Klimawandel

Hiobsbotschaft aus der Antarktis – Forschende schlagen Alarm

  • schließen

Das Meereis dehnt sich in diesem Winter im Südpolargebiet der Antarktis langsamer aus als sonst - ein historischer Tiefstand mit gravierenden Folgen.

Bereits Anfang des Jahres waren die Nachrichten aus der Antarktis beunruhigend: Schon damals meldeten die Forschungsteams einen historischen Tiefstand der Meereismenge rund um den Kontinent aus Eis. Und die Hiobsbotschaften reißen auch im Winter auf der Südhalbkugel nicht ab. Obwohl die Antarktis derzeit in Dunkelheit getaucht ist und das Thermometer auf bis zu minus 40 Grad abfallen sollte, haben die Forschenden bisher keine Ausdehnung des Meereises feststellen können, wie dies in früheren Jahren üblich war.

Rund zwei Millionen Quadratkilometer Eis fehlen laut Angaben von Forschenden in der Antarktis zu dieser Jahreszeit.

Der physikalische Ozeanograf Edward Doddridge hat nun Alarm geschlagen und berichtet über drastische Veränderungen rund um die Antarktis. „In diesem Winter bildet sich das Meereis viel langsamer als normal“, sagte Doddridge, der unter anderem für die Universität von Tasmanien arbeitet. Dies bedeute, dass rund zwei Millionen Quadratkilometer weniger Meereis vorhanden seien als normal in dieser Jahreszeit. „Ohne den Klimawandel würden wir erwarten, dass ein Winter wie dieser alle 7,5 Millionen Jahre einmal vorkommt.“

Klimawandel in der Antarktis: Tiefstand der Meereismenge

Der mit Eis bedeckte Kontinent der Antarktis hält 90 Prozent des Eises der Welt. Lange Zeit schien der Klimawandel mehr Schaden auf der nördlichen Hemisphäre in der Arktis anzurichten, doch nun machen sich die Auswirkungen immer deutlicher auch in der Antarktis bemerkbar. Am 21. Februar – und damit im Sommer auf der Südhalbkugel – war das Meereis in der Antarktis bereits auf ein Rekordtief von 1,79 Millionen Quadratkilometern gefallen (seit Beginn der Satellitenaufzeichnungen 1979).

Dem Meereis kommt eine wichtige Bedeutung zu, da es normalerweise das Schelfeis auf ähnliche Weise stabilisiert wie das Schelfeis die glaziale Eisdecke an Land stabilisiert. Weniger Meereis macht die Eisschelfe anfällig für Wellen und andere atmosphärische Einflüsse. Würde beispielsweise der westantarktische Eisschild vollständig abschmelzen, so würde dies zu einem globalen Meeresspiegelanstieg von über drei Metern führen. Seit 1900 sind die Meere weltweit um rund 20 Zentimeter gestiegen.

Die Gletscher schmelzen – So verändert der Klimawandel die Erde

Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben.
Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben. © dpa/NASA/AP
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer.
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer. © Felipe Dana/dpa
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen.
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen. © Urs Flueeler/dpa
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen.
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen. © Oscar Vilca/INAIGEM/afp
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden.
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden. © Urs Flueeler/dpa
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination.
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination. © Johannes Eisele/afp
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser.
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser. © Jonathan Nackstrand/afp
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt.
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt. © Fabrice Coffrini/afp
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien.
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien. © Peter Parks/afp
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten.
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten. © imago/Xinhua
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.  © NASA Earth Observatory/Jesse Allen und Robert Simmon/United States Geological Survey/dpa
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen.
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen. © Kay Nietfeld/dpa

Alarmstimmung unter Forschern: Kaum neues Eis in der Antarktis

Doch der Anstieg beschleunigt sich immer mehr: Ein Viertel davon ist seit 2006 passiert. In der jüngeren Vergangenheit stieg der Meeresspiegel durchschnittlich jedes Jahr um etwa 3,7 Millimeter. Bis 2100 rechnen Forschende mit einem Anstieg von mindestens 28 Zentimetern, doch je nachdem, wie viel Eis abschmilzt, könnte der Meeresspiegel auch um bis zu zwei Meter oder mehr in die Höhe schnellen. Vor allem wenn Gletscher wie der Pine Island, der Thwaites oder der Totten kollabieren würden, könnte dies eine Art Dominoeffekt auslösen.

