Die Panzerbesatzungen der Ukraine haben ihre Lebensversicherung erhalten. Mit den ersten Abrams und neuen Abwehr-Raketen jagen sie Russlands Panzer.
Kiew – Das Foto zeigt einen Schatten, einen Schemen, und dennoch sind die Konturen eindeutig zu erkennen: der M1A1 SA Abrams hinter einem großen Busch, offenbar im Einsatz in der Ukraine, wie der Post auf X (vormals Twitter) belegen möchte. Das Foto ist das zweite, dass einen amerikanischen Panzer in Diensten der Ukraine gegen Russlands Invasionsarmee zeigen soll. Das erste war schon Anfang November erschienen, wie das Magazin Forbes bildhaft beschreibt: „Eine schlammige Deckung. Ein in Kampfanzug gekleideter Arm und eine Hand umklammern eine Gürtelschnalle mit den Insignien des Panzerkorps der ukrainischen Armee. Und die Kanten der Ketten, der Wanne und des Turms eines Panzers tragen ein Waldtarnmuster.“
Abrams M-1A1SA offenbar an der Front aufmarschiert
Der Abrams ist also jetzt tatsächlich gegen Wladimir Putin aufmarschiert, was lange erwartet, was lange gewünscht worden war. Mitte September sollen zehn M1-Abrams-Panzer von ihrem damaligen Standort Deutschland in die Ukraine verlegt worden sein, um die Offensive gegen die russischen Besatzer zu verstärken. Sie bilden die erste Tranche der zusammen 31 zugesagten Kampfpanzer amerikanischer Herkunft. Sie werden der ukrainischen Gegenoffensive weiteren Schub verleihen und Putins Armee erneut herbe Verluste beibringen – darin ist sich Forbes sicher: „Wenn die bisherigen Erfahrungen der Ukraine mit Panzern aus westlicher Produktion ein Hinweis sind, werden auch in Kämpfen mit M1-Panzern weitaus weniger Besatzungen sterben, als wenn sie in Panzern sowjetischen Stils in die Schlacht ziehen würden, die immer noch den Großteil der ukrainischen Panzertruppe ausmachen, und die gesamtePanzertruppe Russlands.“
„Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts ist der Einzelpanzer ein immer krasseres Biest geworden“, sagt der Direktor des Deutschen Panzermuseums in Munster, Ralf Raths. Das gelte für den Abrams genauso wie für den deutschen Leopard oder die englischen beziehungsweise französischen Modelle, hat er gegenüber der Tagesschau geäußert: „Sie können aus voller Fahrt schießen und treffen – und das über mehrere Kilometer, auch im Rückwärtsfahren.“ Das mache sie zu Vorschlaghämmern auf dem Schlachtfeld, aber sie allein brächten noch nicht den Sieg. Allerdings habe die Entwicklung aller westlichen Staaten den Panzerbau in Russland deutlich überholt.
Putins Panzer-Doktrin: Das Leben der Besatzungen zählt wenig
Vor allem halten sie die Besatzungen wahrscheinlich länger am Leben: Das liegt daran, dass die M1 und ihre Nato-Verwandten – der deutsche Leopard 2 und der britische Challenger 2 – auf Schutz ausgelegt sind. Am wichtigsten ist, dass sie ihre Munition meist in speziell dafür vorgesehenen Fächern verstauen. Panzer westlicher Bauart sind also keinesfalls unverwundbar, aber in einem Gefecht deutlich widerstandsfähiger als ihre Gegner. Das ist einer der bedeutenden Unterschiede zu russischen Modellen, wie dem T-64, oder den Nachfolge-Modellen T-72, T-80 und T-90. Um die Panzer kleinzuhalten, ersetzten sowjetische Ingenieure den Ladeschützen durch einen Lade-Automaten, der von einem Karussell unter dem Turm gespeist wird. Die gesamte freigelegte Munition, die zusammen mit der Besatzung im Turm sitzt, ist einem hohen Risiko ausgesetzt zu explodieren, wenn sie getroffen wird.
