„Normalerweise dominieren dort Europa-Flaggen“: Niederlande vor Ungewissheit – auch ohne Wilders
VonFlorian Naumann
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Die Niederlande-Wahl bringt eine faustdicke Überraschung. Doch trotz Erfolg des „Verbindenden“ – viele Fragen sind offen.
Am Donnerstagmittag war noch unklar, ob es der Partei D66 gelingen würde, Geert Wilders‘ PVV als stärkste Kraft im niederländischen Parlament abzufangen. Die Rechtspopulisten legten auf der Zielgerade der Hochrechungen und der Auszählung zu. So oder so: Der unerwartet hohe Zuspruch für die Sozialliberalen könnte ein positives Zeichen für Deutschlands Nachbarland sein. „Es ist ein Erfolg der Kräfte, die eher moderatere, versöhnlichere Positionen einnehmen und einen anderen Tonfall anschlagen wollen“, sagt Benelux-Experte Siebo Janssen der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media im Nachwahl-Gespräch.
Dem Politikwissenschaftler stach allerdings auch ein Detail bei der Wahlparty der D66 ins Auge. „Es wurden doch relativ viele Niederlande-Flaggen geschwenkt“, sagt Janssen. „Das ist für die D66 unüblich, normalerweise dominieren dort Europa-Flaggen.“ Dem Fokus auf Verbindendes zum Trotz hatte die Partei von Spitzenkandidat Rob Jetten laut Janssen im Wahlkampf auch migrationskritischere Töne hören lassen. Denkbar sei ein „kleiner Wandel“: Hin zu einem Blick auf eine gemeinsame Identität.
Nach der Niederlande-Wahl: „Massive Schwierigkeiten“ – aber auch „offene Türen“
So oder so könnte Jetten eine „sehr langwierige Koalitionsbildung bevorstehen. Janssen sieht im Wesentlichen zwei Optionen für den Überraschungs-Wahlsieger: Ein Mitte-Rechts-Bündnis und ein eher in die linke Mitte ausgerichtetes. Im ersten Falle wären die konservativ-liberale VVD, die Christdemokraten der CDA und die Partei Ja21 Ansprechpartner. Ja21, eine Abspaltung von Wilders‘ PVV und „Forum für Demokratie“ sieht Janssen als „etwas anständigere rechtspopulistische Partei“. Sie habe indes wenig Berührungspunkte mit D66.
Eine Mehrheit wäre auch mit GL-PvdA als Partner neben VVD und CDA möglich, einem Bündnis aus Grünen und Sozialdemokraten. Auch in diesem Fall drohten aber „massive Schwierigkeiten“, so Janssen. Der einstige Wilders-Partner VVD – den Umfragen entgegen mit wenigen Verlusten aus dem Wahltag hervorgegangen – hat eigentlich ausgeschlossen, mit Grün-Links gemeinsame Sache zu machen. Das wiederum steht vor einem Umbruch. Aushängeschild Frans Timmermans hat noch am Wahlabend seinen Rücktritt als Parteichef angekündigt. Der frühere Vize-Präsident der EU-Kommission zog damit Konsequenzen aus einem schwachen Wahlergebnis.
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Einem „ungeschriebenen Gesetz“ zufolge erhält in den Niederlanden eigentlich die stärkste Kraft den Auftrag zur Regierungsbildung, wie Janssen sagt. Theoretisch könnte das also auch Geert Wilders sein. „Das würde aber natürlich keinen Sinn machen, weil kein anderer eine Koalition mit ihm eingehen will.“ Traditionsgemäß sondiere in den Niederlanden ein „Verkenner“ (deutsch: „Erkunder“) vor. Komme der zum Schluss, dass eine Option keine Perspektive habe, werde der König wohl entsprechend handeln. Im konkreten Fall würde das wohl einen Regierungsbildungsauftrag für Jetten und D66 bedeuten.
Wilders und das „Nullsummenspiel“: Wahl wird die Niederlande kaum vom Populisten befreien
Vorbericht vom 27. Oktober: Der Rechtspopulismus in den Niederlanden hat ein markantes Gesicht: Er trägt die Züge von Geert Wilders. Seit Jahren hält der Mann mit der markanten Föhnmähne die Politik im deutschen Nachbarland in Atem. Nach der jüngsten Parlamentswahl zunächst sogar als Teil der Regierungskoalition. Eine Neuauflage dieses Experiments will nach der vorgezogenen Neuwahl am Mittwoch (29. Oktober) kaum noch eine Partei riskieren. Und doch: Wilders wird wohl ein wichtiger Player bleiben, wie Benelux-Experte Siebo Janssen der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media sagt.
Wilders selbst hatte die Koalition im Juni platzen lassen – wohl auch angesichts sinkender Umfragewerte. Dennoch dürfte Umfragen zufolge seine „Partij voor de Vrijheit“ (PVV) stärkste Kraft bleiben, trotz erwarteter Verluste. Um die PVV herum ist die Wählergunst stark in Bewegung. Die fast schon totgeglaubte christdemokratische CDA punktete zwischenzeitlich mit einer klaren Abgrenzung zu Wilders‘ migrationspolitischem Dauerfeuer – nur um auf der Zielgeraden wieder etwas an Umfragezuspruch zu verlieren. Experte Janssen erkennt in diesen eher hektischen Bewegungen im Umfragebild ein „Nullsummenspiel“.
