Neue Art von Luftaufklärung: Ein Besatzungsmitglied des russischen thermobarischen Raketenwerfers TOS-1A Solntsepek (Blazing Sun) hält mit einem Anti-Drohnen-Gewehr Ausschau nach einer nahenden Bedrohung. In der Grundausbildung wird Soldaten künftig eingeschärft, Gefahren auch am Himmel zu antizipieren.
Früher schützten Zweige am Helm. Heute kämpfen Infanteristen gegen Wärmebild-Optiken aus der Luft. Neue Ausbildungs-Inhalte sollen das Leben verlängern.
Washington D.C — „Die Handhabung von Drohnen gehört inzwischen zum Basis-Training von einzelnen Soldaten, besonders Rekruten, und von Trupps bis hinauf zur Ebene von Brigaden“, sagt Todd South. Der leitende Redakteur der US-amerikanischen Military Times bestätigt gegenüber den Defense News, dass ohne Vorbereitung auf den Kampf mit oder gegen Drohnen jedes infanteristische Vorhaben inzwischen zum Scheitern verurteilt sei. Das, was Wladimir Putins Invasionsarmee im Ukraine-Krieg durch immense Verluste hat lernen müssen, steht jetzt den europäischen Armeen bevor – die Bundeswehr tut sich schwer.
„Die infanteristische Ausbildung unserer Streitkräfte ist nach wie vor zweidimensional. Das infanteristische Gefecht ist aber dreidimensional. Wer die dritte Dimension nicht beherrscht, ist zwangsläufig unterlegen und wird vernichtet“, schreibt Markus Heller. Laut dem Autor des deutschen Reservistenmagazins loyal habe mit denDrohnen eine gänzlich neue Waffe in den Armeen und ihren Einheiten Einzug gehalten – als Feind genauso wie als Freund. Um ihre Gegner zu bekämpfen, hätten Soldaten heute neben Mörsern und Javelin-Raketenwerfern auch Drohnen, um Ziele zu bekämpfen. Auf der anderen Seite könnten sie nicht nur durch Handwaffen bekämpft werden oder durch Artilleriebeschuss, sondern auch durch eine Granate, die sie nicht einmal auf sie herabfliegen hören.
Alltag im Ukraine-Krieg: „Dies bedeutet, daß Drohnen mitunter die Rolle von Handgranaten übernehmen“
Das sei der neue Standard, dem sich ein Infanterist inzwischen ausgesetzt sieht, sagt South. Ihm zufolge stelle die Drohne die infanteristische Ausbildung mit einem neuen Element völlig auf den Kopf. „Was man da sieht, ist die Bedrohung aus der Luft durch bewaffnete Kleinstdrohnen, die nur ganz schwer aufzuklären und auch zu bekämpfen sind“, sagt im Bundeswehr-Podcast „Nachgefragt“ Michael Rützel. „Das wird uns noch eine Weile beschäftigen“, so der Hauptmann und leitende Ausbilder für Orts- und Waldkampf an der Infanterieschule der Bundeswehr in Hammelburg.
Das Tempo, mit dem sich der Charakter von Kriegen seit 2020 verändert hat, sollte jeden Beobachter schwindlig machen.
Die US-Armee ist da offenbar schon weiter. Im Gegensatz zur Bundeswehr hat sie auch schon Gefallene durch Drohnen-Attacken zu betrauern. Wie Table.Media berichtet, habe der Tod dreier US-Soldaten durch eine Drohne im Januar 2024 in Jordanien zur sofortigen Anpassung der Ausbildung geführt. Fort Till im Bundesstaat Oklahoma beheimate als einer der größten Luftwaffenstützpunkte der USA die United States Army Field Artillery School – dort würden die Einsatzkräfte im Counter-Unmanned-Aircraft-Systems-Training (C-UAS) für das Aufeinandertreffen mit Drohnen gedrillt, schreibt das Nachrichtenportal.
Drohnen sind mittlerweile von ihren Archetypen wie der US-amerikanischen Reaper mit ihren elf Metern Länge oder der bis zu 14 Meter umfassenden israelischen Heron-Drohne zu beinahe handtellergroßen Flugmaschinen geschrumpft – mit den entsprechenden Konsequenzen für die einzelnen Kräfte: „Dies bedeutet, dass Drohnen mitunter die Rolle von Handgranaten übernehmen. Daraus geht hervor, dass das Fliegen von Drohnen zu einem normalen Einsatzmittel geworden ist, vergleichbar eben mit dem Handgranatenwurf“, erläutert Markus Heller in loyal.
