Doch noch alles offen?

Boris Palmer rudert nach Merkel-Kritik an Merz zurück – „war außerhalb meiner Vorstellungswelt“

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Boris Palmer hat Friedrich Merz bereits als Sieger im Kanzlerrennen gesehen, rudert nach der deutlichen Kritik von Altkanzlerin Merkel an dem CDU-Chef jetzt aber zurück.

Tübingen - Nachdem die Union unter der Federführung von Parteichef und Kanzlerkandidat Friedrich Merz mit Stimmen von AfD, FDP und BSW den umstrittenen Migrationsantrag im Bundestag durchgebracht hat, war die Kritik und der Aufschrei groß. Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer hatte daraufhin erklärt, dass die Bundestagswahl schon entschieden sei, und zwar für Friedrich Merz. Nach der deutlichen Kritik von Altkanzlerin Angela Merkel an dem Kanzlerkandidaten ihrer Partei revidiert der frühere Grünen-Politiker seine Ansicht jedoch. Ist doch noch alles offen?

Boris Palmer: Der polarisierende Oberbürgermeister der Stadt Tübingen

Blick auf Geradstetten, ein Ortsteil der Gemeinde Remshalden im Rems-Murr-Kreis, Baden-Württemberg.
Boris Palmer wurde 1972 in Waiblingen geboren und wuchs in Geradstetten im Remstal auf. © IMAGO/Panthermedia
Helmut Palmer demonstriert am 21.08.2000 lautstark in Asperg bei Ludwigsburg in Häftlingskleidung und mit einem Judenstern versehen gegen die gegen ihn verhängte dreimonatige Freiheitsstrafe wegen angeblicher Beamtenbeleidigung.
Der Vater von Boris Palmer, Helmut Palmer (1930-2004), war als „Remstall-Rebell“ bekannt. (Archivfoto) © Norbert Försterling/dpa
Boris Palmer im Jahr 2004 auf dem Balkon seiner Wohnung in Tübingen.
Nach dem Abitur (mit Note 1,0) studierte Boris Palmer in Tübingen Mathematik und Geschichte auf Lehramt. © IMAGO/Horst Rudel
Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, spricht, bei der Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen in der Neuen Messe Freiburg.
1996 wurde er Mitglied der Partei Bündnis 90/Die Grünen und 2001 erstmals in den Landtag gewählt. © Uli Deck/dpa
Joschka Fischer (GER Bündnis 90 Die Grünen Bundesaußenminister) und Boris Palmer (GER Bündnis 90 Die Grünen MdL Spitzenkandidat für das Amt des Oberbürgermeisters von Stuttgart) anlässlich einer Wahlkampfveranstaltung in Stuttgart.
Im Jahr 2004 trat Boris Palmer als Kandidat der Grünen bei der Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart an. © IMAGO/Horst Rudel
Boris Palmer, Spitzenkandidat der Grünen für das Amt des Oberbürgermeisters von Stuttgart, legt den Rollrasen anlässlich einer Wahlkampfveranstaltung am Marktplatz in Stuttgart aus.
Im ersten Wahlgang landete Palmer hinter Wolfgang Schuster (CDU) und Ute Kumpf (SPD) auf dem dritten Platz.  © IMAGO/Horst Rudel
Boris Palmer telefoniert kurz vor einer Wahlkampfveranstaltung am Marktplatz in Stuttgart.
Da der Abstand zur Zweitplatzierten Ute Kempf zu groß war, zog Boris Palmer seine Kandidatur für einen zweiten Wahlgang zurück. © IMAGO/Horst Rudel
Brigitte Russ-Scherer (SPD) und Boris Palmer (Grüne) stellen sich in der Hermann-Hepper-Turnhalle Tübingen als Bewerberin und Bewerber für die Oberbürgermeisterwahl der Öffentlichkeit vor.
Im Jahr 2006 trat Boris Palmer (links) gegen Amtsinhaberin Brigitte Russ-Scherer (rechts) bei der OB-Wahl in Tübingen an.  © Norbert Försterling/dpa
Boris Palmer, der Gewinner der Wahl zum Tübinger Oberbürgermeister, gibt am Sonntag (22.10.2006) im Rathaus von Tübingen der Verliererin, der Amtsinhaberin Brigitte Russ-Scherer (SPD) die Hand.
Er konnte sich bereits im ersten Wahlgang durchsetzen und wurde zum Oberbürgermeister von Tübingen gewählt. © Bernd Weißbrod/dpa
Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer zeigt am Mittwoch (07.02.2007) auf dem Marktplatz in Tübingen auf seinen neuen Dienstwagen, einen Toyota Prius.
