Münchner Merkur-Exklusiv

Wie „links“ sind ARD und ZDF? „Es gibt Grenzen der Ausgewogenheit“

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Politisch ausgewogen? Gegen die öffentlich-rechtlichen Sender gibt es oft Vorwürfe. Hier das BR-Funkhaus in München.
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Söder ist genau wie Höcke „rechts“, die CDU besteht aus „Nazis mit Substanz“: Wie politisch ausgewogen sind ARD und ZDF? Ein Medienforscher im Interview.

München – Beim öffentlich-rechtlichen Jugendangebot „Funk“ wurden Friedrich Merz und Markus Söder neulich als „rechts“ bezeichnet, ZDF-Moderator Jan Böhmermann nannte – wenn auch in einem privaten Tweet – CDU-Politiker pauschal „Nazis mit Substanz“.

Auch wenn sich ARD- und ZDF-Chef schnell entschuldigten beziehungsweise distanzierten, gelten solche Äußerungen vielen als Beweis dafür, dass die Öffentlich-Rechtlichen nicht politisch neutral seien. Dass nicht nur Satiriker, sondern auch Journalisten eher mit Rot-Grün als mit Schwarz sympathisierten und sich dies auf die Informationsformate auswirke.

Das scheint eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa zu belegen, der zufolge nur 34 Prozent der Deutschen die politische Berichterstattung von ARD und ZDF als „ideologisch ausgewogen“ empfinden. Immerhin 29 Prozent der Bürgerinnen und Bürger halten die Politikberichterstattung für „zu links“, allerdings auch zehn Prozent für „zu rechts“, weitere 28 Prozent wollten oder konnten keine Einschätzung abgeben.

Der Münchner Merkur sprach darüber mit dem Stuttgarter Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Schweiger.

Wie seriös ist eine Umfrage, im Auftrag der „Bild“-Zeitung übrigens, die mit einem Begriff wie „ideologisch ausgewogen“ operiert – und nicht mit „politisch ausgewogen“, wie man erwarten könnte?
Der Axel-Springer-Verlag und seine „Bild“-Zeitung führen schon seit Jahren eine heftige Kampagne gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Der Hintergrund ist überwiegend ein wirtschaftlicher, weil die privaten Medien die luxuriöse Ausstattung von ARD und ZDF als Wettbewerbsverzerrung beklagen. Deshalb kann man die Umfrage und ihre Veröffentlichung durchaus als Teil eines publizistischen Kampfs verstehen. Dennoch würde ich nicht an den Zahlen zweifeln.
Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Schweiger ist Professor an der Universität Stuttgart-Hohenheim.
Immerhin zehn Prozent der Befragten finden die Öffentlich-Rechtlichen „zu rechts“, ein Hinweis darauf, dass sie am Ende doch ausgewogen sind?
Aus meiner Sicht zeigen die Zahlen, dass die Bevölkerung ziemlich zufrieden mit ARD und ZDF ist. Aber man muss auch zur Kenntnis nehmen, dass die Unzufriedenen eher auf der rechten Seite des politischen Spektrums stehen. Das ist in vielen Ländern so. Auch in Großbritannien, Österreich oder der Schweiz kommt die Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk von rechts.

Ausgewogenheit im Öffentlich-Rechtlichem? „Satire war immer schon eher links“

Erstaunlich hoch ist die Zahl derer, die sich nicht äußern wollten oder konnten. Finden die ARD und ZDF wohl eher okay oder haben sie sich längst abgewandt von den beiden Sendern?
Diejenigen, die sich nicht äußern wollten oder konnten, repräsentieren einen beunruhigend großen Teil der Bevölkerung, der sich komplett aus Öffentlichkeit und Politik zurückgezogen hat. Diese Menschen wählen nicht mehr und informieren sich nicht mehr.
Welchen Einfluss haben, gerade beim ZDF, Satiriker wie Jan Böhmermann vom „ZDF Magazin Royale“, Oliver Welke von der „heute show“ oder Max Uthoff und Claus von Wagner von der „Anstalt“ auf das Image des Senders?
Satire war schon immer eher links. Schon in den Achtzigerjahren hat Franz Josef Strauß in Bayern die legendäre ARD-Satiresendung „Scheibenwischer“ abschalten lassen. Heute gibt es mit Dieter Nuhr im Ersten ein konservatives Gegengewicht zu den von Ihnen genannten ZDF-Formaten. Ich habe eher den Eindruck, die Gegner des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, allen voran die AfD, nutzen linke Satiriker und ihre Aussagen, um den vorgeblichen Linksdrall von ARD und ZDF öffentlichkeitswirksam anzuprangern.

Es gibt Themen, in denen sich alle ernst zu nehmenden Experten einig sind“

Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Schweiger
Wie geübt im Umgang mit Medien sind die Menschen überhaupt? Wird ein „Tagesthemen“-Kommentar als Meinung des Verfassers erkannt und eingeordnet – oder dient er vielen nur als Beleg für die Einseitigkeit?
Viele meinen, Journalisten dürften gar nicht kommentieren. Sie verstehen nicht, dass ein guter Kommentar einseitig sein muss, weil er dem Publikum ein Angebot für die eigene Meinungsbildung machen will. Die Gegner des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nutzen diese Missverständnisse und brandmarken Kommentare immer wieder als Nachweis journalistischer Einseitigkeit. Doch solange es in den Öffentlich-Rechtlichen gleichermaßen konservative, liberale und linke Kommentare gibt, ist das ausgewogen und sinnvoll. Allerdings gibt es Grenzen der Ausgewogenheit. Erstens sind alle Journalisten dem Grundgesetz verpflichtet, und dort steht nun mal, dass Minderheiten nicht diskriminiert werden dürfen und Deutschland ein Rechtsstaat ist. Zweitens gibt es Themen, in denen sich alle ernst zu nehmenden Experten einig sind, allen voran der menschengemachte Klimawandel. Würde man hier mehr Klimaskeptiker zu Wort kommen lassen, würde das einen falschen Eindruck des Forschungsstandes vermitteln. Hier ist eine vordergründig ausgewogene Berichterstattung also nicht möglich und sinnvoll.

Gendern in ARD und ZDF: „Interessiert eigentlich nur noch die Gegner“

Aber machen die Öffentlich-Rechtlichen nicht auch Fehler? Man denke an den verunglückten „Funk“-Beitrag über die „Rechten“ in der Union oder die fehlende Distanz mancher Journalisten – hier sorgten vor einiger Zeit Tina Hassels schwärmerische Tweets vom Grünen-Parteitag für Irritationen...
Manchmal habe ich auch das Gefühl, manche öffentlichen-rechtlichen Vertreter haben noch nicht kapiert, unter welchem Druck ihr System steht. Man denke nur an die ehemalige RBB-Intendantin Patricia Schlesinger.
Viele Zuschauerinnen und Zuschauer führen das Gendern als Beleg für die Wokeness und Bürgerferne der Öffentlich-Rechtlichen an. Zu Recht?
Die Gender-Debatte interessiert eigentlich nur noch ihre Gegner. In den Medien ist Gendern entweder freiwillig oder verboten. Kein Journalist wird meines Wissens zum Gendern gezwungen. Und was die Wokeness betrifft – ja, der Begriff nervt. Aber was soll schlecht daran sein, sich um ein nachhaltiges und diskriminierungsfreies Leben zu bemühen? All das steht übrigens auch im Grundgesetz! Insofern ist das Grundgesetz woke.

Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann.

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