Pistorius-Plan bröckelt: Nicht mal 20 Prozent der Deutschen bereit zum Dienst an der Waffe
VonBedrettin Bölükbasi
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Bundesverteidigungsminister Pistorius will Deutschland „kriegstüchtig“ machen, doch es mangelt massiv an Bereitschaft zum Dienst an der Waffe.
Berlin – Der Ukraine-Krieg und die daraus entstandene sicherheitspolitische Instabilität haben auch in Deutschland zu einem Umdenken mit Blick auf die Landesverteidigung geführt. Die Bundeswehr steht viel stärker im Fokus und zuletzt hieß es von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD), Deutschland müsse „kriegstüchtig“ werden. Doch für den Plan von Pistorius fehlt jede Grundlage: Ein Großteil der Deutschen würde das Land im Falle eines Krieges nicht sicher mit einer Waffe verteidigen.
Umfrage zeigt: Erheblicher Teil der Deutschen würde das Land im Kriegsfall nicht verteidigen
Das zeigt eine Umfrage des Forsa-Instituts im Auftrag des Magazins Stern. Die Ergebnisse sind düster: Demnach würden nur 17 Prozent aller Deutschen das Land „auf jeden Fall“ mit einer Waffe verteidigen. Von 19 Prozent hieß es, sie würden dies nur „wahrscheinlich“ tun.
Die Mehrheit schlägt sich der Umfrage zufolge auf die andere Seite: 61 Prozent aller Bundesbürger würden Deutschland „auf keinen Fall“ oder „wahrscheinlich nicht“ verteidigen. Der Anteil derer, die mit „auf keinen Fall“ geantwortet haben, liegt bei 40 Prozent. Dieser Wert ist dabei fast doppelt so hoch wie in der gleichen Umfrage im Mai 2022.
Ein Unterschied zwischen Männern und Frauen ist der Umfrage ebenfalls zu entnehmen. Die Bereitschaft der Männer, Deutschland mit der Waffe zu verteidigen, liegt deutlich höher als bei den Frauen. 39 Prozent der 45- bis 59-jährigen Männer gaben an, sie würden Deutschland „auf jeden Fall“ mit der Waffe verteidigen. Personen mit einem Hauptschulabschluss können sich den Dienst an der Waffe eher vorstellen als Befragte mit mittleren und höheren Bildungsabschlüssen. Die Auswertung der Ergebnisse mit Blick auf Anhänger politischer Parteien zeigt: Am ehesten geben die AfD-Anhänger mit 28 Prozent und am seltensten die Anhänger der Grünen mit 9 Prozent an, dass sie Deutschland „auf jeden Fall“ mit der Waffe verteidigen würden.
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Pistorius prüft Dienstpflicht-Modelle: FDP stemmt sich dagegen, Union zeigt sich offen
Zuletzt war erneut eine Debatte zur Wehrpflicht laut geworden. Verteidigungsminister Pistorius lässt offenbar angesichts eines Personalmangels bei der Bundeswehr Modelle einer Dienstpflicht prüfen. Darunter sei das in Schweden praktizierte Modell. „Dort werden alle jungen Frauen und Männer gemustert, und nur ein ausgewählter Teil von ihnen leistet am Ende den Grundwehrdienst. