VonLucas Maierschließen
Der Tod Prigoschins könnte auch Einfluss auf den Ukraine-Krieg haben. Ein Experte spricht gar von Verhandlungen.
Kiew – Die mutmaßliche Ermordung des Wagner-Chefs Jewgeni Prigoschin überschattete die vergangenen Tage auch das Kriegsgeschehen in der Ukraine. Was wird mit den nun wahrscheinlich führungslosen Söldnern der Privatarmee passieren?
Dieser Frage hat sich auch der US-amerikanische Thinktank Institute for the Study of War (ISW) in seiner neusten Analyse gewidmet. Außerdem geht das ISW davon aus, dass die russischen Frontlinien in der Ukraine immer weiter geschwächt werden. Der ehemalige Direktor für europäische Angelegenheiten beim Nationalen Sicherheitsrat der USA, Alexander Vindmann, schreibt auf der amerikanischen Nachrichtenseite The Daily Beast gar davon, dass der Tod von Prigoschin den Frieden in der Ukraine beschleunigen könnte.
Russland und die Wagner-Söldner: Verteidigungsministerium versucht Kontrolle zu erlangen
Nach Angaben des ISW hat Russland bereits einige weitere Söldnerverbände gegründet, die dabei sind, Wagner-Soldaten zu rekrutieren. Ziel des russischen Verteidigungsministeriums soll nach Einschätzung des Institutes, die Übernahme der Kontrolle für Wagner-Operationen sein. Satellitenaufnahmen aus Belarus sollen bereits jetzt eine starke Schwächung der dort stationierten Truppen belegen, bestätigt ist dies bisher allerdings nicht.
Eine vollständige Auflösung der Wagner-Gruppe scheint ebenso wahrscheinlich, wie eine Unterstellung unter das Verteidigungsministerium von Russland, so die Analyse. Die Einsetzung eines neuen, kremltreuen Anführers hält das ISW derzeit für unwahrscheinlich.
Ukraine-Krieg: Linien von Russland teils schwach
Der mutmaßliche Tod von Prigoschin könnte laut der Einschätzung des Ex-Generals Vindmann für Wladimir Putin den nötigen Spielraum für Verhandlungen bringen. Bereits durch die Entlassung von General Sergei Surowikin und die Verhaftung von Igor Girkin hatte Putin den nationalen Flügel stark geschwächt. Durch das Wegfallen der drei Kritiker könnte den Druck auf eine Fortsetzung des Krieges verringern und so den Raum für Verhandlungen öffnen.
Der Experte hält Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine im Herbst für denkbar, wie er bei The Daily Beast schreibt. Ob diese, wenn sie denn stattfinden sollten, zu einer Entspannung der Lage führen, bleibt dennoch fraglich.
Die Frontlinien der moskautreuen Truppen im Ukraine-Krieg werden, laut der Analyse des ISW, unterdessen immer poröser. Am Donnerstag (24. August) sollen die Streitkräfte der Ukraine ihren Durchbruch in die russischen Verteidigungslinien im Oblast Saporischschja weiter ausgeweitet haben, wie es heißt.
Russland unter Druck: Truppenverlegungen zeigen Schwächung
Für eine Schwächung der Frontlinien in der Oblast Saporischschja sprechen nach Einschätzung des ISW auch die russischen Truppenverlegungen. Aus der Oblast Cherson werden weitere Streitkräfte in die Region Saporischschja verlegt, wie Natalja Humenjuk, Sprecherin des ukrainischen Süd-Einsatzkommandos, bereits am Mittwoch (23. August) mitteilte.
Auch auf der besetzten Halbinsel Krim soll es ukrainischen Truppen gelungen sein zu landen. Hier soll es am Donnerstag zu Gefechten mit russischen Streitkräften gekommen sein, wie der Militärgeheimdienst der Ukraine (GUR) mitteilte. Nach Angaben des ISW äußerten sich mehrere prominente russische Militärblogger in der Folge besorgt über Schwachstellen in den Verteidigungslinien Russlands. Allerdings konnten die russischen Truppen auch an vier Punkten nach Offensivaktionen vorrücken, wie das ISW schreibt. In der Nähe der Stadt Bachmut hätten sogar beide Seiten Landgewinne zu verzeichnen, wie es heißt. (Lucas Maier)
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