Die Bundeswehr rüstet nach: Selbst in der Nachwuchswerbung auf Messen wird Interessenten anhand einer Puppe die neue Schutzausrüstung präsentiert. Allerdings sind die kampferprobten Ukrainer in der Entwicklung weiter: Sie erweitern den Schutz von einer Weste zu einem Overall.
In einen Overall gekleidet wollen die Verteidiger künftig Russlands Drohnen abwehren. Die Bundeswehr reagiert ebenfalls – mit splitterfesten Unterhosen.
Kiew – „Die Idee dieser gepanzerten Overalls war meine Initiative und ist etwas, das es vorher noch nicht gab“, sagt Oleh Shyriaiew. Der britische Telegraph zitiert den Major, der Wladimir Putins Invasionstruppen im Ukraine-Krieg jetzt mit Köpfchen die Stirn bietet. Der jüngst hoch dekorierte Major will den ukrainischen Rittern der Freiheit jetzt eine Rüstung gegen Drohnen-Beschuss verpassen.
Der Anzug bestehe aus Materialien, die vor Splittern von Granaten schützen, die auf Soldaten abgeworfen werden, schreiben die Telegraph-Autoren Danielle Sheridan und Daniel Hardaker. Als „Held der Ukraine“ ist er bereits ausgezeichnet, jetzt übertrifft Oleh Shyriaiew seine eigenen bisherigen Leistungen um ein Vielfaches: Entwickelt habe er für seine Kameraden eine persönliche Schutzausrüstung, die Splittern widerstehen sollen. Die Idee einer Splitterschutzweste für Soldaten ist prinzipiell ein alter Hut – allerdings schützt die eben nur den Oberkörper – wenn Soldaten im Gefecht solch eine Weste überhaupt zu ihrer persönlichen Schutzausrüstung zählen können. Shyriaiews Innovation besteht aus einem Schutz für den gesamten Körper, der als Einheit entwickelt wird.
Schutz im Ukraine-Krieg: „Wir arbeiten an dieser Idee und entwickeln sie weiter“
Dieser Ganzkörperanzug soll einerseits tragbar sein und den Soldaten im Gefecht Bewegungsfreiheit belassen sowie andererseits mittels verschiedener Schutzzonen Geschosse verschiedener Geschwindigkeiten aufhalten: Um das Becken herum, an den Oberschenkeln vorn und den Schultern soll die Panzerung Geschossen bis zu einer Geschwindigkeit von 450 Metern pro Sekunde widerstehen; Oberkörper, Arme und Rücken sollen fliegendem Metall mit einem Tempo von bis zu 410 Metern pro Sekunde trotzen und die restlichen Partien vorn und hinten am Körper sowie am Hals noch Beschuss mit einer Geschwindigkeit von 330 Metern pro Sekunde.
„Wir arbeiten an dieser Idee und entwickeln sie weiter, sodass neben kugelsicheren Westen und Helmen auch Overalls aus sogenanntem ‚Panzergewebe‘ hergestellt werden, das Granatsplitter bestimmter Größen daran hindert, das Material zu durchdringen.“
„Wir arbeiten an dieser Idee und entwickeln sie weiter, sodass neben kugelsicheren Westen und Helmen auch Overalls aus sogenanntem ‚Panzergewebe‘ hergestellt werden, das Granatsplitter bestimmter Größen daran hindert, das Material zu durchdringen“, sagt Shyriaiew. Die Idee des aktiven Soldaten fußt auf bisher verwendeten Stichschutz- und kugelsicheren Westen. Verletzungen nach Detonationen von Granaten resultieren häufig weniger aus der Druckwelle oder der Hitzeentwicklung des explodierenden Sprengstoffes, sondern aus den scharfkantigen Teilen der zerberstenden Munitionshülle oder sekundären Fragmenten aus zerfetzten Strukturen in der Nähe der Explosion, beispielsweise dem Metall von Gefechtsfahrzeugen.
Die Wirkung haben Splitterbomben gemein mit Artilleriegranaten. In Splitterbomben vervielfacht sich der Effekt lediglich durch inkorporierte Metallteile, die die Wirkung um Hunderte Meter weiter tragen, beispielsweise Wolframwürfel und Kugellager. Überwiegend sind die eingelagerten Metallteile relativ winzig, dennoch können sie mit Anfangsgeschwindigkeiten von mehreren Tausend Kilometern pro Sekunde starten; je kleiner die Splitter und je größer die Sprengkraft, desto weiter fliegen sie. Verletzungen von Splittern sind äußerlich teilweise unscheinbar, unter der Haut jedoch todbringend, wie der Guardian aus dem Gazastreifen berichtet hat.
Putins Terror: 70 Prozent der Verluste an Infanteristen im Ukraine-Krieg sind verschuldet von Drohnen
„Die Austrittswunde ist nur wenige Millimeter groß. Die Eintrittswunde ist genauso groß oder kleiner. Aber man erkennt die extrem hohe Geschwindigkeit an den Schäden, die sie im Inneren verursacht. Wenn mehrere kleine Fragmente mit rasender Geschwindigkeit fliegen, entstehen Weichteilschäden, die die Größe des Fragments bei weitem übersteigen“, sagte Mark Perlmutter Mitte 2024 gegenüber dem britischen Blatt. Autor Chris McGreal sprach neben dem US-Amerikaner Perlmutter mit mehreren Chirurgen, die in europäischen und al-Aqsa-Krankenhäusern gearbeitet haben und Wunden beschrieben, die durch Splitter verursacht worden waren. Splitterbomben gelten als Waffen, um die Zahl der Opfer zu maximieren.
Die können aus Kanonenrohren genauso stammen wie von anderen Plattformen. 70 Prozent der Verluste an Infanteristen im Ukraine-Krieg sind verschuldet von Drohnen, schreibt Martin Rosenkranz. Im österreichischen Magazin militär Aktuell nimmt Rosenkranz Bezug auf ein aktuelles Handbuch der russischen Streitkräfte „Taktik des Einsatzes von FPV-Drohnen durch den Feind und Möglichkeiten zum Gegensteuern“, wie er schreibt.
Der Anzug der Ukraine soll eine Möglichkeit zum Gegensteuern darstellen. Auch dieser Anzug basiert hauptsächlich auf der Kunstfaser Kevlar, die zwar weniger Schutz gegen direkten Beschuss bietet, aber leichter zu tragen ist und zuverlässig gegen Granatsplitter wirkt. Der Kevlar-Anteil ist kombiniert mit anderen Materialien, die genaue Zusammensetzung bleibt geheim. Oleh Shyriaiew hat sich 2024 die Auszeichnung zum „Helden der Ukraine“ durch infanteristische Leistungen während des Eindringens in den Raum Kursk verdient.
Ukraine bietet Russland die Stirn: „Ohne Infanterie ist Krieg unmöglich“
Wie ihn der Guardian zitiert, habe Shyriaiev betont, der einfache Infanterist sei weiterhin der Schlüssel zum Sieg sei. Wer ein Gebiet kontrollieren wolle, müsse seinen Fuß darauf stellen, wie er andeutete: „Ohne Infanterie ist Krieg unmöglich.“ Bereits 2018 hat der Schweizer Tagesanzeiger öffentlich infrage gestellt, ob sich hochpreisiger Schutz für die Fußtruppen überhaupt lohne. Für umgerechnet mehr als 400 Millionen Euro sollten 100.000 Schweizer Kräfte ausgerüstet werden mit Kleidung die sowohl komfortabel ist als auch widerstandsfähig gegen Splitter und Projektile; also 4.000 Euro pro Soldat. Prinzipiell nur für Klamotten, die Hälfte davon allein für die Schutzweste – dafür sollten die Platten sogar direktem Beschuss aus Sturmgewehren trotzen.
