Kanzlerwahl

Bundeskanzler im zweiten Wahlgang: Merz stolpert ins Kanzleramt

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Am Ziel: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (r.) übergibt Kanzler Friedrich Merz im Schloss Bellevue in Berlin die Ernennungsurkunde.
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Für den neuen Kanzler Friedrich Merz begann der Tag mit einem kräftigen Dämpfer. Auf den verlorenen ersten Wahlgang folgt eine Zitterpartie.

Berlin - Ach, was ist die Stimmung gelöst an diesem frühen Dienstagmorgen im Reichstag. Hoher Besuch ist da. Auf der Ehrentribüne sitzt Altkanzlerin Angela Merkel. „Ich freue mich über die fröhliche Stimmung im Hause“, sagt Bundestagspräsidentin Julia Klöckner zum Sitzungsbeginn beschwingt, bevor sie die Kanzlerwahl freigibt. Nach und nach strömen die Abgeordneten aus dem Plenum in die Westlobby, um ihre Stimmkarte abzuholen. Um 9:22 Uhr taucht dann derjenige auf, der heute zum zehnten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt werden soll: Friedrich Merz. Er grinst breit, wartet kurz, greift dann in sein Wahlfach und zieht eine orangefarbene Stimmkarte heraus.

Wenige Meter von Merz entfernt steht, inmitten der vielen Jounalist:innen, Fabian Köster von der ZDF-Heute-Show und scherzt mit den Abgeordneten, die ihre Stimmzettel bereits abgegeben haben. Er hat ein Quiz zum designierten Kabinett vorbereitet. Eine der Fragen lautet: Wie heißt der kommende Verkehrsminister? Die Antwortmöglichkeiten lauten: Patrick Schneider oder Patrick Schnieder. Felix Banaszak pariert die Frage souverän und weiß die Antwort: „Patrick Schnieder, natürlich“. Der Lärmpegel ist hoch, die Stimmung gelöst. Ein langgezogenes „Vooorsicht“ unterbricht das Treiben.

Einer der Schriftführer schiebt eine durchsichtige Urne voll mit orangefarbenen Umschlägen durch die dichtgedrängt stehenden Journalist:innen. Er schiebt die Stimmzettel zur Auszählung. Die ist Sitzung unterbrochen. Also erst mal: Pause. Eine Etage höher vor den Besuchertribünen stehen die designierte Forschungsministerin Dorothee Bär, die designierte Bildungsministerin Karin Prien und Charlotte Merz in einem großen Kreis und stellen sich gegenseitig ihre Familienmitglieder vor. Es geht so harmonisch zu wie selten in diesem Hohen Haus. Die Klingel ringt und alle strömen zurück ins Plenum. Die Familien, die Abgeordneten und auch Friedrich Merz. Sein großer Moment steht bevor.

Kanzler im zweiten Durchgang: Merz scheitert, weil es in der Koalition 18 Abweichler gibt

Doch im Plenum irritiert etwas. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner hat die Parlamentarischen Geschäftsführer der Fraktionen zusammengerufen. Ihr Blick, vorhin noch wie so oft gelöst, sieht angestrengt aus. Alle nehmen ihre Plätze ein und Klöckner verliest: „Ich gebe das Ergebnis der Abstimmung bekannt. Mitgliederzahl: 630. Abgegebene Stimmen: 621. Ungültiger Stimmzettel: einer. Mit Ja haben gestimmt: 310 der Abgeordneten. Mit Nein haben gestimmt: 307. Enthaltungen: drei. Der Abgeordnete Friedrich Merz hat die erforderliche Mehrheit von 316 Stimmen nicht erreicht“.

Friedrich Merz ist im ersten Wahlgang gescheitert. Noch nie war vorher ein Politiker in der Geschichte der Bundesrepublik im ersten Wahlgang gescheitert. Die Koalition aus SPD und Union hat im Bundestag 328 Stimmen. 18 davon haben nicht für Merz gestimmt. Wie geht es nun weiter? Sitzungsunterbrechung, Chaos, Ratlosigkeit.

Politiker und Politikerinnen hetzen durch den Reichstag. Quer durch die Gänge, rein in die Aufzüge und wieder heraus. Das Geschehen verlagert sich zwei Stockwerke nach oben. Die Abgeordneten ziehen sich auf die Fraktionsebene zurück. Journalist:innen eilen den Abgeordneten hinterher und stellen Fragen. Antworten gibt es zunächst gar keine – oder eben widersprüchliche.

Im zweiten Wahlgang zum Bundeskanzler: Wer hat gegen Merz gestimmt?

