Der britische Premier Rishi Sunak feuert seine Innenministerin Suella Braverman und ernennt seinen Vor-Vor-Vorgänger David Cameron als Chefdiplomat. Die Labour-Partei feixt.
London – Mit einer gewagten Personalie versucht der britische Premierminister den Befreiungsschlag für seine schlingernde Regierung. Am Montag berief Rishi Sunak seinen liberalkonservativen Vorgänger David Cameron zum neuen Außenminister. Der war nach seinem Scheitern im Brexit-Referendum 2016 zurückgetreten und aus der Politik verschwunden. In außenpolitisch schwierigen Zeiten wolle er Sunak dabei helfen, Sicherheit und Wohlstand des Königreichs zu sichern, sagte der 57-Jährige: „Die neue Aufgabe ehrt mich.“
Die Labour-Opposition machte sich über Sunaks Schritt lustig: Mit Camerons Rückkehr sei dessen Anspruch, er stehe für „Veränderung“, endgültig Vergangenheit. Teile des Kabinetts widersprachen Sunaks Aktion aufs Entschiedenste: Bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe reichten Umweltministerin Thérèse Coffey, Gesundheits-Staatsminister Will Quince, Verkehrs-Staatsminister Jesse Norman und Generalzahlmeister Jeremy Quin (zuständig für die Konten der Regierung) ihre Demissionen ein. Victoria Atkins ist zur Gesundheitsministerin aufgestiegen. Rachel Maclean, Staatsministerin für Wohnungsbau, wurde gefeuert. Gesundheitsminister Steve Barclay wurde zum Umweltminister „degradiert“. Das ist reichlich Veränderung für einen Tag.
Premier Sunak empört über seine Parteifeindin
In den vergangenen Tagen hatte sich die politische Debatte in London vor allem um Innenministerin Suella Braverman gedreht. Die Galionsfigur des harten rechten Parteiflügels nannte für Palästina Demonstrierende „Islamisten und Hassmarschierer“ und setzte Scotland Yard offen unter Druck, eine für Samstag geplante Demo zu verbieten. Zudem beschuldigte sie die Polizei, sie behandele Proteste unterschiedlich, je nachdem, ob ihr Anliegen und Teilnehmende sympathisch seien oder nicht.
Weil Braverman in einem Meinungsbeitrag für die „Times“ gemachte Äußerungen nicht mit der Downing Street abgesprochen hatte, galt sie als Ministerin auf Abruf. Dem Vernehmen nach war Sunak aber auch empört darüber, dass seine Parteifeindin Obdachlosigkeit kürzlich als „frei gewählten Lebensstil“ bezeichnete. Auf den Hinterbänken der Fraktion, wo die Tory-Niederlage bei der kommenden Wahl 2024 als unausweichlich gilt, dürfte die 43-Jährige an ihrer Bewerbung für Sunaks Nachfolge basteln.
Außenressort frei für Ex-Premier Cameron
Ins Innenministerium holte der Premierminister den bisherigen Außenminister James Cleverly. Der 54-Jährige Oberstleutnant der Reserve, Sohn einer Schwarzen aus Sierra Leone und eines weißen Engländers, hat sich in vielfältigen Ämtern bewährt und ist für seine besonnene Sprache bekannt. Seine erste Bewährungsprobe steht am Mittwoch bevor, wenn der Supreme Court über die umstrittene Abschiebung von Asylbewerber:innen nach Ruanda entscheidet.
Cleverlys Versetzung machte das Außenressort frei für Ex-Premier Cameron. Die Personalrochade wird längst festgestanden haben, als die Pressestelle der Downing Street am Sonntagnachmittag Auszüge aus der außenpolitischen Grundsatzrede verschickte, die Sunak am Montagabend halten wollte. „In gefährlicher Zeit“ wolle er „unsere Sachkenntnis, unsere Fachleute und unsere Bündnisse zusammenführen“.
Der lange Schatten des Brexit-Referendums
Als Fachmann mit einiger Sachkenntnis in außenpolitischen Fragen wird Cameron nach sechs Jahren als Regierungschef (2010-16) gelten dürfen. Allerdings meldeten sich auch sofort die Zweifler zu Wort und erinnerten an Versäumnisse und Fehler. Die britisch-französischen Militärschläge gegen den libyschen Diktator Gaddafi führten 2011 zwar dessen Tod herbei, Frieden aber hat das nordafrikanische Land seither nicht gefunden. Im August 2013 kündigte Cameron großspurig Luftschläge gegen den syrischen Diktator Assad an, nachdem dieser im Bürgerkrieg Chemiewaffen eingesetzt hatte. Doch im Unterhaus scheiterte der Premier an den Abweichlern in der eigenen Partei und dem Widerstand der Labour-Opposition.
Die Außenpolitiker der Fraktion kreiden Cameron eine viel zu anschmiegsame China-Politik an, mit der die britische Regierung damals nicht allein stand. Allerdings steht der Ex-Premier im Verdacht, nach dem Ausscheiden aus dem Amt Lobbyismus für das kommunistische Regime in Peking betrieben zu haben. Für einen anderen Lobby-Skandal, bei dem es um die Finanzfirma Greensill Capital ging, musste sich Cameron entschuldigen. Ein Unterhaus-Ausschuss bescheinigte ihm einen „erheblichen Mangel an Urteilsvermögen“.
Den längsten Schatten auf die politische Karriere des neuen Außenministers wirft das Brexit-Referendum, dessen aus Camerons Sicht falsches Ergebnis langjährige Bündnisse des Königreichs auf Dauer beschädigt hat. Viele Briten auf beiden Seiten der Debatte machen den damaligen Premier ausschließlich für das Debakel verantwortlich. Sie vergessen dabei die negative Rolle des damaligen Labour-Chefs und eingefleischten EU-Feindes Jeremy Corbyn. (Sebastian Borger)