Novum im Bundestag

Merz-Wahl zum Bundeskanzler: Ein Schockmoment zum Start

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Dramatische Minuten für Friedrich Merz: Im ersten Wahlgang lassen zornige Abgeordnete den künftigen Kanzler durchfallen, zum ersten Mal in der Geschichte. Er zittert sich schließlich ins Amt. Die Koalition startet mit Misstönen. Und Misstrauen.

Berlin – Er wahrt die Fassung, mühsam. Friedrich Merz steckt seinen Zettel ein, schiebt den Stift hinterher, springt dann auf und eilt aus dem Saal. Wortlos. Starrer Blick. Oben auf der Besuchertribüne sitzen seine Frau und seine zwei Töchter mit versteinerter Miene. Unten im Plenum eilen die wichtigsten Vertrauten Merz hinterher. Es ist der Schockmoment für die deutsche Politik: Der Kanzlerkandidat ist durchgefallen. Der Bundestag bebt.

310:307, das klingt nach knapper Mehrheit, doch es ist ein Desaster: Überraschend und klar verfehlt Merz nämlich die vom Grundgesetz vorgegebene „Kanzlermehrheit“, also eine absolute Mehrheit der Abgeordneten. 316-mal Ja hätte er gebraucht, bei 328 Abgeordneten von Union und SPD, vollständig angetreten, eigentlich kein Hexenwerk. Doch in geheimer Wahl haben ihm mindestens 18 die Gefolgschaft verweigert. Ein Hinterhalt auf Tagesordnungspunkt eins.

Merz wird erst im zweiten Durchgang zum neuen Bundeskanzler gewählt

Man sieht und spürt das Erschrecken in diesem Moment, auch bei der SPD. Olaf Scholz steht bitterernst und kopfschüttelnd im Saal, kein Hauch von Häme. Er ist nun verpflichtet zum Weiterregieren, wie alle Minister. Wie Untote müssen sie jetzt noch ein paar Stunden in ihre Büros zurückkehren. Die Ersten nennen das eine Staatskrise. Ob er sich freue, ruft ihm ein Reporter zu. Scholz zeigt ihm einen Vogel.

Friedrich Merz ganz allein auf der Regierungsbank. Seine Wahl zum Bundeskanzler hatte sich der CDU-Chef sicher anders vorgestellt.

Die erste Krisenrunde trifft sich in Merz‘ Büro, seine Familie kommt mit. Binnen Minuten holen dann Merz und SPD-Chef Lars Klingbeil jeweils ihre Abgeordneten zusammen. Teilnehmer aus der Union schildern, es sei sehr ruhig gewesen, bedrückt, gefasst. „Es ist, wie es ist“, murmelt ein Merz-Mann. Ihren Kanzlerkandidaten empfangen sie mit demonstrativem, langem Beifall, auch wenn alle fürchten: Da klatschen mehrere Verräter mit. Merz schweigt zunächst, lässt seinen neuen Fraktionschef Jens Spahn machen. Der fasst konzentriert, ohne Vorwürfe, ohne Anklage, die Lage zusammen: Für einen schnellen neuen Wahlgang brauche man die Stimmen fast aller Fraktionen, auch der AfD oder der Linken. Wolle man das?

Merz-Wahl in Berlin: Union dringt auf zweiten Wahlgang

Stundenlang wird hinter verschlossenen Türen verhandelt, Juristen wälzen Bücher. Die Lage ist komplizierter und die Geschäftsordnung unverständlicher, als Laien ahnten: Allmählich dämmert allen im Bundestag, was diese verpasste Kanzlermehrheit regulär bedeuten würde – dass tagelang gar nichts mehr passiert. Keine Spur von „Hoppla, lasst uns schnell noch mal abstimmen“. Wahlgang 2 (Kanzlermehrheit nötig) und Wahlgang 3 (einfache Mehrheit reicht) haben jeweils mehrere Tage Vorlauf. Eine Hängepartie droht, eine Demontage Merz‘, neuer Rückenwind für die AfD, Unruhe an den Börsen, all das weltweit mit Kritik und Spott verfolgt, Tenor: Die Papstwahl geht ja schneller als das.

Die Union dringt deshalb auf einen schnellen zweiten Wahlgang, organisiert die Stimmen für eine Fristverkürzung, umschmeichelt dafür sogar die Linke. Ihre Hoffnung: Die Abweichler haben sich vielleicht abreagiert. Doch ein Restrisiko bleibt. „Dieses Schiff hat ein Leck“, sagt ein hoher CSU-Mann. Der Bundespräsident harrt derweil in Schloss Bellevue aus, seine Termine für die Ernennung des Kanzlers (10:30 Uhr) und seiner Minister (12:30 Uhr) verstreichen.