Der Politik war das zu kostspielig, der Armee erschien der Zweifel unsinnig und argumentierte weitsichtig – obwohl Drohnen zu der Zeit lediglich im Kino zu sehen waren: „Eine klare Frontlinie gebe es heute nicht mehr, terrorähnliche Bedrohungslagen könnten überall auftreten“, zitierte der Tagesanzeiger den Brigadier Rolf Siegenthaler – in der Bundeswehr vergleichbar mit dem Brigadegeneral. In hybriden Konfliktformen sei „jeder, der eine Uniform trägt, ein potenzielles Ziel“, so Siegenthaler. Und darum müsse sich jeder Soldat auch angemessen schützen können, selbst wenn er nur irgendwo vor einem Gebäude Wache schiebe, erläuterte er dem Blatt weiter.
Bundeswehr zieht mit MOBAST nach: angefangen mit der „ballistischen Unterwäsche“
Die Bundeswehr investiert jetzt ebenfalls in die Sicherheit seiner Kräfte – der aktiven genauso wie der Reservisten: MOBAST steht für Modulare Ballistische Schutz- und Trageausstattung, von der die Bundeswehr 305.000 Sets bestellt und die Hälfte davon bereits ausgeliefert hat. Zweieinhalb Milliarden Euro kostet das Plus an Sicherheit, das die Kräfte nach dem Zwiebelprinzip schützen soll: angefangen mit der „ballistischen Unterwäsche“, wie das Magazin Soldat & Technik berichtet hat:
🇺🇦 One of Ukraine’s most decorated soldiers has developed an armoured combat suit to protect troops from drone attacks.
„Sie setzt sich aus den Anteilen ,Ballistische Unterhose‘, ‚Ballistisches T-Shirt‘ sowie ‚Ballistischer Schlauchschal‘ zusammen. Die ballistische Unterwäsche wird unter der Kampfbekleidung getragen und soll die Soldaten gegen Verletzungen durch Kleinstsplitter und Sand – wie sie zum Beispiel bei IED-Anschlägen (improvised explosive device – selbstgebaute Bombe) auftreten – schützen, so Autor Waldemar Geiger. Allerdings scheint die Bundeswehr vom Ukraine-Krieg überrollt worden zu sein, MOBAST hinkt hinter dem Drohnenkrieg hinterher, wie herauszulesen ist aus der Veröffentlichung der Bundeswehr:
Verteidigung gegen Drohnen: Als bester Weg gilt, „einen kinetischen Einfluss auf sie auszuüben“
Als MOBAST-Kernstück gilt die Überziehschutzweste, die den Rumpf vorn wie hinten dank „hartballistischer Schutzelemente (Platten)“ abschirmt. „Sie schützt gegen Beschuss aus Langwaffen bis zum Kaliber 7,62 mal 51 Millimeter. Der weichballistische Schutz im Körperbereich vorne und hinten sowie der Unterleibschutz helfen gegen Pistolenmunition mit Kaliber 9 Millimeter und Splitter. Oleh Shyriaiew als kampferfahrener Soldat hat anscheinend weiter denken müssen als westeuropäische Planer. MOBAST ist lediglich als Weste geplant, kann aber modular ergänzt werden durch Elemente für Splitterschutz an Hals, Schultern, Oberarm und Oberschenkel.
Vom Schützen bis zum General: Das sind die Dienstgrade der Bundeswehr
Das System sollte ursprünglich bis 2031 in die Truppe integriert werden, wurde aber durch das Sondervermögen beschleunigt eingeführt. In der Ukraine jedoch haben Soldaten bisher gelernt, dass Angriff die beste Verteidigung sei, wie der Business Insider (BI) aktuell berichtet. „Der beste Weg, Drohnen entgegenzutreten, ist, einen kinetischen Einfluss auf sie auszuüben“, sagt Vitalii Pervak.
Laut dem Ausbilder einer Drohnen-Ausbildungsschule in der Ukraine veränderten sich Frontlinien und technische Möglichkeiten beider Seiten Immens schnell. Außerdem herrsche immer Not an entsprechender Ausrüstung. Angesichts dessen hat Pervak gegenüber dem BI zum Rückgriff auf archaische Methoden der Verteidigung geraten – wie er sich ausdrückte, sei gegen Drohnen „eine Schrotflinte die beste Option“.