Genauso wie Deutschland hat auch die US-Regierung ältere Versionen ihrer Spitzenmodelle an die Ukraine abgegeben. Der M-1A1 SA ist ein verbessertes, aber dennoch einfach ausgestattetes Modell des M-1. Laut Forbes hat der M-1A1 aus dem Jahr 2006 den enormen Vorteil, dass er reichlich vorhanden ist. Die Amerikaner verfügten im Jahr 2022 über rund 650 Stück der 67-Tonnen-Panzer mit dem Plan, diese sukzessive auszumustern. Der M1A1 war bis zum Jahr 2021 im Dienst, die aktuelle Version – der M1A2 – soll voraussichtlich sogar noch bis über das Jahr 2050 hinaus im Truppendienst bleiben, der Bestand allerdings von ehemals knapp 8.000 auf deutlich unter 3.000 Stück schrumpfen.
Abrams M1A1 SA: Freund-Feind-Erkennung beschert Russland hohe Verluste
In der Ukraine kämpft der M1A1 SA (situational awareness), laut dem Magazin armyrecognition also die Version mit zusätzlichen einsatzkritischen Technologien, um das Situationsbewusstsein (SA) der Besatzung zu stärken. Dieses Situationsbewusstseins-Paket erhöht die Kampffähigkeit des Panzers M1A1 Abrams, indem es den Soldaten eine elektronische Grafik des Schlachtfeldes mit Symbolen für befreundete und feindliche Streitkräfte zur Verfügung stellt. Die 120mm-Glattrohrkanone stammt von Rheinmetall., also aus deutscher Produktion.
Wesentliche Unterschiede des jetzt in der Ukraine kämpfenden US-Panzern zu den amerikanischen Modellen ist die Panzerung: Die Abrams A1 verfügen über eine Uranpanzerung älteren Typs. Lieferbedingung war jedoch, das Uran zu entfernen und durch Wolfram zu ersetzen. Letztlich werden aber weder die Panzerung über den Erfolg der Westpanzer entscheiden, noch die Feuerkraft, sondern lediglich die Fertigkeiten der Besatzung.
Ukraine: Gegenoffensive mit besserem Schutz für die Soldaten
„Aus dem Ukraine-Krieg kann man lernen, dass sich der Panzer in Form und Funktion mal wieder radikal verändern wird“, sagt Militärhistoriker Raths. Im aktuellen Konflikt ist die moderne Funktion des Panzers als „Duellpanzer“ gefordert, wie Raths erklärt: „als Schwerpunktwaffe im Eins-gegen-Eins über mehrere Kilometer, um auch für die Infanterie Lücken in Befestigungen zu reißen. Das macht den US-amerikanischen Abrams wie sein deutsches Pendant, den Leopard, so wertvoll, da sie ihren russischen Gegnern in vielen Disziplinen überlegen sind.“ Diesen Vorteil hätten westliche Panzer exklusiv, da in den Armeen der verfeindeten Staaten hauptsächlich baugleiche Panzer gegeneinander kämpfen, und auch die jeweils neueren Modell brächten keine im Gefecht entscheidenden Pluspunkte gegenüber den älteren Typen.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Im Gegenteil verbleibt allen gemeinsam die Bedeutung der Besatzung im Panzerkampf. Der geringere Schutz der Soldaten in den russischen Modellen bedeutet vor allem für Russland hohe Verluste und enorme Anstrengungen, diese wieder auszugleichen. Russische Panzerbesatzungen sterben oft in ihren Panzern. Während Moskau Tausende alter Panzer reaktiviert und Hunderte neuer baut, muss er auch immer wieder viele neue Panzersoldaten ausbilden: mindestens drei pro Panzer. Dieses Risiko allerdings teilen beide verfeindeten Armeen. Vor allem die angerückten „Abrams“ bedeuten also weniger die Trumpfkarte in der Schlacht, sondern vor allem die Lebensversicherung der Mannschaften.
Wie alle westlichen Partner steuert auch die Biden-Regierung unbeirrt ihren Kurs, eher die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine zu erhöhen, anstatt ihre Angriffsfähigkeit. Wie das US-Verteidigungsministerium kürzlich veröffentlicht hat, umfasst das jetzt folgende, inzwischen 51. Hilfspaket für die Ukraine vor allem mobile, tragbare Panzerabwehrwaffen: rohrgestützte, optisch verfolgte, drahtgelenkte Raketen sowie Javelin- und AT-4-Panzerabwehrsysteme, die auch von einzelnen Soldaten abgefeuert werden können.
Der Abrams in seiner Deckung zeigt damit die Wiedergeburt des klassischen Panzerkampfes, der mit dem Zeitalter der Atomraketen und spätestens seit dem Ende des Kalten Krieges endgültig Vergangenheit zu sein schien.