Verfehlte Ampel-Politik?

„Sowas noch nie erlebt“: Ziegelei-Chef warnt vor dramatischer Lage am Bau

+
Geschäftsführer Bax auf dem Hof der Ziegelei Franz Wenzel: Die Ware stapelt sich inzwischen haushoch.
  • schließen

Die Bauwirtschaft steckt in der Krise: Die Branche meidet jede Aktivität. Liegt das an der Ampel-Politik? Besuch in einer Traditions-Ziegelei.

Hainburg – Die Luft ist warm und schmeckt nach Ton. Konstantes Rattern der Laufbänder erfüllt die große Produktionshalle des Klinker- und Ziegelwerks Franz Wenzel in Hainburg bei Offenbach. Auf ihnen schiebt sich die zuvor maschinell gemischte und geknetete Tonmasse vollautomatisiert durch die Formpresse, den Trockner und anschließend in den gigantischen Ofen, wo die rohen Ziegelsteine bei 950 Grad Celsius gebrannt werden.

Zum Schluss werden die roten Quader noch geschliffen und die löchrigen Strukturen gegebenenfalls mit Holz- oder Steinwolle befüllt. Fertig sind die Ziegel, die Namen wie „Silvacor“ und „Coriso“ tragen und ob ihrer besonderen Eignung für ökologisches und nachhaltiges Bauen mit dem Architects’ Darling Award ausgezeichnet sind.

Normalerweise, so erklärt Geschäftsführer Rudolf Bax, der den seit 1687 von seiner Familie geführten Traditionsbetrieb leitet, kann er mit seinen 30 Beschäftigten die Nachfrage kaum befriedigen. Aber derzeit ist nichts normal. Die Bauwirtschaft steckt in einer tiefen Krise. Im Hainburger Ziegelwerk ist sie deutlich sichtbar. Auf dem sonst leer gefegten Hof türmen sich die fertigen Ziegelsteine haushoch in den Himmel. Verwaltungsgebäude und Fabrikhalle sind hinter dem Lagerbestand kaum noch zu erahnen – und das, obwohl eigentlich gerade Hauptsaison am Bau ist. „So etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt Bax. „Und ich bin seit mehr als 33 Jahren am Bau.“

Wohnungsbau in der Krise: Die Berliner Zielmarke scheint illusionär

Wie dramatisch die Lage ist, zeigen die aktuellsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes, das vergangene Woche den zehnten aufeinanderfolgenden Monat mit einem zweistelligen Rückgang bei den Baugenehmigungen vermeldete. Danach brach die Zahl der Genehmigungen für den Bau neuer Wohnungen im Juli um 31,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat ein, in absoluten Zahlen ein Minus von 9600 Wohneinheiten. Die deutsche Bauindustrie sprach von einem „traurigen Rekord“. Von Januar bis Juli sank die Zahl der Baugenehmigungen für Wohnungen gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 27,8 Prozent. Dies entspricht einem Rückgang um 60.300 auf 156.200 Wohnungen.

Die Bundesregierung hat eigentlich die Zielmarke von jährlich 400.000 Wohnungen ausgegeben, um dem wachsenden Bedarf vor allem in den Großstädten zu begegnen. Doch Wunsch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung in Düsseldorf geht davon aus, dass dieses Jahr insgesamt nur rund 223.000 Wohnungen gebaut werden.

Bis 2025 könnten in Deutschland eine Million Wohnungen fehlen

Und die Lage spitzt sich weiter zu. Der Spitzenverband der deutschen Wohnungswirtschaft GdW rechnet für das kommende Jahr mit etwas über 200.000 Wohnungen, 2025 sogar darunter, wenn die Bundesregierung nicht gegensteuere. Rudolf Bax ist da noch pessimistischer: „Wir bauen nächstes Jahr vielleicht noch 170.000 Wohnungen“, sagt der 63-Jährige. „Wenn Sie hier auf den Hof schauen, sehen Sie, dass das so sein wird.“ Dabei ist der Bedarf riesig. Bis 2025 könnten in Deutschland schlimmstenfalls 900.000 bis eine Million Wohnungen fehlen, warnt etwa GdW-Präsident Axel Gedaschko.

