„Beispiellos brutaler“ Vorfall: Russland-Kampfjets verletzen NATO-Luftraum – F-35 steigen auf
VonLaura May
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Felix Durach
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Russische MiG-Kampfjets haben den Luftraum der NATO verletzt – in Estland und Polen. F-35-Kampfjets stiegen auf. Die Reaktionen sind scharf.
Tallinn – Am Freitag kam es offenbar erneut zu schwerwiegenden Verletzungen des NATO-Luftraums durch Russland. Drei russische MiG-31 Kampfjets hatten sich dabei mehrere Minuten lang ohne Genehmigung im Luftraum Estlands, eines NATO-Mitgliedstaates, aufgehalten. Die estnische Regierung hat umgehend diplomatische Schritte eingeleitet und fordert nun eine Verschärfung der Maßnahmen gegen Russland. Der Vorfall könnte als erneute Provokation Russlands gegenüber der NATO gewertet werden.
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Die drei russischen MiG-31 Kampfflugzeuge sind am Freitagmorgen in den estnischen Luftraum nahe der Insel Vaindloo im Golf von Finnland eingedrungen – knapp 200 Kilometer Luftlinie von St. Petersburg entfernt. Das berichtet der estnische öffentliche Rundfunk ERR. Die Maschinen verblieben dort für fast zwölf Minuten, was als ungewöhnlich lange Dauer für einen solchen Vorfall gilt. Der MiG-31 ist ein schwerer Abfangjäger, der die russische Hyperschallrakete Kinschal tragen kann.
Zwischenfall über Estland: Russische Kampfjets verletzten NATO-Luftraum minutenlang
Russische Kampfjets haben offenbar zudem die Sicherheitszone der polnischen Bohrplattform Petrobaltic in der Ostsee verletzt. Der polnische Grenzschutz meldete den Vorfall auf X und informierte die Streitkräfte. Die Flugzeuge flogen im Tiefflug über die Plattform und drangen dabei in deren Schutzbereich ein.
Besonders besorgniserregend bei dem Vorfall über Estland war, dass die Flugzeuge weder über Flugpläne verfügten noch ihre Transponder eingeschaltet hatten. Zudem bestand keine Zwei-Wege-Funkkommunikation mit der estnischen Luftverkehrskontrolle. Wie das Portal Politico meldet, ließ die NATO F-35-Kampfjets der italienischen Luftstreitkräfte aufsteigen, um die MiGs abzufangen.
Kampfflugzeuge abgewehrt: Estland beantragt Nato-Treffen nach Artikel 4
Das estnische Außenministerium hat umgehend reagiert und den Geschäftsträger der Russischen Föderation in Estland einbestellt. Ihm wurde eine diplomatische Note übergeben, in der gegen die Verletzung des Luftraums protestiert wurde. Der estnische Außenminister Margus Tsahkna äußerte sich zudem mit deutlichen Worten zu dem Vorfall: „Russland hat in diesem Jahr bereits viermal den estnischen Luftraum verletzt, was an sich schon inakzeptabel ist. Aber der heutige Einflug von drei Kampfflugzeugen in unseren Luftraum ist beispiellos brutal.“ Tsahkna fügte hinzu: „Russlands zunehmende Versuche, Grenzen zu testen, und seine wachsende Aggression müssen mit einer raschen Verstärkung des politischen und wirtschaftlichen Drucks beantwortet werden.“
Nach dem Eindringen dreier russischer Kampfflugzeuge in seinen Luftraum hat Estland zudem Beratungen im Rahmen des Nato-Vertrags beantragt. Regierungschef Kristen Michal nannte den Vorfall auf der Plattform X „vollkommen inakzeptabel“. Der sogenannte Artikel 4 ermöglicht Mitgliedsstaaten, Konsultationen einzuberufen, wenn sie ihre Sicherheit oder territoriale Integrität bedroht sehen.
Erneute Provokationen an der Ostflanke: „Putin stellt die Entschlossenheit des Westens auf die Probe“
Der jüngste Vorfall reiht sich in eine besorgniserregende Serie von Luftraumverletzungen durch Russland infolge des Ukraine-Kriegs ein. Erst in der vergangenen Wochen hatten NATO-Kampfjets erstmals russische Drohnen abgeschossen, die in den Luftraum über Polen eingedrungen waren. Außerdem waren russische Luftfahrzeuge bereits am 13. Mai, am 22. Juni und zuletzt am 7. September in den Luftraum von Estland geflogen. Bei dem Vorfall im September war ein russischer Mi-8-Hubschrauber ebenfalls nahe Vaindloo im estnischen Luftraum abgefangen worden. Auch der Helikopter hatte seinen Transponder ausgeschaltet und keinen Flugplan an die estnische Flugsicherung übermittelt.
Diese Häufung von Vorfällen deutet auf eine systematische Strategie Russlands hin, die Grenzen der NATO-Staaten zu testen und möglicherweise zu destabilisieren.
EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas sprach mit Blick auf den Vorfall am Freitag von einer „äußerst gefährlichen Provokation“. Sie verwies darauf, dass es die dritte Verletzung des EU-Luftraums innerhalb weniger Tage gewesen sei und dies die Spannungen in der Region weiter verschärft. „Putin stellt die Entschlossenheit des Westens auf die Probe. Wir dürfen keine Schwäche zeigen“, schrieb die Estin auf der Plattform X und sicherte ihrem Heimatland die volle Solidarität der EU zu.
Name
Mikojan-Gurewitsch MiG-31
Typ
Abfangjäger
Länge
22,69 Meter
Besatzung
2
Einsatzradius
Zwischen 720 und 1400 Kilometern
Höchstgeschwindigkeit
Mach 2,83 (ca. 3500 km/h)
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kommentierte den Vorfall mit den Worten: „In dem Maße, wie die Bedrohungen eskalieren, werden auch wir unseren Druck erhöhen.“ Wenige Stunden zuvor hatte die EU-Kommission das 19. Sanktionspaket gegen Russland vorgestellt. Unter anderem soll nun bereits ab Januar 2027 der Import von russischem Flüssiggas in die EU-Staaten verboten werden - statt wie bisher geplant Ende 2027. Zudem wurden 118 weitere Schiffe der sogenannten russischen Schattenflotte auf die Sanktionsliste gesetzt.
Wegen Putins Provokationen – NATO verstärkt Präsenz an der Ostflanke
Als Reaktion darauf haben die NATO-Verbündeten angekündigt, die Verteidigung an der Ostflanke des Bündnisses zu verstärken. Die wiederholten Provokationen Russlands stellen eine ernsthafte Herausforderung für die NATO dar und könnten zu einer Neubewertung der Sicherheitsstrategie in der Region führen.
Das Baltikum wurde wegen seiner geografischen Lage von Experten wiederholt als mögliches nächstes Ziel für den Expansionsdrang von Russlands Präsident Wladimir Putin angesehen. Estland grenzt im Osten direkt an Russland und ist somit Teil der NATO-Ostflanke. Im Fokus ist dabei auch immer wieder die Suwałki-Lücke – ein knapp 100 Kilometer breiter Landkorridor, der die russische Exklave Kaliningrad mit Russlands engem Verbündeten Belarus verbindet. Durch die Besetzung dieses Landstreifens könnte Russland und Belarus den Landweg des Baltikums zur restlichen NATO abschneiden. (fdu)