Niemand scheint es in den ersten Minuten nach der gescheiterten Wahl so recht zu wissen, was nun folgt. Lars Klingbeil sagt: „Wir werden jetzt mit den anderen demokratischen Fraktionen den weiteren Prozess klären“. Carsten Linnemann sagt: „Es muss jetzt zügig gehen“. Sogar der Dax fällt zwischenzeitlich um 1,1 Prozent auf 23.083 Punkte.

Eigentlich sollte Friedrich Merz nun in einer schwarzen Limousine auf dem Weg zum Schloss Bellevue sitzen und seiner Vereidigungsurkunde entgegenfahren. Stattdessen steht die Frage im Raum: Wie konnte das passieren? Merz zieht sich zunächst mit seinen engsten Vertrauten in sein Büro zurück. Wenig später kommt er wieder heraus und geht eisern schweigend und umringt von Jounalist:innen in den Fraktionssaal der Union. Dort wird sich beraten und dort bekommt Merz stehende Ovationen von der gesamten Fraktion. So berichten es anschließend verschiedene Teilnehmer übereinstimmend. Die SPD tagt nebenan. Auch die anderen Fraktionen haben sich zurückgezogen.

Merz zum Bundeskanzler gewählt: nionU und SPD wollen keine Abweichler gefunden haben

Als wenig später die Abgeordneten wieder aus den Fraktionssälen strömen – manche in die Bundestagskantine, manche zu ihren anwesenden Familien, manche in ihre Büros – herrscht etwas mehr Klarheit.