Wilders‘ Kernwähler – und drumherum viel Umfragebewegung: „Nullsummenspiel“ bei Niederlande-Wahl?
Einerseits existiere ein stabiler Sockel an PVV-Wählenden. „Es gibt Analysen, die klar sagen, dass seine Kernwählerschaft Wilders auf jeden Fall treu bleibt, unabhängig davon, ob er eine erfolgreiche Regierungspolitik betreibt oder nicht“, erklärt der Politologe. Die möglichen Verluste – ein Viertel bis ein Fünftel der Sitze sehen Umfragen in Gefahr – beruhten mutmaßlich auf Menschen, die enttäuscht vom Ergebnis der Regierungsbeteiligung der PVV waren. „Die wandern jetzt zu anderen kleinen rechten Parteien oder ziehen sich zurück.“
Auch der zwischenzeitliche Höhenflug der CDA (von nur noch fünf Sitzen bei der Wahl 2023 bis auf eine Umfrage-Momentaufnahme von 25 Sitzen Ende September) deutet laut Janssen nicht auf massive Verschiebungen zwischen den politischen Lagern. Dabei galt Parteichef Henri Bontenbal mit seinen moderaten Tönen einigen schon als Hoffnungsträger.
„Es hat sicherlich Sinn gemacht, dass Bontenbal den harten Kurs seine Vorgänger in der CDA relativiert hat“, sagt Janssen. Das habe christlich-soziale Wähler wieder für die Partei eingenommen. „Aber auf der anderen Seite gehen konservativere Wähler nun zur Bauern- und Bürgerbewegung oder zu JA21“ – zwei rechtspopulistischen Parteien: „Er gewinnt etwas progressivere Wähler zurück, verliert auf der anderen Seite aber konservativere Wähler.“ Profitiert habe die Schwesterpartei von CDU und CSU zudem von der Misere der Partei „Nieuw Sociaal Contract“. Die verprellte im wenig produktiven Bündnis mit Wilders Wählende, verlor ihr Aushängeschild Pieter Omtzigt – und könnte von 20 Sitzen in die außerparlamentarische Opposition stürzen.
Keiner will mit Wilders: Niederlande könnte nach der Wahl nächste Krise drohen
Eine Machtperspektive hat Wilders unabhängig vom Wahlausgang wohl nicht mehr. Aber: „Er wird sicherlich die demokratischen Parteien vor sich her treiben, er wird immer wieder den Finger in die angebliche Wunde der verfehlten Migrations- und Sicherheitspolitik legen, davon kann man ausgehen“, erklärt Janssen. Schon im Wahlkampf hat Wilders das Thema Migration einmal mehr forciert. Und erneut Nachahmer gefunden. So schwenkte etwa die eigentlich liberal-progressive Partei D66 dem Experten zufolge auf einen migrationskritischeren Kurs – und steigerte damit die Umfragewerte.
Wie eine neue Regierung nach dem Wahltag aussehen könnte, ist weitgehend unklar. Politologe Janssen sieht Probleme auf die Parteien zukommen. Weder die rechte noch die linke Seite der politischen Mitte könne mit einer Mehrheit rechnen – und bereits vor dem Urnengang grassiere unter möglichen lagerübergreifenden Koalitionspartnern die „Ausschließeritis“. Viel hänge vom Personal der Parteien ab. Bei der konservativen VVD könnte der Stuhl von Parteichefin Dilan Yeşilgöz wackeln. Ein moderater Nachfolger könnte offen für Bündnisse mit Mitte-Links sein – ein rechter Parteichef wohl eher nicht, so Janssen.
Partei*
Umfragewert**
Wahlergebnis 2023
PVV (rechtspopulistisch)
26 Sitze
37 Sitze
GL-PvdA (grün-sozialdemokratisch)
23
25
D66 (sozialliberal)
22
9
CDA (christdemokratisch)
20
5
VVD (konservativ-liberal)
16
24
JA21 (rechtspopulistisch)
12
1
Nieuw Sociaal Contract (christdemokratisch)
0
20
*Auswahl, neun weitere kleinere Parteien mit Umfragewerten bis zu fünf Sitzen. // Quelle: Ipsos, 24. Oktober 2025. Angaben in Parlamentssitze umgerechnet.
Ohnehin seien aber Überraschungen am Wahltag möglich. „Niederländische Umfragen muss man immer mit Skepsis betrachten“, warnt Janssen. Im Oktober 2023 hatte man mit vielen Parteien auf gleicher Höhe gerechnet – am Ende gewann Wilders deutlich. Eine Rolle könnte die letzte große TV-Debatte spielen. Wilders hatte sich unter Verweis auf Sicherheitsbedenken eine Weile lang vom aktiven Wahlkampf und Fernsehauftritt ferngehalten.
Bontenbal hingegen leistete sich zuletzt einen Fehltritt. In einer TV-Runde erklärte der Christdemokrat, er wolle kirchlichen Schulen nicht daran hindern, homosexuelle Beziehungen als falsch einzuordnen. Auch das könne ein Grund für Einbußen in den Umfragen gewesen sein. Wilders hingegen geriet in seiner ersten Debatte stark unter Beschuss. Seine Werte blieben aber stabil. Möglicherweise ein Indiz, dass die Niederlande sich noch auf einige Jahre mit Wilders einstellen müssen. (Quellen: Siebo Janssen, eigenen Recherchen, Ipsos)