Außerdem ist Meereis ein entscheidender Bestandteil des Klimasystems. Der jährliche Zyklus von Schmelzen und Gefrieren treibt wichtige Strömungen: Während dieses Wasser von der Antarktis nach Norden fließt, nimmt es Nährstoffe auf, die die Ökosysteme der Ozeane auf der ganzen Welt unterstützen. Bereits im April kam eine australische Studie zu dem Schluss, dass sich die Meeresströmungen in der Tiefsee um die Antarktis durch das Abschmelzen des Meereises in den nächsten drei Jahrzehnten um mehr als 40 Prozent verlangsamen könnten. Es wäre sogar möglich, dass sie völlig zusammenbrechen.

Klimawandel trifft Antarktis-Eis: Immer weniger Meereis an den Polen

Meereis reflektiert zudem Sonnenlicht und Wärme zurück in den Weltraum. „Wenn also weniger Eis vorhanden ist, absorbiert der Ozean mehr Wärme“, erklärte Doddridge. Über das Meer werde diese Wärme dann um die Welt transportiert und die globale Erwärmung damit beschleunigt. Meereis ist aber auch ein wichtiger Lebensraum für viele Arten, die in und um die Antarktis leben.

Vor allem die Folgen für den Krill, kleine garnelenähnliche Krebstiere, die auf Algen angewiesen sind, die im Winter auf der Unterseite des Meereises wachsen, sind bisher unbekannt. Krill ist wiederum ein wichtiger Nahrungsbestandteil für viele andere Tierarten wie die Wale beispielsweise. Auch die Auswirkungen auf Spezies wie Pinguine und Robben, die auf Meereis angewiesen sind, sind bisher schwer abzuschätzen. Einige Pinguinarten wären unter solchen Bedingungen auf alle Fälle vom Aussterben bedroht.

Antarktis-Eis wird weniger: Ganze Ökosysteme in Gefahr

Was genau für den Rückgang des Meereises in der Antarktis verantwortlich ist, darüber ist sich die Wissenschaft noch nicht ganz einig. Petra Heil, eine deutsche Meereisexpertin, die für die Australian Antarctic Division in Hobart auf Tasmanien arbeitet, warnt davor, zu früh Rückschlüsse zu ziehen. Das Meereis sitze „an der Grenzschicht zwischen Ozean und Meer“ und spüre daher den Einfluss von beiden. Alle drei seien zudem weiter vernetzt mit anderen Komponenten des Erdsystems. Deswegen sei es wichtig, das gesamte vernetzte System zu analysieren.

Auch der Ozeanograf Doddridge betont, dass Meereis sowohl mit der Atmosphäre wie auch mit dem Ozean verbunden sei. „Über Tage und Wochen hinweg ist die Atmosphäre am wichtigsten, über Jahre und Jahrzehnte dominiert jedoch der Ozean.“ Deswegen sei es zumindest wahrscheinlich, dass hauptsächlich der Ozean für den derzeitigen enormen Rückgang verantwortlich sei, „aber das ist eine aktive Forschungsfrage“.

Video: Kurz vor Kipppunkt? Forscher rätseln über Antarktis-Anomalie

Eine im Fachmagazin Nature Geoscience veröffentlichten Studie aus dem Jahr 2019 erklärte das Abschmelzen mit einer Verschiebung der Windmuster, die die globale Erwärmung ausgelöst hat. Sie führe letztendlich dazu, dass mehr warmes Meerwasser mit dem Eis in der antarktischen Region in Kontakt komme, hieß es in dieser Untersuchung.

Auch die Expertin Heil verweist auf den menschengemachten Klimawandel: Dass das menschliche Handeln und das „beharrliche Nutzen von fossilen Energiequellen“ letztendlich für die dramatischen Veränderungen in der Antarktis wie auch in der Arktis verantwortlich seien, das würden die Daten and Analysen eindeutig zeigen, meinte die deutsche Wissenschaftlerin.

Rubriklistenbild: © imago

Kommentare