Überlebende berichten

Bootsunglück im Mittelmeer: Griechische Küstenwache wehrt sich gegen Vorwürfe

Die Suche nach Schuldigen nach dem Bootsunglück im Mittelmeer läuft. Einige Überlebende erheben schwere Vorwürfe gegen die Küstenwache – ein Kapitän verteidigt sich.

Update vom 18. Juni, 15.05 Uhr: Nach dem Schiffsunglück im Mittelmeer hat sich der Kapitän eines Boots der griechischen Küstenwache gegen Vorwürfe zur Wehr gesetzt. Die griechische Zeitung Kathimerini veröffentlichte das Protokoll eines Berichts, den der Kommandeur des Patrouillenboots 920 seinen Vorgesetzten gegeben habe. Demzufolge bot der Kapitän dem völlig überfüllten Fischkutter etwa zwei Stunden vor dem Unglück Hilfe an - was von dort aber abgelehnt worden sei. Von vielen Seiten gibt es Vorwürfe, dass der Kapitän bei der Entdeckung des Kutters nicht eingeschritten sei. Einige Medien zitierten Überlebende, die Küstenwache habe den Untergang des Boots sogar erst verursacht, indem sie es Richtung Italien habe schleppen wollen (siehe Erstmeldung vom 17. Juni).

Dem Protokoll zufolge wurden der Kapitän und seine Crew bereits am Dienstag gegen 15.00 Uhr vom maritimen Such- und Rettungszentrum im griechischen Piräus über das in Not geratene Boot informiert. Das Patrouillenboot habe sich dann sofort auf den Weg in die Region gemacht. Der Kutter sei gegen 23.00 Uhr von einem Frachtschiff entdeckt worden. Die Küstenwache habe sich dem Boot um 23.40 Uhr auf etwa 200 Meter genähert und Hilfe angeboten.

Überfüllter Fischkutter kentert am Calypsotief im Mittelmeer

„Wir näherten uns dem Schiff, um seinen Zustand und den der Passagiere zu überprüfen und erneut Hilfe anzubieten“, zitierte die Zeitung den Kapitäns, dessen Name nicht veröffentlicht wurde. Dann hätten die Beamten am Bug des Schiffs ein Seil befestigt. Von Bord seien jedoch Rufe wie „No Help“ und „Go Italy“ zu hören gewesen - man brauche keine Hilfe, Ziel sei Italien. „Trotz wiederholter Appelle, ob sie Hilfe brauchten, ignorierten sie uns und machten gegen 23.57 Uhr das Seil los. Sie starteten den Motor und fuhren mit geringer Geschwindigkeit in westliche Richtung.“

Das Patrouillenboot habe dann das Such- und Rettungszentrum informiert und das Boot im Abstand von 200 Metern begleitet, gab der Kapitän weiter an. Um 1.40 Uhr habe der Kutter erneut angehalten. Dann habe sich das Boot langsam geneigt. Unter den Passagieren habe es Aufruhr gegeben, auch Schreie seien zu hören gewesen. Innerhalb einer Minute sei das Boot dann jedoch gekentert. Das Mittelmeer ist an dieser Stelle etwa 5000 Meter tief. Hoffnung, nach dem Unglück noch Überlebende zu finden, gibt es keine mehr.

Das Foto der griechischen Küstenwache zeigt das überladene Fischerboot, das wenig später später vor Südgriechenland kenterte und sank.

Mutmaßliche Schleuser nach Bootsunglück festgenommen

Erstmeldung vom 17. Juni: Athen – Nach dem verheerenden Bootsunglück im Mittelmeer mit vermutlich mehreren Hundert Toten sollen internationale Ermittlungen den Ablauf klären. Die griechischen Behörden baten die europäische Polizeibehörde Europol um Unterstützung, berichtet die Tageszeitung Kathimerini.