Historische Momente bei der Kanzlerwahl von Friedrich Merz

NRW-Ministerpräsident Hendrick Wüst herzte CDU-Parteichef Friedrich Merz
Vor dem ersten Wahlgang zur Kanzlerwahl im Bundestag war die Stimmung bei der Union noch bestens. NRW-Ministerpräsident Hendrick Wüst herzte CDU-Parteichef Friedrich Merz. Der wirkte entspannt und lächelte. Kurz darauf kippte die Stimmung. © RALF HIRSCHBERGER/AFP
Lars Klingbeil plauderte mit Friedrich Merz und Jens Spahn
Auch beim eigentlichen Koalitionspartner der CDU herrschte vor dem ersten Wahlgang der Kanzlerwahl im Bundestag noch eine gelöste Atmosphäre. SPD-Parteichef Lars Klingbeil plauderte mit Friedrich Merz und Jens Spahn. Klingbeil soll im schwarz-roten Kabinett unter Merz den Posten des Finanzministers übernehmen. Dafür muss der CDU-Chef aber erst einmal die Kanzlerwahl gewinnen. © TOBIAS SCHWARZ/AFP
Bundestag - Kanzlerwahl
Bei der Wahl des Bundeskanzlers waren auch Prominente anwesend. Auf der Besuchertribüne im Bundestag zu sehen waren unter anderem Altkanzlerin Angela Merkel (CDU), Astronaut Alexander Gerst (hinten) und DFB-Präsident Bernd Neuendorf (rechts). © Kay Nietfeld/dpa
Bundestag - Kanzlerwahl
Da schien die Welt noch in Ordnung: Der designierte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) gab im Bundestag bei der Kanzlerwahl seinen Stimmzettel ab.  © Michael Kappeler/dpa
Bundestag - Kanzlerwahl
Eine erste Krisenrunde? Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU, Mitte) sprach kurz vor Bekanntgabe des Ergebnisses der ersten Wahlgangs der Kanzlerwahl mit Angehörigen des Bundestagspräsidiums.  © Sebastian Gollnow/dpa
Bundestag - Kanzlerwahl
Dann war es so weit: Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) verkündete das Ergebnis des ersten Wahlgangs der Kanzlerwahl. Friedrich Merz erhielt in geheimer Abstimmung 310 von 621 abgegebenen Stimmen und damit sechs weniger als die nötige Mehrheit von 316. Die Koalitionsfraktionen CDU/CSU und SPD haben zusammen 328 Sitze im Parlament. © Sebastian Gollnow/dpa
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner
Sie hatte sich ihren ersten wichtigen Arbeitstag als Bundestagspräsidentin sicher anders vorgestellt: Julia Klöckner leitete die Sitzung, in der das Parlament den Bundeskanzler wählen sollte. So fiel der CDU-Politikerin auch die Aufgabe zu, die Niederlage ihres Parteichefs Friedrich Merz im ersten Wahlgang der Kanzlerwahl zu verkünden. © TOBIAS SCHWARZ/AFP
Bundestag - Kanzlerwahl
Die Union hatte auf ein anderes Ergebnis gehofft: Friedrich Merz (CDU) zwischen Alexander Dobrindt (CSU) und Jens Spahn (CDU).  © Michael Kappeler/dpa
Jens Spahn und Friedrich Merz
Nachdem Bundestagspräsidentin Julia Klöckner das Ergebnis des ersten Wahlgangs der Kanzlerwahl verkündet hatte, unterbrach sie die Sitzung. Im Plenarsaal des Reichstags wurde es kurz hektisch. Fraktionsvorsitzender Jens Spahn kam mit Friedrich Merz und weiteren CDU-Politikern zusammen, um das weitere Vorgehen zu besprechen. © TOBIAS SCHWARZ/AFP
Bundestag - Kanzlerwahl
Danach war erst einmal Pause angesagt: „Sitzungsunterbrechung“ stand nach dem ersten Wahlgang auf einem Bildschirm im Plenarsaal im Bundestag. Die Kanzlerwahl war zunächst vertagt. © Kay Nietfeld/dpa
Bundestag - Kanzlerwahl
Im ersten Wahlgang brachten CDU, CSU und SPD die Kanzlermehrheit nicht zustande. Es galt, Fragen zu klären. Der designierte Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD, Mitte) suchte dabei auch das Unions-Fraktionsbüro auf. © Michael Kappeler/dpa
Klingbeil dabei sicher auch mit Friedrich Merz
Gesprochen hat Klingbeil dabei sicher auch mit Friedrich Merz (CDU). In der Union wurde vermutet, dass die fehlenden Stimmen aus der SPD gekommen seien. Doch aus Klingbeils Umfeld hieß es, es gebe keine Hinweise auf Abweichler in den eigenen Reihen. Darauf deute auch das Mitgliedervotum von 85 Prozent für den Koalitionsvertrag hin. „Auf uns ist Verlass.“ © Michael Kappeler/dpa
Friedrich Merz im Gespräch mit Omid Nouripour
Kurz nach seiner Niederlage im ersten Wahlgang der Kanzlerwahl befindet sich Friedrich Merz im Gespräch mit Omid Nouripour. Der ehemalige Vorsitzende der Grünen ist ebenfalls Abgeordneter des Bundestags. © RALF HIRSCHBERGER/AFP
Schloss Bellevue
Eigentlich sollte Friedrich Merz nach der Kanzlerwahl und als frisch gewählter Regierungschef ins Schloss Bellevue fahren, um sich dort von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vereidigen zu lassen. Doch die geplante Zeremonie musste nach der überraschenden Pleite von Merz im ersten Wahlgang der Kanzlerwahl zunächst verschoben werden.  © JOHN MACDOUGALL/AFP
Charlotte Merz, die Ehefrau von CDU-Chef Friedrich Merz
Charlotte Merz, die Ehefrau von CDU-Chef Friedrich Merz, verfolgte die Niederlage ihres Mannes im ersten Wahlgang der Kanzlerwahl auf der Besuchertribüne des Bundestags. Beistand erhielt sie dort von den gemeinsamen Töchtern Carola Cluesener (2.v.l.) und Constanze Merz (l.). Die Stimmung der Frauen aus der Familie Merz dürfte nach Bekanntgabe des Ergebnisses nicht die Beste gewesen sein. © RALF HIRSCHBERGER/AFP
Angela Merkel zu Gast im Bundestag
Das Amt, das Friedrich Merz anstrebt, hatte Angela Merkel ganze 16 Jahre inne. Als Bundeskanzlerin führte die damalige CDU-Chefin in dieser Zeit gleich mehrere Koalitionen. Einen ersten Wahlgang verlor sie bei der Kanzlerwahl genausowenig wie ihre Vorgänger. Das ist in der Geschichte der Bundesrepublik bislang nur Friedrich Merz gelungen. © Imago
