Sprengstoff als Zielscheibe

Todesfalle russische Panzer: Leichtsinnige Konstruktionen laden Ukrainer regelrecht ein

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Die russischen Truppen versuchen sich in der Ukraine verzweifelt gegen Panzerabwehrlenkwaffen zu schützen. Manche Panzer-Einheit Moskaus geht dafür ein großes Wagnis ein.

Krynky - Als „Särge aus Stahl“ bezeichnete das Nachrichtenmagazin Stern die T-72-Panzer Russlands im Ukraine-Krieg. Denn: Die alten Panzer aus Sowjetzeiten werden für die Besatzungen Moskaus nicht selten zu regelrechten Todesfallen.

Ukraine-Krieg: Russische Soldaten montieren Sprengstoff an sensiblen Stellen ihrer Panzer

Bezeichnend: Vor Weihnachten sind die ukrainischen Streitkräften zur Taktik übergegangen, den russischen Invasionstruppen so viele Verluste wie möglich zuzufügen. Davon berichtet unter anderem die Bild. Denn: Die Einheiten Kiews sind nach kräftezehrenden Monaten zu erschöpft und das Wetter ist zu schlecht, als dass die ukrainische Armee ihrerseits wieder in die Offensive übergehen könnte.

Offenbar kommt manche russische Panzereinheit der Herangehensweise der Ukrainer dabei sogar entgegen. Denn: Ukrainische Militärblogger teilten bei X (vormals Twitter) Aufnahmen einer Drohne von der Front, die beweisen sollen, dass russische Soldaten auf dem Heck eines mutmaßlichen T-72-Panzers Kacheln einer Reaktivpanzerung angebracht haben.

Das amerikanische Nachrichtenmagazin Forbes schreibt dazu: „Jetzt haben die Russen einen selbstexplodierenden Panzer erfunden.“ Was diese These untermauert: Während bei den T-72-Panzern der russischen Armee die Wannenfront mit einer zusätzlich aufgeschweißten Platte aus Panzerstahl verstärkt ist, wurde auf dem Heck offenbar darauf verzichtet.

T-72-Panzer der russischen Armee: Schwache Panzerung auf dem Heck über dem Motor

Denn: Hier befindet sich der Dieselmotor der Panzer. Etliche Fotos zeigen, dass dort Abgasgitter einen Zugang in den Motorraum ermöglichen. Die Panzerung dürfte entsprechend leichter sein, damit Besatzungen und Mechaniker bei der Wartung an die Kolben, Ventile und Leitungen herankommen. Auf dem Foto sind die mit Sprengstoff beladenen Kacheln genau über diesen Abgasgittern des Motorraums angebracht.

Reaktivpanzerung

Bei einer Reaktivpanzerung wird versucht, Panzerfahrzeuge mittels einer „kontrollierten“ Gegenexplosion vor Beschuss zu schützen. Sie wird als Kacheln auf eine passive Stahl- oder Verbundpanzerung montiert und besteht aus einer Schicht Sprengstoff, die von einer Metallplatte umhüllt ist. Trifft ein Projektil/eine Granate auf die Reaktivpanzerung, explodiert die Sprengstoffschicht und schleudert die Metallplatte dem Projektil/der Granate entgegen.

Ein fataler Fehler? Leichtsinn? „Ein angemessenes Maß an Grundpanzerung ist erforderlich, um die Explosionen zu überstehen, die mit explosiver reaktiver Panzerung einhergehen“, schreibt Forbes mit Verweis auf einen Bericht des US Congressional Budget Office von 2012. „Daher kann nicht bei allen Fahrzeugen eine reaktive Panzerung angebracht werden - eine Einschränkung, die beispielsweise bei Lastkraftwagen gilt“, hieß es in dem Bericht.

Brisant: Die ukrainischen Streitkräfte teilen seit Langem in den Sozialen Netzwerken Drohnen-Videos, die belegen, dass sie russische Panzer nicht selten von oben angreifen. Dabei werden Panzerabwehrgranaten in der Größe von Handgranaten mithilfe von Quadrocoptern einfach abgeworfen.

Reaktivpanzerung an russischen Panzern: Sprengstoff-Kacheln können zum Risiko werden

Wird die Platte einer reaktiven Panzerung getroffen, löst sie sich in der Regel mit einer Explosion von der Karosserie. Manchmal werden sogar mehrere Kacheln bei einem Aufschlag gleichzeitig abgesprengt. Die entstandene Lücke ist für die Angreifer dann wie eine Zielscheibe, wohin sie das nächste Mal schießen müssen.

Wie Forbes schreibt, kann eine Explosion auf dem Motorraum aber bereits dazu führen, dass der Panzer nicht mehr weiterfahren kann oder sogar Feuer fängt. Und damit nicht genug: Auch die Drei-Mann-Besatzung (Fahrer, Richtschütze, Kommandant) ist wohl direkt gefährdet. Denn: Der Motor ist im Heck unmittelbar hinter der Trennwand zum Kampfraum untergebracht, wo die Mannschaft sitzt. Und: Der Kommandant und der Richtschütze sitzen in einem T-72 im Turm unmittelbar über dem Karussell, das die Munition für den Ladeautomaten enthält. Eben dieses Ladekarussell dreht sich samt Granaten genau hinter dem Motorraum.

Dieses Foto soll einen russischen Mannschaftstransporter in der Ukraine mit Sprengstoff-Platten auf der Windschutzscheibe zeigen.

Ukraine-Krieg: Panzer-Foto entstand an der südlichen Dnipro-Front bei Cherson

Kommt es in diesem Bereich zu einer Explosion, sind die Überlebenschancen für die Besatzung gering. Denn: Ein Feuer im Kampfraum kann durch Detonation der Munition in den T-72-Panzern leicht einen sogenannten „Cook off“ verursachen. Heißt: Die gesamte Munition explodiert im Inneren, manchmal wird auf einen Schlag der gesamte Turm von der Wanne abgetrennt. Fotos und Videos von entsprechenden Explosionen gab es im Ukraine-Krieg reihenweise. Sogar solche, auf denen zu sehen ist, wie ein Turm nach einem Treffer durch die Luft geschleudert wird. Wie Forbes berichtet, haben russische Soldaten angeblich schon Sprengstoffplatten der Reaktivpanzerung auf Windschutzscheiben von Transportbussen angebracht - aus Angst vor Panzerabwehrlenkwaffen wie der Javelin. Verhängnisvoll.

Das Foto, das der oft zitierte Militärblog „Special Kherson Cat“ nun in den Sozialen Medien teilte, soll indes aus der Gegend des Dorfes Krynky im südlichen Delta des riesigen Flusses Dnipro stammen. Hier, in der Oblast Cherson, sollen ukrainische Marineinfanteristen am östlichen Ufer des Dnipro unter schwerem russischen Beschuss stehen. Ob der abgebildete Panzer daran noch teilnimmt, ist nicht überliefert. (pm)

Rubriklistenbild: © X@bayraktar_1love

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