Wohnungsbau in der Krise: KFW-Förderprogramm zweimal gestoppt

Als verantwortlich für die Misere werden gemeinhin massiv gestiegene Baukosten durch inflationsbedingt hohe Material- und Personalkosten sowie schlechte Finanzierungsbedingungen ausgemacht. Bax widerspricht dem vehement: „Meiner Meinung nach liegt das maßgeblich an der insgesamt schlechten wirtschaftlichen Situation. Die Menschen sind von der Politik brutal verunsichert“, ist der gebürtige Hainburger überzeugt. „Sie wollen bauen. Wer träumt denn nicht von einer eigenen Immobilie? Aber sie nehmen keinen Baukredit auf, wenn sie um ihren Arbeitsplatz bangen müssen.“

Man müsse sich ja nur mal anschauen, was in der heimischen Industrie gerade los sei: „Werke und Produktionen schließen. BASF investiert Milliarden in den USA statt in Ludwigshafen. VW fertigt seine neuen Batterien in Kanada. Und mir fallen auf Anhieb 20 weitere Beispiele von Unternehmen ein, die einfach nicht mehr in Deutschland investieren. Sprich: Die Rahmenbedingungen, Arbeitsplätze in Deutschland zu halten, sind sehr schlecht. Das macht den Leuten Angst.“

Sagt’s und stellt seine Kaffeetasse mit so viel Nachdruck auf den Tisch im holzgetäfelten Besprechungszimmer der Ziegelei, dass es scheppert.

„Neubau offenbar politisch nicht gewünscht“: Wirtschaftsministerium dampfte Förderung ein

Die Argumente Inflation, Baupreise, teure Finanzierung wischt Bax beiseite: Natürlich seien die Kredite in den vergangenen zwei Jahren außergewöhnlich billig gewesen. „Aber die aktuell 3,8 bis vier Prozent bei zehnjähriger Zinsbindung sind immer noch supergünstig. Es ist noch gar nicht so lange her, da hat ein Baukredit sechs bis acht Prozent Zinsen oder mehr gekostet. Und die Leute haben trotzdem gebaut.“

Auch die Materialkosten könnten nicht der Grund für die aktuelle Zurückhaltung sein. „Letztes Jahr sind die Baupreise im Zuge der Energiekrise natürlich brutal in die Höhe geschossen. Das ist aber schon wieder vorbei. Die Preise sind zwar noch nicht wieder auf dem ursprünglichen, aber auf einem auskömmlichen Niveau. Definitiv.“

Eine mindestens ebenso gewichtige Rolle bei der Bauzurückhaltung schreibt Bax auch den von der Politik gesetzten Rahmenbedingungen zu. „Neubau ist offenbar politisch nicht gewünscht“, sagt der Ziegelei-Chef und verweist auf die eingedampfte Neubauförderung. Im Januar 2022 hatte das Bundeswirtschaftsministerium wegen einer Antragsflut Zuschüsse der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KFW) vorzeitig beendet, da Milliarden an Mehrkosten drohten. Im Frühjahr wurde das Programm dann doch fortgesetzt, kurz darauf aber wieder gestoppt, da der vorgesehene Budgetrahmen rasch ausgeschöpft war.

Das von der Bundesregierung Anfang 2023 grundlegend neu aufgelegte Förderprogramm fiel wesentlich bescheidener aus als sein Vorgänger. Aus den rund 18 Milliarden Euro Fördersumme, die 2022 ausgegeben wurden, sollten 2023 neun Milliarden werden, übrig blieb am Ende eine Milliarde für den Neubau. Dafür wurden die Mittel für energetische Sanierungen hochgefahren. „Die werden auch in Anspruch genommen“, bestätigt Bax. „Das führt aber nicht dazu, dass auch nur ein Quadratmeter neu entsteht.“

Wohnungsbau in der Krise: Überzogene Klimaschutz-Vorgaben als Ursache?

Wer dagegen neu bauen möchte, erhielt eine staatliche Förderung bisher nur noch dann, wenn er nach KFW-QNG-40-Standard baut. Der enthalte allerdings so strenge Vorgaben, „das kann niemand bauen“, sagt Bax. „Die sind so extrem aufwendig und teuer, das kriegt kein freischaffender Architekt, kein normaler Bauträger hin. Ich kenne wirklich viele Statiker und ich kann Ihnen aus dem Stand vielleicht einen nennen, der das kann.“

Der Ziegeleichef vermutet dahinter Absicht – oder zumindest den Wunsch, „auf Teufel komm raus“ den Verbrauch fossiler Energieträger zu senken. „Wir sind aber nicht bei ‚Wünsch Dir was‘. Solch überzogene Klimaschutzvorgaben bringen der Umwelt nichts, und sie bringen den Menschen keinen Wohnraum.“

Nun kann man Bax wahrlich nicht vorwerfen, die Klimaschutz-Bemühungen der Ampel-Regierung untergraben zu wollen. Er, der sein traditionsreiches Familienunternehmen mangels Nachfolge vor zweieinhalb Jahren an den Mittelständler Hörl und Hartmann Ziegeltechnik aus Dachau verkauft hat, ist selbst ein engagierter Umwelt- und Klimaschützer. Er tue, was sinnvoll und technisch möglich sei, sagt Bax.

