VonSebastian Borgerschließen
Der britische Ex-Premier ist jetzt Politikberater und international bestens vernetzt – auch in den USA und im Nahen Osten.
Eines steht schon fest: Auch diesmal wird Tony Blair den Friedensnobelpreis nicht erhalten. Kaum jemand hält für möglich, dass die Zusammenkunft im Weißen Haus, bei der auch der britische Ex-Premier (1997 bis 2007) am Tisch saß, tatsächlich eine aussichtsreiche Zukunftsperspektive für den Gazastreifen und die Menschen dort eröffnet. Im unwahrscheinlichen Fall, dass das Treffen vom vergangenen Mittwoch doch zum Erfolg führt, hätte dann aber der Gastgeber Donald Trump gute Chancen auf die Trophäe, die Höflinge wie Steve Witkoff dem US-Präsidenten schon jetzt zusprechen wollen.
Der heute 72-jährige vormalige Regierungschef des Vereinigten Königreichs ging schon einmal leer aus. Als unter britisch-irischer Ägide mit Unterstützung der USA 1998 das Nordirland-Friedensabkommen zustande kam, hatten die Regierenden in London, Dublin und Washington das Nachsehen in Oslo zugunsten der Nordiren John Hume und David Trimble.
Blairs Karriere als Politikberater: Global vernetzt
Das macht dem potenten Politikberater Blair aber wohl nicht viel. Das Tony-Blair-Institut für globalen Wandel (TBI) beschäftigt mehr als 900 Menschen in 40 Staaten rund um den Globus, darunter die frühere finnische Ministerpräsidentin Sanna Marin. Sollte es im Nahost-Konflikt auf israelischer oder palästinensischer Seite Friedensfähige und -willige geben, kann man getrost davon ausgehen, dass Blair ihre Namen kennt.
Das dürfte auch der Grund dafür sein, dass er zum Round Table in Washington eingeladen wurde, an dem kein einziger hochrangiger Araber mit Platz nahm. Nach seinem Amtsverlust 2007 schaffte Blair sich als „Nahost-Vermittler“ über acht Jahre lang wahrscheinlich ein ganzes Netzwerk an Kontakten – auch wenn daraus kein positiver Effekt für Nahost folgte. Wollen Blair und seine Geldgeber nun an Trumps Vision der Gaza-Riviera mitverdienen, deren Voraussetzung die Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung ist? Immerhin beteiligten sich TBI-Leute an entsprechenden Planspielen, wie im Juli die „Financial Times“ offenlegte. Aber nein, beteuert ein TBI-Sprecher: Man strebe nur „ein besseres Gaza“ an. An der Idee, die Menschen alle woanders anzusiedeln, habe das TBI keinerlei Anteil.
Britischer Ex-Premier: Blair-Team hat bis heute groß politischen Einfluss
Im Gegenteil habe Blair, heißt es in den britischen Medien, in Washington Trumps krude Vorstellungen in realistische Bahnen zu lenken versucht. Einfluss hat Blair allemal. Achtzehn Jahre nach seinem Weggang wimmelt es in der Regierungszentrale an der Londoner Downing Street von Mitarbeiter:innen der aufgelösten Firma Blair Associates und des TBI. Zu ihnen zählt einer von Keir Starmers wichtigsten Beratern: Varun Chandra kümmert sich für den ökonomisch wenig versierten Labour-Premier um die Kontakte zur Wirtschaft, begleitete ihn auch zum Treffen mit Trump im schottischen Turnberry, wo das Königreich ebenso wie die EU den jüngsten (vorläufigen) Handelsdeal mit dem volatilen Amerikaner festzurrten.
In einem Podcast hat Chandra sein Verhältnis zu Blair geschildert, bei dem er mitten in der Finanzkrise 2008/09 angeheuert hatte. Als Erstes ließ sich der 30 Jahre ältere, bekanntermaßen an Finanzthemen kaum interessierte Ex-Premier von dem blutjungen Banker gleich mal erklären, was es mit dem Verschuldungsgrad der schlingernden Finanzfirmen auf sich hatte. „Er behandelt jeden mit totalem Respekt und mit Bescheidenheit. Ich empfand es als Lehrstunde, wie man sich benehmen sollte.“
Daheim wohlgelitten: Doch Blair polarisiert auch aus einigen Gründen
Gute Manieren im persönlichen Umgang und Ignoranz gegenüber der Welt der Banken hinderten den Altmeister des Regierens und Gewinner dreier Unterhauswahlen im ersten Jahrzehnt nach dem Amtsverlust allerdings nicht daran, sich in einer für die britische Politik beispiellosen Weise die Taschen vollzustopfen, wofür mehrere Häuser in und um London in teuerster Lage beredtes Beispiel geben.
In Großbritannien wird Blair bis heute die Beteiligung am unrechtmäßigen Irak-Krieg 2003 zur Last gelegt. Die so sehr offensichtliche Geldscheffelei, ein Millionenvertrag mit der US-Investmentbank JP Morgan, die lukrative Beratung zweifelhafter Tyrannen von Kasachstan bis Saudi-Arabien aber dürfte seine Reputation noch stärker beschädigt haben.
Für Entscheidungen im „öffentlichen Interesse“: Initiative will mit Gesetz Einfluss beschränken
Der hoch angesehene konservative Publizist Fraser Nelson befürwortete jüngst ein „Blair-Osborne-Gesetz“, das früheren Premierministern oder Finanzministern wie George Osborne lebenslänglich die bezahlte Beratung ausländischer Regierungen verbieten würde. Zu offenkundig würden schon die Regierenden sonst „in den Verdacht geraten, Entscheidungen nicht im öffentlichen Interesse“ zu fällen, glaubt Nelson und nennt als vergleichbares Beispiel den deutschen Ex-Bundeskanzler und Putin-Freund Gerhard Schröder.
Immerhin steckt Schröders einstiger Gefährte auf dem „Dritten Weg“ der europäischen Sozialdemokratie mittlerweile „80 Prozent seiner Arbeitskraft“ in die Institutsarbeit – wobei nie ganz klar wird, woher im Einzelnen das Geld stammt. Mehr als eine Liste von „Spendern und Partnern“ wird nicht veröffentlicht. Findige Guardian-Rechercheure immerhin kolportieren, dass das saudische Regime dem alten Freund 2018 umgerechnet 10,4 Millionen Euro zukommen ließ. (Sebastian Borger)
