, endlich international angemessen repräsentiert zu sein – sei es in den G20, in den internationalen Finanzinstitutionen oder im Sicherheitsrat der UN. Denn unsere gemeinsamen Institutionen tragen am besten, wenn sie die Welt von heute abbilden. Gerade auch, weil autokratische Akteure versuchen, diese zu schwächen und dabei die Wunden instrumentalisieren, die auch Europas Kolonialismus hinterlassen hat. Weil die Wahrnehmung in vielen Ländern lautet: „Die Europäer haben ihren Kolonialismus nie aufgearbeitet.“ Dem müssen wir uns stellen.

Die Bundesvorsitzenden der Grünen: Von Jürgen Trittin bis Ricarda Lang

Krista Sager und Jürgen Trittin von den Grünen
Im Dezember 1994 traten Krista Sager und Jürgen Trittin als Doppelspitze des noch jungen Zusammenschlusses namens „Bündnis 90 / Die Grünen“ an. Beide wurden zu Sprecherin und Sprecher des Bundesvorstands der Partei gewählt. Gemeinsam lenkten sie die Geschicke der Partei für zwei Jahre bis 1996. © Sepp Spiegl/imago-images
Jürgen Trittin blieb Sprecher der Grünen, von 1996 bis 1998 aber mit neuer Kollegin an seiner Seite: Auf Krista Sager folgte Gunda Röstel.
Jürgen Trittin blieb Sprecher der Grünen, von 1996 bis 1998 aber mit neuer Kollegin an seiner Seite: Auf Krista Sager folgte Gunda Röstel. © Jürgen Eis/imago-images
Gunda Röstel blieb für zwei weitere Jahre Sprecherin des Bundesvorstands der Grünen. Antje Radcke ersetzte den scheidenden Jürgen Trittin.
Gunda Röstel (l) blieb für zwei weitere Jahre Sprecherin des Bundesvorstands der Grünen. Antje Radcke ersetzte den scheidenden Jürgen Trittin. Von 1998 bis 2000 wurde die Partei damit von zwei Frauen an der Spitze geführt. © Sven Simon/imago-images
Fritz Kuhn und Renate Künast wurden zu Sprecher und Sprecherin des Bundesvorstands.
Im Jahr 2000 tauschten die Grünen ihr Führungspersonal komplett aus. Fritz Kuhn und Renate Künast wurden zu Sprecher und Sprecherin des Bundesvorstands. Ihre Amtszeit hielt aber nur ein Jahr bis 2001. © imago stock&people
Fritz Kuhn und Claudia Roth
Aus Bundesprechern wurden bei den Grünen im Jahr 2001 Bundesvorsitzende. Die ersten Beiden, die dieses Amt bekleideten, waren Fritz Kuhn und Claudia Roth. © Sven Simon/imago-images
Reinhard Bütikofer und Angelika Beer
Nur ein Jahr später der nächste Wechsel an der Spitze der Grünen. Reinhard Bütikofer und Angelika Beer rücken auf und bilden den Bundesvorstand der Partei von 2002 bis 2004. © imago-images
Claudia Roth als Vorsitzende der Grünen zurück - an der Seite von Reinhard Bütikofer
2004 kehrte Claudia Roth als Vorsitzende der Grünen zurück - an der Seite von Reinhard Bütikofer. Das Duo blieb bis 2008 im Amt. © Sven Simon/imago-images
Claudia Roth und diesmal Cem Özdemir das Führungsduo der Grünen
Claudia Roth blieb insgesamt bis 2013 im Amt. Ab 2008 mit neuem Co-Vorsitzenden: Cem Özdemir. © Jan Huebner/imago-images
Cem Özdemir blieb Parteivorstand. Von 2013 bis 2018 führte er die Grünen gemeinsam mit Simone Peter.
Cem Özdemir blieb Parteivorstand. Von 2013 bis 2018 führte er die Grünen gemeinsam mit Simone Peter. © Rüdiger Wölk/imago-images
nnalena Baerbock und Robert Habeck als Führungsduo den Vorstand der Grünen
Im Jahr 2018 übernahmen Annalena Baerbock und Robert Habeck als Führungsduo den Vorstand der Grünen. Nach dem Einzug der Grünen in die Bundesregierung legten sie ihre Ämter nieder und schlossen sich dem Kabinett von Bundeskanzlern Olaf Scholz an. © Chris Emil Janssen/imago-images
Omid Nouripour und Ricarda Lang
Es folgten Omid Nouripour und Ricarda Lang. Sie übernahmen den Vorsitz des Bundesvorstands der Grünen im Jahr 2022. Zwei Jahre später verkünden beide ihren Rücktritt als Reaktion auf zahlreiche Wahlschlappen ihrer Partei. Wer die Umweltpartei künftig führt, ist noch offen. © dpa

Baerbock: Deutschland muss weiterhin selbstkritisch auf die eigene Vergangenheit schauen

Deswegen ist eine selbstkritische „Vergangenheitspolitik“ nicht nur Teil einer wertegeleiteten Außenpolitik, sondern auch unserer Sicherheitspolitik. Weil es uns stärker macht hinzuhören – auf die Verletzungen der Vergangenheit, die bis heute fortwirken, aber genauso auf die Bedürfnisse unserer Partner heute.

Deswegen entwickeln wir die Afrikapolitischen Leitlinien der Bundesregierung weiter. Für eine differenzierte Politik, die auf gegenseitigem Respekt und Interessen beruht. Und für eine Zusammenarbeit bei globalen Herausforderungen. Bei der Energiewende etwa, die Motor für wirtschaftliches Wachstum in Afrika sein kann. Oder bei Partnerschaften für soziale und umweltverträgliche Rohstoffgewinnung – auch zur Diversifizierung der deutschen Rohstoffimporte.

Heute, 140 Jahre nach der „Berliner Kongo-Konferenz“, ist das der Weg, vertrauensvolle Partnerschaften zu bauen. Um unsere Vergangenheit zu verstehen. Und an einer gemeinsamen Zukunft zu arbeiten.

Annalena Baerbock (Grüne) ist Außenministerin der Bundesrepublik Deutschland.

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