Für Kritik sorgte der frisch gewählte Tübinger OB, weil er sich im Heimatland von Mercedes und Porsche für einen ausländischen Hybridwagen entschied. © Marijan Murat/dpa
Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Bündnis 90/Die Grünen, l) steht am 24.10.2012 mit seinem Elektrorad in Tübingen (Baden-Württemberg) neben seinem Kontrahenten im Auto, Florian Nuxoll.
2012 gewann Boris Palmer mit seinem Elektrofahrrad ein Wettrennen gegen ein Auto. © Jan-Philipp Strobel/dpa
Bürger gratulieren Boris Palmer (M, Grüne) am 19.10.2014 in Tübingen (Baden-Württemberg) zum erneuten Gewinn der Oberbürgermeisterwahl.
Bei der Wahl 2014 wurde Boris Palmer mit einer deutlichen Mehrheit im ersten Wahlgang wiedergewählt. © Thomas Niedermüller/dpa
Der grüne Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, spricht am Samstag (20.11.2010) in Freiburg bei der Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis90/Die Grünen.
Im Jahr 2021 beantragte der Landesvorstand der Grünen in Baden-Württemberg ein Parteiausschlussverfahren gegen Boris Palmer. © Rolf Haid/dpa
Boris Palmer, Oberbürgermeister der Stadt Tübingen, gibt in seinem Arbeitszimmer ein Interview.
Nach einem Kompromiss ließ Palmer seine Mitgliedschaft bei den Grünen bis Ende 2023 ruhen. © Sebastian Gollnow/dpa
Boris Palmer, der alte und neue Oberbürgermeister von Tübingen, kommt nach seiner Wiederwahl auf den Marktplatz und empfängt Glückwünsche.
Auch 2022 konnte sich Boris Palmer bei der OB-Wahl erneut durchsetzen, allerdings als parteiloser Kandidat. © Bernd Weißbrod/dpa
Boris Palmer bei einer Sportlerehrung in Tübingen.
Im Jahr 2023 trat Boris Palmer nach einem Eklat bei einer Konferenz aus der Partei Bündnis 90/Die Grünen aus. © IMAGO/ULMER
Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, sitzt am 04.08.2016 auf einem Sofa im Rathaus von Tübingen
Die deutlichen Wahlgewinne zeigen, dass Boris Palmer in Tübingen durchaus beliebt und für seine Stadt sehr erfolgreich ist. © Christoph Schmidt/dpa
Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, trägt eine FFP2-Maske bei einem Pressetermin der Stadt Tübingen zur Übergabe von Corona-Schnelltests.
Bundesweite Aufmerksamkeit erlangte das „Tübinger Modell“ während der Corona-Pandemie. © Marijan Murat/dpa
Lisa Federle, Notärztin, und Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, nehmen an einem Pressetermin der Stadt Tübingen zur Übergabe von Corona-Schnelltests teil.
Dieses Modell hatte Boris Palmer zusammen mit der Tübinger Notärztin Lisa Federle (links) entwickelt. © Marijan Murat/dpa
Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer nimmt an der Gemeinderatssitzung im Rathaus teil.
Allerdings steht Palmer immer wieder in der Kritik und gilt deshalb als polarisierender Politiker. © Tom Weller/dpa
Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer nimmt an der Gemeinderatssitzung im Rathaus teil.
Unter anderem wurden ihm mehrfach rassistische Äußerungen vorgeworfen, auch von seiner früheren Partei.  © Tom Weller/dpa
Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, spricht im Landratsamt bei einer Pressekonerenz.
Durch seine konfrontative Art gilt Boris Palmer als einer der streitbarsten Bürgermeister Deutschlands.  © Bernd Weißbrod/dpa
Boris Palmer im Oktober 2024 bei der Eröffnung der bundesweit ersten beheizbaren Fahrradbrücke in Tübingen.
Die Kontroversen um ihn, aber auch seine politischen Leistungen machen Palmer zu einem der bekanntesten Oberbürgermeister Deutschlands. © IMAGO/Markus Ulmer
Talkrunde Markus Lanz im ZDF mit Boris Palmer (Bildmitte).
Er ist regelmäßig Gast in großen Talkformaten, wie hier bei Markus Lanz. © IMAGO/teutopress GmbH
Boris Palmer im Oktober 2024 bei Markus Lanz im ZDF.
Dort äußert sich Boris Palmer auch regelmäßig zur Politik auf Bundesebene. © IMAGO/teutopress GmbH