Merz fällt in erstem Wahlgang durch: „Schaden für unser Land“

Sah jemand das kommen? Schnell wird geunkt, nun wisse man, warum die erbitterte Merz-Rivalin Angela Merkel an diesem Morgen selbst auf die Ehrentribüne eilte: Sie habe Merz scheitern sehen wollen. Das mag arg einfach klingen. Auffälliger ist, dass CSU-Chef Markus Söder am Montag schon öffentlich vor einem Unfall warnte, viele überhörten das in der Euphorie. „Vergeigt es nicht“, rief er den Fraktionschefs Jens Spahn (CDU) und Alexander Hoffmann (CSU) zu. Zwischenfazit: Es ist vergeigt.

Historische Momente bei der Kanzlerwahl von Friedrich Merz

NRW-Ministerpräsident Hendrick Wüst herzte CDU-Parteichef Friedrich Merz
Vor dem ersten Wahlgang zur Kanzlerwahl im Bundestag war die Stimmung bei der Union noch bestens. NRW-Ministerpräsident Hendrick Wüst herzte CDU-Parteichef Friedrich Merz. Der wirkte entspannt und lächelte. Kurz darauf kippte die Stimmung. © RALF HIRSCHBERGER/AFP
Lars Klingbeil plauderte mit Friedrich Merz und Jens Spahn
Auch beim eigentlichen Koalitionspartner der CDU herrschte vor dem ersten Wahlgang der Kanzlerwahl im Bundestag noch eine gelöste Atmosphäre. SPD-Parteichef Lars Klingbeil plauderte mit Friedrich Merz und Jens Spahn. Klingbeil soll im schwarz-roten Kabinett unter Merz den Posten des Finanzministers übernehmen. Dafür muss der CDU-Chef aber erst einmal die Kanzlerwahl gewinnen. © TOBIAS SCHWARZ/AFP
Bundestag - Kanzlerwahl
Bei der Wahl des Bundeskanzlers waren auch Prominente anwesend. Auf der Besuchertribüne im Bundestag zu sehen waren unter anderem Altkanzlerin Angela Merkel (CDU), Astronaut Alexander Gerst (hinten) und DFB-Präsident Bernd Neuendorf (rechts). © Kay Nietfeld/dpa
Bundestag - Kanzlerwahl
Da schien die Welt noch in Ordnung: Der designierte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) gab im Bundestag bei der Kanzlerwahl seinen Stimmzettel ab.  © Michael Kappeler/dpa
Bundestag - Kanzlerwahl
Eine erste Krisenrunde? Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU, Mitte) sprach kurz vor Bekanntgabe des Ergebnisses der ersten Wahlgangs der Kanzlerwahl mit Angehörigen des Bundestagspräsidiums.  © Sebastian Gollnow/dpa
Bundestag - Kanzlerwahl
Dann war es so weit: Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) verkündete das Ergebnis des ersten Wahlgangs der Kanzlerwahl. Friedrich Merz erhielt in geheimer Abstimmung 310 von 621 abgegebenen Stimmen und damit sechs weniger als die nötige Mehrheit von 316. Die Koalitionsfraktionen CDU/CSU und SPD haben zusammen 328 Sitze im Parlament. © Sebastian Gollnow/dpa
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner
Sie hatte sich ihren ersten wichtigen Arbeitstag als Bundestagspräsidentin sicher anders vorgestellt: Julia Klöckner leitete die Sitzung, in der das Parlament den Bundeskanzler wählen sollte. So fiel der CDU-Politikerin auch die Aufgabe zu, die Niederlage ihres Parteichefs Friedrich Merz im ersten Wahlgang der Kanzlerwahl zu verkünden. © TOBIAS SCHWARZ/AFP
Bundestag - Kanzlerwahl
Die Union hatte auf ein anderes Ergebnis gehofft: Friedrich Merz (CDU) zwischen Alexander Dobrindt (CSU) und Jens Spahn (CDU).  © Michael Kappeler/dpa
Jens Spahn und Friedrich Merz
Nachdem Bundestagspräsidentin Julia Klöckner das Ergebnis des ersten Wahlgangs der Kanzlerwahl verkündet hatte, unterbrach sie die Sitzung. Im Plenarsaal des Reichstags wurde es kurz hektisch. Fraktionsvorsitzender Jens Spahn kam mit Friedrich Merz und weiteren CDU-Politikern zusammen, um das weitere Vorgehen zu besprechen. © TOBIAS SCHWARZ/AFP
Bundestag - Kanzlerwahl
Danach war erst einmal Pause angesagt: „Sitzungsunterbrechung“ stand nach dem ersten Wahlgang auf einem Bildschirm im Plenarsaal im Bundestag. Die Kanzlerwahl war zunächst vertagt. © Kay Nietfeld/dpa
Bundestag - Kanzlerwahl
Im ersten Wahlgang brachten CDU, CSU und SPD die Kanzlermehrheit nicht zustande. Es galt, Fragen zu klären. Der designierte Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD, Mitte) suchte dabei auch das Unions-Fraktionsbüro auf. © Michael Kappeler/dpa
Klingbeil dabei sicher auch mit Friedrich Merz
Gesprochen hat Klingbeil dabei sicher auch mit Friedrich Merz (CDU). In der Union wurde vermutet, dass die fehlenden Stimmen aus der SPD gekommen seien. Doch aus Klingbeils Umfeld hieß es, es gebe keine Hinweise auf Abweichler in den eigenen Reihen. Darauf deute auch das Mitgliedervotum von 85 Prozent für den Koalitionsvertrag hin. „Auf uns ist Verlass.“ © Michael Kappeler/dpa
Friedrich Merz im Gespräch mit Omid Nouripour
Kurz nach seiner Niederlage im ersten Wahlgang der Kanzlerwahl befindet sich Friedrich Merz im Gespräch mit Omid Nouripour. Der ehemalige Vorsitzende der Grünen ist ebenfalls Abgeordneter des Bundestags. © RALF HIRSCHBERGER/AFP
Schloss Bellevue
Eigentlich sollte Friedrich Merz nach der Kanzlerwahl und als frisch gewählter Regierungschef ins Schloss Bellevue fahren, um sich dort von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vereidigen zu lassen. Doch die geplante Zeremonie musste nach der überraschenden Pleite von Merz im ersten Wahlgang der Kanzlerwahl zunächst verschoben werden.  © JOHN MACDOUGALL/AFP
Charlotte Merz, die Ehefrau von CDU-Chef Friedrich Merz
Charlotte Merz, die Ehefrau von CDU-Chef Friedrich Merz, verfolgte die Niederlage ihres Mannes im ersten Wahlgang der Kanzlerwahl auf der Besuchertribüne des Bundestags. Beistand erhielt sie dort von den gemeinsamen Töchtern Carola Cluesener (2.v.l.) und Constanze Merz (l.). Die Stimmung der Frauen aus der Familie Merz dürfte nach Bekanntgabe des Ergebnisses nicht die Beste gewesen sein. © RALF HIRSCHBERGER/AFP
Angela Merkel zu Gast im Bundestag
Das Amt, das Friedrich Merz anstrebt, hatte Angela Merkel ganze 16 Jahre inne. Als Bundeskanzlerin führte die damalige CDU-Chefin in dieser Zeit gleich mehrere Koalitionen. Einen ersten Wahlgang verlor sie bei der Kanzlerwahl genausowenig wie ihre Vorgänger. Das ist in der Geschichte der Bundesrepublik bislang nur Friedrich Merz gelungen. © Imago
AfD Parteichefin Alice Weidel
Selbstredend versuchte die AfD, das Ergebnis des ersten Wahlgangs der Kanzlerwahl medial für sich auszuschlachten. „Herr Merz sollte direkt abtreten und es sollte der Weg geöffnet werden für Neuwahlen in unserem Land“, forderte Parteichefin Alice Weidel. Diese Forderung kommt nicht überraschend. Die AfD, die vor kurzem vom Verfassungsschutz in ihrer Gesamtheit als rechtsextremistisch eingestuft wurde, liegt in vielen aktuellen Umfragen gleichauf mit der CDU. © Christian Thiel/imago
AfD-Chefin Alice Weidel nach dem ersten Wahlgang der Kanzlerwahl mit Alexander Gauland
Noch im Plenarsaal beriet sich AfD-Chefin Alice Weidel nach dem ersten Wahlgang der Kanzlerwahl mit Alexander Gauland. Der ehemalige Vorsitzende der Rechtspopulisten ist der älteste Abgeordnete des Bundestags. Doch auch für ihn ist die Situation, dass ein Kanzlerkandidat wie Friedrich Merz seine Wahl im Bundestag verliert, neu. © IMAGO/Frederic Kern
Thorsten Frei soll im Kabinett von Friedrich Merz den wichtigen Job des Kanzerlamtsministers übernehmen
Thorsten Frei soll im Kabinett von Friedrich Merz den wichtigen Job des Kanzerlamtsministers übernehmen. Das Ergebnis des ersten Wahlgangs bei der Kanzlerwahl ließ auch den 51 Jahre alten CDU-Politiker, der als enger Vertrauter von Merz gilt, zunächst ratlos zurück. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
der Co-Vorsitzende der Linken, Jan van Aken
Beim historischen Debakel von Friedrich Merz war auch der Co-Vorsitzende der Linken, Jan van Aken, anwesend. Das Ergebnis des ersten Wahlgangs der Kanzlerwahl sei aber nicht nur ein Niederlage für Friedrich Merz, sondern auch für seinen designierten Vizekanzler, SPD-Chef Lars Klingbeil. Er wisse nicht, wie es nach dieser „Klatsche für Merz und Klingbeil“ nun weitergehen würde. „Vielleicht war es nur ein Schuss vor den Bug“, mutmaßte Van Aken im Gespräch mit dem ZDF. Es sei aber auch denkbar, dass Merz sogar die eigene Partei nicht hinter sich habe bringen können. © IMAGO/Emmanuele Contini
Frankfurter Börse
Die politische Unsicherheit durch das Scheitern von Friedrich Merz (CDU) im ersten Wahlgang zum Bundeskanzler machte sich auch an der Börse bemerkbar. Der Deutsche Aktienindex (Dax) sackte nach der Bekanntgabe des Ergebnisses zunächst spürbar ab. Gegen 11.30 Uhr notierte der Index bei rund 22.900 Punkten und somit rund 300 Punkte niedriger als anderthalb Stunden zuvor.  © Arne Dedert/dpa
Kanzlerwahl - Pressestatement CSU
Nach dem Scheitern von CDU-Chef Friedrich Merz im ersten Durchgang der Kanzlerwahl warnte der CSU-Vorsitzende Markus Söder in einem Statement in München vor unkalkulierbaren Folgen für Deutschland und die Demokratie. Die Gefahr eines Scheiterns der neuen Regierung könne „ein Vorbote von Weimar sein, denn die Folgen sind unabsehbar“, erklärte Söder. © Sven Hoppe/dpa
Bundestag - Kanzlerwahl
Die Grünen wollen Merz mit ihren Stimmen nicht zur Kanzlerschaft verhelfen. „Wir sagen ganz klar: Bündnis 90/Die Grünen werden Friedrich Merz nicht wählen“, sagte Fraktionschefin Britta Haßelmann (rechts) nach einer längeren Sitzung ihrer Fraktion im Bundestag. Co-Fraktionschefin Katharina Dröge (links) verwies darauf, dass Bundestagspräsidentin Julia Klöckner nun „Herrin des Verfahrens“ sei und einen Vorschlag unterbreiten müsse, „wie schnell es möglich ist, in einen zweiten Wahlgang einzusteigen“. © Sebastian Gollnow/dpa
Olaf Scholz bezeichnete das Ergebnis des ersten Wahlgangs der Kanzlerwahl als „absurd“
523354871.jpg © Kay Nietfeld/dpa
Bundestag - Kanzlerwahl
Trotz seiner überraschenden Pleite im ersten Wahlgang zeigte sich Merz danach entschlossen, erneut anzutreten. Dafür soll er große Rückendeckung seiner Fraktion bekommen haben.  © Michael Kappeler/dpa
Bundestag - Kanzlerwahl
Noch am 6. Mai hat der Bundestag mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit einen zweiten Wahlgang für die Wahl des Bundeskanzlers am Nachmittag angesetzt. Die Fraktionen von Union, SPD, Grünen und Linken hatten dies nach dem gescheiterten ersten Wahlgang gemeinsam beantragt. Nach einer kurzen Debatte machten sich die Abgeordneten auf den Weg, um ihre Stimme abgeben zu können. © Sebastian Gollnow/dpa
Kanzlerwahl
Im zweiten Anlauf wurde Merz dann doch im Bundestag zum zehnten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Er erhielt in geheimer Abstimmung 325 Ja-Stimmen und damit neun mehr als die nötige Mehrheit von 316. Die Koalitionsfraktionen CDU/CSU und SPD haben zusammen 328 Sitze im Parlament. Merz nahm die Wahl an. „Ich bedanke mich für das Vertrauen, und ich nehme die Wahl an“, sagte er auf eine entsprechende Frage von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner. © Tobias Schwarrz/AFP
Kanzlerwahl
Erster Gratulant nach der Wahl war der bisherige Bundeskanzler Olaf Scholz. Jetzt steht dem Regierungswechsel ein halbes Jahr nach dem Bruch der Ampel-Koalition nichts mehr im Wege. Merz muss aber im Schloss Bellevue von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier noch die Ernennungsurkunde erhalten und ist erst dann auch rechtlich gesehen Bundeskanzler.  © Ralf Hirschberger/AFP

Söder, an diesem Tag wieder in München zu seiner eigenen Kabinettssitzung, schaltet sich mit SMS in die Krisenrunden kurz ein, telefoniert kurz mit seinem Vertrauten Alexander Dobrindt. Söder meldet sich mittags zu Wort, für seine Verhältnisse düster. „Das Scheitern im ersten Wahlgang ist ein Schaden für unser Land“, sagt er. Es gehe nicht um die Person Merz, sondern um eine ganze Regierung. So etwas sei „ein Vorbote von Weimar“. Sein Appell: „keine Spielchen, keine Denkzettel“. Noch sei „alles lösbar, alles heilbar“.

Merz erst im zweiten Wahlgang zum Bundeskanzler gewählt: Racheaktion von enttäuschten Ex-Ministern?

Jede Partei beteuert für sich: Von uns war es keiner. Von den Heckenschützen outet sich niemand, wissend: Es wäre sein politisches Aus. Der Münchner SPD-Mann Sebastian Roloff hatte vor zwei Monaten noch getönt, er kenne „mehr als drei Hände voll“ mögliche Abweichler. Jetzt beteuert er, für Merz gestimmt zu haben und auch niemanden zu kennen, der dagegen gestimmt habe.

Gemutmaßt wird, wie so oft sei Frust im Spiel nach der Kabinettsbildung. Merz und Klingbeil holten mehrere Externe, übergingen Abgeordnete aus Reihe 2 und 3, die sich für höchstministrabel halten. Die SPD tauschte zudem außer Boris Pistorius alle ihre Ex-Minister aus. Keiner schrie seinen Frust raus, nirgends, aber folgte eine bittere Rache mit dem orangefarbenen Wahlausweis? Bei der SPD sind die Wunden ja noch sehr frisch, das Personalpaket ist erst von Montag. In der CSU erinnern sie daran, es sei vielleicht doch klüger, Personalien wie ursprünglich geplant erst nach einer Kanzlerwahl festzuzurren. In der CDU kursiert aber auch die Deutung, das Riesenschuldenpaket, eigentlich ein dramatisch gebrochenes Wahlversprechen, habe Abgeordnete verstört. Und Merz sei intern kein großer Kommunikator.

Beim Scheitern ist Merkel da, bei Merz‘ Wahl nicht mehr

Die Laune an diesem historischen Tag jedenfalls ist verhagelt. Die Sitzung am Morgen hatte die rheinische Bundestagspräsidentin Julia Klöckner noch mit den Worten eröffnet, sie freue sich „über die fröhliche Stimmung im Hause“. Nun ja, die Wiederaufnahme am Nachmittag wird förmlicher. „Ich bedanke mich für Ihre Geduld“, sagt Klöckner, rattert dann Paragrafen herunter. Kurzfassung: Alle Fraktionen stimmen für die Fristverkürzung, auch Linke, auch Rechtsradikale. Merkels Platz auf der Besuchertribüne bleibt diesmal leer. Ein gutes Omen, lästern sie in der Union.

Tatsächlich: Um 16:15 Uhr sickert durch, dass es geklappt habe im zweiten Wahlgang. Wenig später verliest Klöckner das Resultat, 325 Ja-Stimmen diesmal, neun mehr als nötig. Drei Abweichler aus den eigenen Reihen sind es am Ende noch, das ist zu verkraften. Auch wenn wohl noch lange gesprochen werden wird über diesen Schockmoment für Merz. War es nur eine „unnötige Strafrunde“, wie Partei㈠freunde hoffen, oder der Beginn einer verkorksten Kanzlerschaft?

Friedrich Merz jubelt nicht, er lacht nicht, lächelt nur dünn. Er nickt, steht auf und nimmt die Wahl an.

Rubriklistenbild: © RALF HIRSCHBERGER/AFP

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