In seinem Betrieb hat er schon vor mehr als 30 Jahren praktisch die Kreislaufwirtschaft eingeführt. Statt in der Tongrube des Werkes den Grundstoff für seine Ziegel abzubauen, bringen große Kipplaster den Erdaushub von den Baustellen auf den Hof. „1992 bin ich dafür ausgelacht worden, heute machen das ganz viele Werke so“, erzählt er.

Wohnungsbau: Bürokratische Hürden sind „der Wahnsinn“

Zur Porosierung der Ziegel werden aus alten Paletten gewonnenes Sägemehl und Papierfasern aus Altpapier dem Ton beigemischt. Die verbrennen im Ofen und erzeugen so Luftporen, die für die Wärmedämmung wichtig sind, erklärt der Fachmann. Um den Dämmwert seiner Ziegel zu erhöhen, hat Bax zudem eine Füllanlage erdacht, entworfen und gebaut, in der die fertigen Ziegel mit Holz- oder Mineralwolle ausgestopft werden. Inzwischen gibt es sieben solcher Anlagen in ganz Deutschland.

Eine weitere Anlage, ebenfalls seinem Erfindergeist entsprungen, trennt Ziegel und Füllung wieder voneinander. So kann auch Bruch aus der Produktion und Verschnitt von den Baustellen wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden. Europaweit war er der Erste aus der Branche, der das gemacht hat.

Und da ist er schon beim nächsten Aufregerthema: „Sie glauben gar nicht, welchen verwaltungs- und genehmigungstechnischen Aufwand wir hier in Deutschland betreiben müssen, um so ein Vorhaben, das ja ökologisch wirklich nach vorne zeigt, umzusetzen. Das ist der Wahnsinn!“, sagt der Unternehmer und gibt eine kleine Anekdote in Sachen Bauauflagen zum Besten: „Nehmen Sie nur mal den Brandschutz. Wir sind im Odenwald ja an der Grenze von Hessen, Bayern und Baden-Württemberg. Wenn ich einen bestimmten Baustoff ausliefere, muss ich gucken, wo ich hinfahre: Fahre ich nach Walldürn oder bleibe ich drei Kilometer vorher stehen? Kein Witz. In Bayern und Baden-Württemberg ist der Brandschutz relativ locker, in Hessen brutal hart. Danach richtet sich, welchen Baustoff ich einsetzen kann.“ Generell gebe es neben Deutschland kein anderes Land auf der Welt, das das Thema Brandschutz so hoch hängen würde. „Und wir haben 16 Bundesländer mit 16 Bauordnungen!“

Wohnungsbau: „Politik kann nicht an Notwendigkeiten vorbeiregieren“

Doch wie kriegt man die Menschen nun dazu, wieder in Wohnraum zu investieren? Das von Bundesbauministerin Klara Geywitz im April 2022 gegründete „Bündnis für bezahlbaren Wohnraum“ samt dazugehörendem Aktionspaket entlockt Bax nur ein müdes Lächeln.

Die Förderprogramme für Familien und sozialen Wohnungsbau? Viel zu wenig. Serielles und modulares Bauen? Bringt nicht die Kosten- und Zeitvorteile, die man sich davon verspricht. Die Digitalisierung der Prozesse? Da verschluckt sich der 63-Jährige fast an seinem Kaffee: „Das wird doch schon längst gemacht. Wir haben hier einen Computer, einen Roboter neben dem anderen stehen. Jeder Architekt hat seine Prozesse digitalisiert. Wer das nicht macht, den gibt es nicht mehr.“

Einzig der Vorschlag, kommunale und regionale Bodenfonds einzurichten, die Bauland bevorraten und zu einem bezahlbaren Preis abgeben können, hält der Unternehmer für sinnvoll.

„Wir brauchen eine neue Wohnungsbauförderung, die den Namen auch verdient. Wir brauchen weniger Bürokratie und Regulatorik für den Bau selbst. Und wir brauchen eine degressive Abschreibung (sich jährlich verringernder Prozentsatz beim Abschreiben, Anm.d.Red.)“, fordert Bax. Zumindest Letzteres habe Geywitz ja kürzlich angekündigt. „Das wird kommen. Das muss kommen. Die Politik kann nicht auf Dauer an den Notwendigkeiten und den Wünschen der Menschen vorbeiregieren!“ Bis es so weit ist, stellt er die Bänder in seinem Werk aber erst mal ab.

Kommentare