Deutsch-chinesische Regierungskonsultationen

„Menschenrechte nur im Nebensatz“: Für China hat Scholz vor allem freundliche Worte

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Chinas Ministerpräsident Li Qiang und Bundeskanzler Olaf Scholz in Berlin.
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Kritische Fragen unerwünscht: In Berlin treten Bundeskanzler Scholz und Chinas Ministerpräsident Li vor die Presse – und demonstrieren weitgehend Einigkeit.

Berlin – Ist das nun ein Partner, ein Wettbewerber oder gar ein Rivale, der da links neben dem Bundeskanzler am Rednerpult Platz genommen hat? Mit diesem etwas formelhaften Dreiklang beschreibt die Bundesregierung seit einiger Zeit die Volksrepublik China und damit in gewisser Weise auch deren Ministerpräsidenten Li Qiang. Li steht an diesem Dienstagmittag neben Olaf Scholz im Berliner Kanzleramt und ist aus deutscher Perspektive alles zur selben Zeit: ein Partner, wenn es um den Kampf gegen den Klimawandel oder die Erhaltung der Biodiversität geht; ein Wettbewerber, etwa in Wirtschaftsfragen; und ein Rivale im globalen Wettstreit zwischen Demokratie und Autoritarismus.

Wenn man aber Li so zuhört, glaubt man für einen Moment, von Wettbewerb oder Rivalität könne keine Rede sein. Li, der für seine erste Auslandsreise seit Amtsantritt zusammen mit acht Ministern zu den deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen nach Berlin gekommen ist, spricht vor der Hauptstadtpresse von „fruchtbaren Ergebnissen“. Er redet in schneller Folge von „gegenseitigem Nutzen“ und davon, dass Deutschland und China „Hand in Hand zusammenarbeiten“ sollten, um einen Beitrag zu leisten zur „Schicksalsgemeinschaft der Menschheit“. Beide Regierungen hätten in den vergangenen zwei Tagen „mehr als zehn Kooperationsvereinbarungen getroffen“, verkündet Chinas wirtschaftsfreundlicher Ministerpräsident nicht ohne Stolz.

Und auch Olaf Scholz klingt bisweilen so, als gäbe es die vielen Differenzen zwischen Berlin und Peking gar nicht. Die desolate Menschenrechtslage in China erwähnt er nur am Rande – „Menschenrechte nur im Nebensatz“, kritisiert umgehend die Tibet Initiative Deutschland.

Scholz beschwört die Zusammenarbeit mit China

Stattdessen beschwört Scholz lieber die Zusammenarbeit, etwa beim Klimaschutz, wo der Bundes- und der Volksrepublik eine besondere Verantwortung zukämen. Schließlich gehörten beide zu den größten CO2-Emittenten weltweit. Für Olaf Scholz folgt daraus vor allem eine stärkere Kooperation in Wirtschaftsdingen, etwa bei der Förderung erneuerbarer Energien oder von Elektro- und Wasserstoffmobilität.

Was Scholz jedenfalls auf keinen Fall will, ist ein Ende der Wirtschaftsbeziehungen zu Peking. „Wir haben kein Interesse an einer wirtschaftlichen Abkoppelung“, versichert er seinem chinesischen Amtskollegen – vielleicht auch, weil just an diesem Dienstag die EU-Kommission Vorschläge vorstellen will, wie die europäische Abhängigkeit von China verringert werden kann. Scholz dringt vielmehr auf einen besseren Marktzugang für deutsche Unternehmen in China.

Die deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen wurden vor zwölf Jahren von Angela Merkel ins Leben gerufen. Alle zwei Jahre kommen die Regierungen beider Länder seitdem zusammen, um über Verbindendes und über Trennendes zu diskutieren. Lediglich die Pandemie brachte den eingespielten Rhythmus durcheinander. Persönlich traf man sich deswegen zuletzt im Sommer 2018. Schon damals war Xi Jinping Chinas starker Mann, und wohin der Weg führen würde, hätte man erahnen können. Denn bereits im Frühjahr jenes Jahres ließ Xi die chinesische Verfassung ändern, um fortan bis an sein Lebensende regieren zu können. 2021 dann tagten beide Regierungen virtuell, es war Angela Merkels „letzter großer Aufschlag in der Chinapolitik“ – und „business as usual“, wie die China-Denkfabrik Merics seinerzeit bilanzierte.

Scholz drängt China, auf Russland Einfluss zu nehmen

Von einem „Weiter so“ ist man heute denkbar weit entfernt. Xi Jinping regiert zunehmend autoritär, er lässt politische Gegner inhaftieren, steckte Hunderttausende Uiguren in Xinjiang in Umerziehungslager, nahm den Menschen in Hongkong ihre Freiheit. Und er droht so massiv wie lange nicht mehr mit einem Angriff auf Taiwan, lässt quasi täglich Kampfflugzeuge aufsteigen und Cyberangriffe auf die demokratisch regierte Insel durchführen. Und nicht zuletzt steht Peking im Ukraine-Krieg weiter fest an der Seite Russland.

Li Qiang war bereits am Montag mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zusammengekommen. Dieser gab seinem Gast aus China den Auftrag mit auf den Weg, Peking müsse „sein weltpolitisches Gewicht und seinen Einfluss auf Russland zu nutzen, um auf einen gerechten Frieden“ in der Ukraine hinzuwirken. Auch Bundeskanzler Scholz sagt in Berlin, er habe an die chinesische Regierung appelliert, ihren Einfluss auf Russland stärker geltend zu machen. Als Ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat komme Peking hier eine besondere Verantwortung zu. Klar sei, dass die territoriale Integrität der Ukraine erhalten bleiben müsse. „Kein Land darf versuchen, Grenzen mit Gewalt zu verschieben“, sagt Scholz.

Von einem solchen Satz wäre es nicht weit zu jenem anderen Großkonflikt, der derzeit den weltweiten Frieden bedroht. Doch zu Taiwan, das China als abtrünnige Provinz betrachtet und sich notfalls mit Gewalt unter den Nagel reißen will, verliert Scholz öffentlich kein Wort. Nach nur 15 Minuten ist die gemeinsame Pressekonferenz dann auch schon wieder vorbei, Fragen sind – wohl auf chinesischen Wunsch – nicht gestattet. Dabei hatte Scholz nur wenige Minuten zuvor noch von der Bedeutung freier Medien gesprochen.

China und Taiwan: Darum geht es in dem Konflikt

Taiwans F-16-Kampfjet (links) überwacht einen der beiden chinesischen H-6-Bomber, die den Bashi-Kanal südlich von Taiwan und die Miyako-Straße in der Nähe der japanischen Insel Okinawa überflogen.
Seit Jahrzehnten schon schwelt der Taiwan-Konflikt. Noch bleibt es bei Provokationen der Volksrepublik China; eines Tages aber könnte Peking Ernst machen und in Taiwan einmarschieren. Denn die chinesische Regierung hält die demokratisch regierte Insel für eine „abtrünnige Provinz“ und droht mit einer gewaltsamen „Wiedervereinigung“. Die Hintergründe des Konflikts reichen zurück bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. © Taiwan Ministry of Defence/AFP
Chinas letzter Kaiser Puyi
Im Jahr 1911 zerbricht das viele Jahrtausende alte chinesische Kaiserreich. Der letzte Kaiser Puyi (Bild) wird abgesetzt, die Xinhai-Revolution verändert China für immer. Doch der Weg in die Moderne ist steinig. Die Jahre nach der Republikgründung waren von Wirren und internen Konflikten geprägt.  © Imago
Porträt von Sun Yatsen auf dem Tiananmen-Platz in Peking
Im Jahr 1912 gründet Sun Yat-sen (Bild) die Republik China. Es folgen Jahre des Konflikts. 1921 gründeten Aktivisten in Shanghai die Kommunistische Partei, die zum erbitterten Gegner der Nationalisten (Guomindang) Suns wird. Unter seinem Nachfolger Chiang Kai-shek kommt es zum Bürgerkrieg mit den Kommunisten. Erst der Einmarsch Japans in China ab 1937 setzt den Kämpfen ein vorübergehendes Ende. © Imago
Mao Zedong ruft die Volksrepublik China aus
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Kapitulation Japans flammt der Bürgerkrieg wieder auf. Aus diesem gehen 1949 die Kommunisten als Sieger hervor. Mao Zedong ruft am 1. Oktober in Peking die Volksrepublik China aus (Bild).  © Imago Images
Chiang Kai-shek
Verlierer des Bürgerkriegs sind die Nationalisten um General Chiang Kai-shek (Bild). Sie fliehen 1949 auf die Insel Taiwan. Diese war von 1895 bis 1945 japanische Kolonie und nach der Niederlage der Japaner an China zurückgegeben worden. Auf Taiwan lebt seitdem die 1912 gegründete Republik China weiter. Viele Jahre lang träumt Chiang davon, das kommunistisch regierte Festland zurückzuerobern – während er zu Hause in Taiwan mit eiserner Hand als Diktator regiert. © Imago
Richard Nixon und Zhou Enlai 1972
Nach 1949 gibt es zwei Chinas: die 1949 gegründete Volksrepublik China und die Republik China auf Taiwan, die 1912 gegründet wurde. Über Jahre gilt die taiwanische Regierung als legitime Vertreterin Chinas. Doch in den 70er-Jahren wenden sich immer mehr Staaten von Taiwan ab und erkennen die kommunistische Volksrepublik offiziell an. 1972 verliert Taiwan auch seinen Sitz in den Vereinten Nationen, und Peking übernimmt. Auch die USA brechen mit Taiwan und erkennen 1979 – sieben Jahre nach Richard Nixons legendärem Peking-Besuch (Bild) – die Regierung in Peking an. Gleichzeitig verpflichten sie sich, Taiwan mit Waffenlieferungen zu unterstützen. © Imago/UIG
Chiang Ching-Kuo in Taipeh
Im Jahr 1975 stirbt Taiwans Dikator Chiang Kai-shek. Neuer Präsident wird drei Jahre später dessen Sohn Chiang Ching-kuo (Bild). Dieser öffnet Taiwan zur Welt und beginnt mit demokratischen Reformen. © imago stock&people
Chip made in Taiwan
Ab den 80er-Jahren erlebt Taiwan ein Wirtschaftswunder: „Made in Taiwan“ wird weltweit zum Inbegriff für günstige Waren aus Fernost. Im Laufe der Jahre wandelt sich das Land vom Produzenten billiger Produkte wie Plastikspielzeug zur Hightech-Nation. Heute hat in Taiwan einer der wichtigsten Halbleiter-Hersteller der Welt - das Unternehmen TSMC ist Weltmarktführer. © Torsten Becker/Imago
Tsai Ing-wen
Taiwan gilt heute als eines der gesellschaftlich liberalsten und demokratischsten Länder der Welt. In Demokratie-Ranglisten landet die Insel mit ihren knapp 24 Millionen Einwohnern immer wieder auf den vordersten Plätzen. Als bislang einziges Land in Asien führte Taiwan 2019 sogar die Ehe für alle ein. Regiert wurde das Land von 2016 bis 2024 von Präsidentin Tsai Ing-wen (Bild) von der Demokratischen Fortschrittspartei. Ihr folgte im Mai 2024 ihr Parteifreund Lai Ching-te. © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping
Obwohl Taiwan nie Teil der Volksrepublik China war, will Staats- und Parteichef Xi Jinping (Bild) die Insel gewaltsam eingliedern. Seit Jahrzehnten droht die kommunistische Führung mit der Anwendung von Gewalt. Die meisten Staaten der Welt – auch Deutschland und die USA – sehen Taiwan zwar als einen Teil von China an – betonen aber, dass eine „Wiedervereinigung“ nur friedlich vonstattengehen dürfe. Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus. Die kommunistiche Diktatur Chinas ist für die meisten Taiwaner nicht attraktiv. © Dale de la Rey/AFP
Militärübung in Kaohsiung
Ob und wann China Ernst macht und in Taiwan einmarschiert, ist völlig offen. Es gibt Analysten, die mit einer Invasion bereits in den nächsten Jahren rechnen – etwa 2027, wenn sich die Gründung der Volksbefreiungsarmee zum 100. Mal jährt. Auch das Jahr 2049 – dann wird die Volksrepublik China 100 Jahre alt – wird genannt. Entscheidend dürfte sein, wie sicher sich China ist, einen Krieg auch zu gewinnen. Zahlenmäßig ist Pekings Armee der Volksrepublik den taiwanischen Streitkräften überlegen. Die Taiwaner sind dennoch gut vorbereitet. Jedes Jahr finden große Militärübungen statt; die Bevölkerung trainiert den Ernstfall, und die USA liefern Hightech-Waffen.  © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping auf einem chinesischen Kriegsschiff
Analysten halten es für ebenso möglich, dass China zunächst nicht zu einer Invasion Taiwans blasen wird, sondern mit gezielten Nadelstichen versuchen könnte, den Kampfgeist der Taiwaner zu schwächen. So könnte Xi Jinping (Bild) eine Seeblockade anordnen, um die Insel Taiwan vom Rest der Welt abzuschneiden. Auch ein massiver Cyberangriff wird für möglich gehalten.  © Li Gang/Xinhua/Imago
Protest in Taiwan
Auch wenn die Volksrepublik weiterhin auf eine friedliche „Wiedervereinigung“ mit Taiwan setzt: Danach sieht es derzeit nicht aus. Denn die meisten Taiwaner fühlen sich längst nicht mehr als Chinesen, sondern eben als Taiwaner. Für sie ist es eine Horrorvorstellung, Teil der kommunistischen Volksrepublik zu werden und ihre demokratischen Traditionen und Freiheiten opfern zu müssen. Vor allem das chinesische Vorgehen gegen die Demokratiebewegung in Hongkong hat ihnen gezeigt, was passiert, wenn die Kommunistische Partei den Menschen ihre Freiheiten nimmt. © Ritchie B. Tongo/EPA/dpa