AfD Parteichefin Alice Weidel
Selbstredend versuchte die AfD, das Ergebnis des ersten Wahlgangs der Kanzlerwahl medial für sich auszuschlachten. „Herr Merz sollte direkt abtreten und es sollte der Weg geöffnet werden für Neuwahlen in unserem Land“, forderte Parteichefin Alice Weidel. Diese Forderung kommt nicht überraschend. Die AfD, die vor kurzem vom Verfassungsschutz in ihrer Gesamtheit als rechtsextremistisch eingestuft wurde, liegt in vielen aktuellen Umfragen gleichauf mit der CDU. © Christian Thiel/imago
AfD-Chefin Alice Weidel nach dem ersten Wahlgang der Kanzlerwahl mit Alexander Gauland
Noch im Plenarsaal beriet sich AfD-Chefin Alice Weidel nach dem ersten Wahlgang der Kanzlerwahl mit Alexander Gauland. Der ehemalige Vorsitzende der Rechtspopulisten ist der älteste Abgeordnete des Bundestags. Doch auch für ihn ist die Situation, dass ein Kanzlerkandidat wie Friedrich Merz seine Wahl im Bundestag verliert, neu. © IMAGO/Frederic Kern
Thorsten Frei soll im Kabinett von Friedrich Merz den wichtigen Job des Kanzerlamtsministers übernehmen
Thorsten Frei soll im Kabinett von Friedrich Merz den wichtigen Job des Kanzerlamtsministers übernehmen. Das Ergebnis des ersten Wahlgangs bei der Kanzlerwahl ließ auch den 51 Jahre alten CDU-Politiker, der als enger Vertrauter von Merz gilt, zunächst ratlos zurück. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
der Co-Vorsitzende der Linken, Jan van Aken
Beim historischen Debakel von Friedrich Merz war auch der Co-Vorsitzende der Linken, Jan van Aken, anwesend. Das Ergebnis des ersten Wahlgangs der Kanzlerwahl sei aber nicht nur ein Niederlage für Friedrich Merz, sondern auch für seinen designierten Vizekanzler, SPD-Chef Lars Klingbeil. Er wisse nicht, wie es nach dieser „Klatsche für Merz und Klingbeil“ nun weitergehen würde. „Vielleicht war es nur ein Schuss vor den Bug“, mutmaßte Van Aken im Gespräch mit dem ZDF. Es sei aber auch denkbar, dass Merz sogar die eigene Partei nicht hinter sich habe bringen können. © IMAGO/Emmanuele Contini
Frankfurter Börse
Die politische Unsicherheit durch das Scheitern von Friedrich Merz (CDU) im ersten Wahlgang zum Bundeskanzler machte sich auch an der Börse bemerkbar. Der Deutsche Aktienindex (Dax) sackte nach der Bekanntgabe des Ergebnisses zunächst spürbar ab. Gegen 11.30 Uhr notierte der Index bei rund 22.900 Punkten und somit rund 300 Punkte niedriger als anderthalb Stunden zuvor.  © Arne Dedert/dpa
Kanzlerwahl - Pressestatement CSU
Nach dem Scheitern von CDU-Chef Friedrich Merz im ersten Durchgang der Kanzlerwahl warnte der CSU-Vorsitzende Markus Söder in einem Statement in München vor unkalkulierbaren Folgen für Deutschland und die Demokratie. Die Gefahr eines Scheiterns der neuen Regierung könne „ein Vorbote von Weimar sein, denn die Folgen sind unabsehbar“, erklärte Söder. © Sven Hoppe/dpa
Bundestag - Kanzlerwahl
Die Grünen wollen Merz mit ihren Stimmen nicht zur Kanzlerschaft verhelfen. „Wir sagen ganz klar: Bündnis 90/Die Grünen werden Friedrich Merz nicht wählen“, sagte Fraktionschefin Britta Haßelmann (rechts) nach einer längeren Sitzung ihrer Fraktion im Bundestag. Co-Fraktionschefin Katharina Dröge (links) verwies darauf, dass Bundestagspräsidentin Julia Klöckner nun „Herrin des Verfahrens“ sei und einen Vorschlag unterbreiten müsse, „wie schnell es möglich ist, in einen zweiten Wahlgang einzusteigen“. © Sebastian Gollnow/dpa
Olaf Scholz bezeichnete das Ergebnis des ersten Wahlgangs der Kanzlerwahl als „absurd“
523354871.jpg © Kay Nietfeld/dpa
Bundestag - Kanzlerwahl
Trotz seiner überraschenden Pleite im ersten Wahlgang zeigte sich Merz danach entschlossen, erneut anzutreten. Dafür soll er große Rückendeckung seiner Fraktion bekommen haben.  © Michael Kappeler/dpa
Bundestag - Kanzlerwahl
Noch am 6. Mai hat der Bundestag mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit einen zweiten Wahlgang für die Wahl des Bundeskanzlers am Nachmittag angesetzt. Die Fraktionen von Union, SPD, Grünen und Linken hatten dies nach dem gescheiterten ersten Wahlgang gemeinsam beantragt. Nach einer kurzen Debatte machten sich die Abgeordneten auf den Weg, um ihre Stimme abgeben zu können. © Sebastian Gollnow/dpa
Kanzlerwahl
Im zweiten Anlauf wurde Merz dann doch im Bundestag zum zehnten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Er erhielt in geheimer Abstimmung 325 Ja-Stimmen und damit neun mehr als die nötige Mehrheit von 316. Die Koalitionsfraktionen CDU/CSU und SPD haben zusammen 328 Sitze im Parlament. Merz nahm die Wahl an. „Ich bedanke mich für das Vertrauen, und ich nehme die Wahl an“, sagte er auf eine entsprechende Frage von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner. © Tobias Schwarrz/AFP
Kanzlerwahl
Erster Gratulant nach der Wahl war der bisherige Bundeskanzler Olaf Scholz. Jetzt steht dem Regierungswechsel ein halbes Jahr nach dem Bruch der Ampel-Koalition nichts mehr im Wege. Merz muss aber im Schloss Bellevue von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier noch die Ernennungsurkunde erhalten und ist erst dann auch rechtlich gesehen Bundeskanzler.  © Ralf Hirschberger/AFP