Putins Krieg zeigt Wirkung: „Es wird immer schwieriger, sich vor den Optiken zu verstecken“
Dieser „Handgranatenwurf“ hat zumindest für die US-Armee offenbar eine neue Dimension erreicht, wie Todd South gegenüber den Defense News äußert: So würden ähnlich der Top Gun-Schule für Elite-Marineflieger auch Wettbewerbe für Drohnen-Angriffs-Trupps abgehalten. Darüber hinaus werde vor allem die Grundausbildung für US-Soldaten reformiert, wie Task & Purpose berichtet hat – also die Grundausbildung für alle Soldaten und nicht nur für Drohnenpiloten: Der Höhepunkt der Grundausbildung der Armee umfasse nun Unterricht darüber, wie sich Soldaten vor Drohnen verstecken können, so Autor Jeff Schogol. Der Ukraine-Krieg hat den Armeen die Restrukturierung der im Rekruten-Jargon als „Grundi“ bezeichneten Erstausbildung für frische Soldaten an der Waffe und im militärischen Verhalten aufgezwungen.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
„Sie sind operativen Bedrohungen ausgesetzt, mit denen sie möglicherweise konfrontiert werden, wenn sie morgen eingesetzt werden, und sie erleben diese auch nicht zum ersten Mal, wenn sie der Einheit beitreten, der sie beitreten werden“, sagt gegenüber Task & Purpose beispielsweise Gary M. Brito. Bis die neuen Soldaten ihre erste Einheit erreichten, hätten sie die erste Jagd durch einen Schwarm Drohnen bereits hinter sich, so der Leiter des US Army Training and Doctrine Command gegenüber dem Magazin. Angehende Soldaten während des Kalten Krieges hatten sich mittels Tarnnetzen Zweige an den Helm gesteckt – gegen Wärmebildkameras in den Drohnen-Nasen hilft das wenig.
„Es wird immer schwieriger, sich vor den Optiken zu verstecken“, sagt Jan Halama im Bundeswehr-Podcast „Nachgefragt“. Der Hauptmann leitet den Technologiestützpunkt Tarnen und Täuschen der Bundeswehr in Storkow (Brandenburg) und erläutert, dass die neue Waffe jeder Kraft eine neue Bewegung im Feld abverlange: „In Zukunft muss der Fokus der Ausbildung eher darauf gelegt werden, dass der Blick wieder mehr nach oben geht, dass wir die Drohnen auch frühzeitig sehen“, sagt Halama.
Nato-Soldaten schauen künftig hoch: „Weil buchstäblich der Himmel über ihnen vor Gefahr summen kann“
Für die Bundeswehr gilt genauso, woran sich alle Armeen der Welt gewöhnen müssen: Amerikanische Bodentruppen seien gewohnt, zu operieren, „ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob die über ihnen fliegenden Flugzeuge eine Bedrohung darstellen“, schreibt Michael J. Forsyth für das US-Armee-Magazin Military Review. Ihm zufolge gehörten Anti-Drohnen-Waffen womöglich künftig zur Standardbewaffnung von Trupps. Die russische Armee experimentiert aktuell an Störsendern, die „am Mann“ getragen werden. Die USA arbeiten mit der Ghost-Drohne als einer Waffe, die ein Zwei-Mann-Trupp überall aus der persönlichen Ausrüstung ziehen und im Handumdrehen abfeuern kann.
Tatsächlich wird Bedrohung wohl nie wieder nur zweidimensional zu erfassen sein: Soldaten werden in Sekundenbruchteilen zu entscheiden haben, worauf sie achten: den Boden vor, den Himmel über sich, oder das, was sich vor, hinter oder seitwärts von ihnen zur Lebensgefahr entwickelt. Taktiken haben sich neu zu definieren – laut Samuel Bendett sollte der Ukraine-Krieg die künftig kämpfenden Kräfte gelehrt haben, „dass buchstäblich der Himmel über ihnen, direkt über den Baumwipfeln, vor Gefahr summen kann“, so der Autor des US-Thinktanks National Security Analysis (CNA) gegenüber Task & Purpose.
USA gehen jetzt neuen Weg: „Man versucht, sich in kleinen Gruppen zu bewegen“
Die Gefahren hätten sich demnach potenziert gegenüber früherem todbringenden Abwehrfeuer, beispielsweise durch Minensperren, Granateinschlägen oder Maschinengewehr-Feuer. Größe Gruppen in Zugstärke von vielleicht 20 Mann wären ein zu großes Risiko unter einem drohnenverhangenen Himmel. „Man versucht, sich in kleinen Gruppen zu bewegen, mit ausreichend Abstand zwischen den Soldaten. Man bewegt sich zu unterschiedlichen Tageszeiten. Dabei sendet man möglichst wenig Signale aus“, empfiehlt Bennett
Die neue Grundausbildung hat die Meisterschaft im Verstecken zum Ziel. Dabei ist der Gegner weniger die einzelne Drohne, sondern vielmehr der Schwarm. Deshalb müssten auch Kommandoposten auf Miniaturgröße schrumpfen und Signaturen verschwinden – die Körpertemperatur allein lässt einen Menschen in der Nacht leuchten wie einen Weihnachtsbaum. Dunkelheit, dichtes Gebüsch, Erde, Stahl, Beton – alles das, was früher Sicherheit geboten hat, muss neu auf Tauglichkeit untersucht werden. Und das gilt nur für die Verteidigung. Auch der Angriff sieht anders aus als früher.
Allein deshalb benötigten Führungskräfte eine Ausbildung, die sie zwinge, kritisch darüber nachzudenken, wie sie im Anbruch des neuen Drohnenzeitalters die Luftüberlegenheit erlangen und aufrechterhalten könnten, schreibt Michael J. Forsyth in seiner Handlungsempfehlung. Ihm zufolge gehöre die Ausbildung umgekrempelt – angepasst an ein komplexes Gefechtsfeld, um eine Chance auf ein gutes Ende für jeden Einzelnen zu behalten, wie er nahelegt:
„Das Tempo, mit dem sich der Charakter von Kriegen seit 2020 verändert hat, sollte jeden Beobachter schwindlig machen.“