„Je offener der Austausch, desto geringer ist der Raum für Missverständnisse“

Ein bisschen ist es an diesem Dienstag in Berlin so wie am Vortag in Peking. In Chinas Hauptstadt war am Montag US-Außenminister Antony Blinken mit Staatschef Xi zusammengekommen. Und obwohl er ohne konkrete Ergebnisse in der Tasche wieder nach Hause flog, war die Erleichterung groß: Immerhin, sie reden wieder miteinander. Auch Scholz betont in Berlin, persönlicher Austausch sei heute „noch wichtiger als sonst“. Die Regierungskonsultationen hätten es „erlaubt, Fragen zu besprechen, wo wir unterschiedliche Meinungen und Differenzen haben“, sagt Scholz, und: „Je offener der Austausch, desto geringer ist der Raum für Missverständnisse.“

Man darf davon ausgehen, dass hinter verschlossenen Türen mehr Klartext gesprochen wurde als vor der versammelten Berliner Presse. Ein „Dialog der Gehörlosen“, wie der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell im vergangenen Jahr den missglückten EU-China-Gipfel genannt hat, waren die Regierungskonsultationen in Berlin jedenfalls kaum. Schließlich standen auch intensive Zweiergespräche der deutschen und chinesischen Minister auf dem Programm, etwa zwischen Bundesumweltministerin Steffi Lemke und ihrem chinesischen Amtskollegen. Man wolle künftig enger zusammenarbeiten, um Klima- und Umweltherausforderungen zu bekämpfen, hieß es anschließend aus Lemkes Ministerium.

Und selbst Außenministerin Annalena Baerbock, die am Montag mit ihrem chinesischen Amtskollegen Qin Gang nur telefonieren konnte, weil dieser in Peking mit Blinken sprach, stellte überraschend versöhnlich fest: „Dass wir die Welt nicht durch dieselben Augen sehen, hindert uns nicht daran, mit China ehrlich den Austausch zu suchen.“ Ein Satz, der auch vom Bundeskanzler stammen könnte.

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