In Artikel 63 des Grundgesetzes steht: „Wird der Vorgeschlagene nicht gewählt, so kann der Bundestag binnen 14 Tagen nach dem Wahlgang mit mehr als der Hälfte seiner Mitglieder einen Bundeskanzler wählen“. Das bedeutet: Merz müsste die Abweichler von sich überzeugen, ohne überhaupt zu wissen, wer die Abweichler sind. Denn die Wahl ist geheim. Und sowohl die Fraktionsspitzen der Union und SPD sagen: Abweichler hat es bei uns keine gegeben. Zudem kann er sich auch keine Unterstützung aus den anderen Fraktionen erhoffen.

Nach Wahl zum Bundeskanzler: Opposition sieht Merz schwer angeschlagen

Die Fraktionschefin der Grünen, Katharina Dröge, sagt: „Bündnis 90/Die Grünen werden Friedrich Merz nicht wählen“. Die AfD-Fraktion kündigt ebenfalls an, nicht für Merz zu stimmen. „Deutschland geht es besser, wenn Friedrich Merz kein Kanzler wird“, sagt der AfD-Abgeordnete Maximilian Krah. Auch auf die Linken kann Merz nicht zählen. Das stellt die Linkenabgeordnete Janine Wissler auf ihre ganz eigene Art klar. „Eher würde ich mir die Hand abhacken, als Friedrich Merz zu wählen“, sagt sie, bevor sie auf der Fraktionsebene in einem Raum verschwindet, in dem die Fraktionen von Union, SPD, Grünen und Linken nun über das weitere Vorgehen beraten.

Langsam zeichnet sich eine Lösung ab. Während im Plenarsaal Ruhe eingekehrt ist und nur noch ein Dutzend AfD-Abgeordnete am Handy daddelnd dasitzen, einigen sich die Fraktionsspitzen der anderen Parteien. Eigentlich gilt für einen zweiten Wahlgang eine Einberufungsfrist von 48 Stunden. Mit der Zustimmung von zwei Dritteln der Abgeordneten kann diese Einberufungsfrist allerdings verkürzt werden. Am Ende stimmen alle Bundestagsabgeordneten, auch die der AfD, diesem Antrag zu.

Merz zum Bundeskanzler gewählt: Im zweiten Durchgang erfolgreich

So kommt es, dass Friedrich Merz sich am Nachmittag einem zweiten Wahlgang stellt. Also geht er um 15:48 Uhr ein zweites Mal zu seinem Wahlfach in die Westlobby, grinst weniger breit als am Vormittag und zieht erneut eine orangefarbene Stimmkarte heraus. Wenig später schiebt wieder ein Schriftführer die durchsichtige Urne ein zweites Mal zur Auszählung. Die Sitzung wird erneut unterbrochen.

Und dann verliest die Bundestagspräsidentin Klöckner das Ergebnis: „Mitgliederzahl: 630. Mit Ja haben gestimmt: 325 der Abgeordneten.“

Also doch: Friedrich Merz ist gewählt, wird ausgiebig beglückwünscht – und sitzt wenig später in einer schwarzen Limousine. Auf dem Weg ins Schloss Bellevue, wo ihm Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier seine Ernennungsurkunde überreicht, und auf dem Weg in eine Zeit, deren Start er sich sicherlich anders gewünscht hätte. Und Angela Merkel? Die wurde seit dem Vormittag nicht mehr auf der Tribüne gesichtet.

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