Angela Merkel hatte am Donnerstag (30. Januar) auf ihrer Seite eine Erklärung veröffentlicht, in der sie das Vorgehen von Friedrich Merz deutlich kritisierte. Merkels Kritik löste in der Union große Wut aus und nicht nur Merz selbst keilte zurück. Auch Boris Palmer war von der öffentlichen Kritik der Altkanzlerin gegen ihren Nachfolger an der CDU-Spitze überrascht. „Ich gebe es ehrlich zu, dass die Bundeskanzlerin Friedrich Merz offen die staatspolitische Verantwortung absprechen könnte, war außerhalb meiner Vorstellungswelt“, schreibt er auf Facebook.

Boris Palmer: „Wenn die CDU nicht zu ihrem eigenen Vorsitzenden steht, kann sie pulverisiert werden“

Boris Palmer hatte sich bereits in der Vergangenheit mehrfach für einen Kanzler Merz und für eine Koalition der Union mit den Grünen ausgesprochen. Die Kritik von Angela Merkel, die übrigens eine schwarz-grüne Koalition auf Bundesebene auch als Möglichkeit bezeichnet hatte, lässt den Rathauschef aber offenbar zweifeln. „Wenn die CDU zu ihrem eigenen Vorsitzenden nicht steht, kann sie pulverisiert werden“, erklärt er und führt ein Beispiel aus Baden-Württemberg an. „Die Diadochenkämpfe um die Nachfolge Erwin Teufels haben eine einst unbesiegbare Partei zweimal auf Platz 2 bei Landtagswahlen verwiesen.“

Zur Erklärung: Erwin Teufel war von 1991 bis 2005 Ministerpräsident von Baden-Württemberg und trat nach längeren internen Streitereien freiwillig zurück. Sein Nachfolger, Günther Oettinger (2005 bis 2010), war zwar ebenfalls ein CDU-Politiker und nach der kommissarischen Übernahme seines zweiten Kabinetts durch FDP-Mann Ulrich Goll konnte sich mit Stefan Mappus erneut ein Unions-Kandidat behaupten, dieser verlor sein Amt aber nur knapp ein Jahr später durch eine Wahlniederlage. Seit 2011 konnte sich die CDU in Baden-Württemberg nicht mehr gegen die Grünen in Person von Winfried Kretschmann behaupten.

Boris Palmer glaubt, dass Bundestagswahl „wirklich zur Schicksalswahl“ werden könnte

Dass die Union auf Landesebene auf den zweiten Platz verwiesen wurde, macht Palmer offenbar an den internen Streitereien während der Amtszeit von Teufel fest. „Was allerdings aus Deutschland wird, wenn das nun mit der Bundespartei passiert, kann ich mir im Moment auch noch nicht vorstellen“, schreibt er in Bezug auf die aktuelle Situation in der Union. „Diese Bundestagswahl wird wohl wirklich eine Schicksalswahl. Zumindest für die letzte Volkspartei.“ Dass die Bundestagswahl zur Schicksalswahl wird, war von anderen Parteien bereits ebenfalls zu hören.

Boris Palmer glaubt, dass die Bundestagswahl für die Union wirklich zur Schicksalswahl werden könnte.

Boris Palmer, dem politische Streitereien nicht fremd sind, bemängelt zudem, dass die Konservativen solche Streits missbilligen würden. Ansonsten „könnte man der CDU ja noch die Strategie des legendären Hans-Christian Ströbele empfehlen“. Der Grünen-Politiker Ströbele hatte einst den Wahlspruch „Ströbele wählen, heißt Fischer (Joschka Fischer (Grüne), Anm.d.Red.) quälen“ plakatieren lassen. „Auf heute übersetzt: Merz wählen heißt Merkel quälen“, schreibt Palmer. „Aber ich fürchte, das führt eher nicht zur absoluten Mehrheit.“

Rubriklistenbild: © IMAGO/Markus Ulmer

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