Vermutet wird, dass die tödliche Überfahrt aus Afrika nach Europa in einem überladenen Fischerboot von einem international agierenden Schleuserring organisiert wurde. Neun mutmaßliche Schleuser aus Ägypten, die an Bord waren und das Unglück überlebten, sollen am Montag der Staatsanwaltschaft vorgeführt werden. Bei den neun Festgenommenen handelt es sich nach griechischen Medienberichten nicht um die Drahtzieher des Schleuserrings, aber um Helfer. Auf ihre Spur kamen die Behörden durch Aussagen anderer Überlebender des Unglücks von Mittwoch. Die Bande soll allein in den vergangenen Monaten bis zu 18 Fahrten übers Mittelmeer aus Libyen nach Italien organisiert haben.

Kaum Hoffnung bei Suche nach Überlebenden im Mittelmeer

Überlebende sagten aus, für die so tödlich endende Fahrt 5000 bis 6000 Euro pro Kopf gezahlt zu haben. Zeitungsberichten zufolge gab einer der Festgenommenen zu, Geld für Arbeiten an Bord erhalten zu haben. Die anderen stritten alle Vorwürfe ab.

Vorwürfe gab es gegen die griechische Küstenwache. Zunächst hieß es, die Beamten hätten nicht eingegriffen und damit dazu beigetragen, dass das Schiff Hunderte Menschen auf den Grund des Meeres mitnahm. Die Küstenwache wehrte sich: Man habe den Menschen an Bord mehrere Stunden vor dem Unglück ein Seil zugeworfen, um sie in Sicherheit zu bringen. Diese hätten das Seil jedoch zurückgeworfen, weil sie nicht nach Griechenland wollten, sondern nach Italien.

Einem Bericht des WDR zufolge soll die Küstenwache versucht haben, das überladene Schiff Richtung Italien zu schleppen. Zehn Überlebende hätten dies unabhängig voneinander so geschildert. Das Schiff soll dabei ins Wanken geraten und schließlich gesunken sein. Der Unglücksort liegt genau über dem Calypsotief mit einer Tiefe von mehr als 5000 Metern – es ist eine der tiefsten Stellen des Mittelmeers. Eine Bergung des Wracks ist deshalb sehr unwahrscheinlich. Sie wäre sehr aufwendig und teuer.

„Es geht darum, dass es Vorwürfe gibt, dass die griechische Küstenwache dieses Boot in die Richtung von italienischem Gewässer gezogen hat, dass sie es sozusagen gepushbackt hat“, berichtet WDR-Journalist Bamdad Esmaili. Er betont, dass es sich nur um Vorwürfe handelt, die erst bewiesen werden müssten. „Die Griechen lehnen das vehement ab und dementieren das. Sie sagen nach wie vor immer noch, dass sie Hilfe angeboten haben und das Schiff habe diese Hilfe nicht gewollt, weil sie demnach nach Italien wollten.“

Bootsunglück im Mittelmeer: Vorwürfe gegen die Küstenwache

Auf dem Meer, etwa 50 Seemeilen südwestlich der Halbinsel Peloponnes, wurde unterdessen mit Booten und einem Hubschrauber weiterhin nach Vermissten gesucht. Schlechte Wetterbedingungen und starker Wind erschwerten die Arbeit allerdings. Die Suche dürfte bald eingestellt werden: Mehr als 72 Stunden nach dem Unglück gab es keine realistische Hoffnung mehr, noch Überlebende zu finden. Das Mittelmeer ist an dieser Stelle mehr als 5000 Meter tief. Vermutlich wird das Meer für Hunderte Menschen zum ewigen Grab.

In Athen arbeiteten Forensiker daran, die 78 geborgenen Todesopfer zu identifizieren. Es sei eine schwierige Aufgabe, sagte der Leiter der dortigen Gerichtsmedizin, Nikos Karakoukis. Kaum eines der Opfer habe Ausweispapiere an sich - und selbst wenn, müsse geprüft werden, ob diese echt seien. Ansonsten könnten sie nur die Merkmale der Toten akribisch dokumentieren. (lrg/dpa)

Rubriklistenbild: © Uncredited/Hellenic Coast Guard/AP/dpa

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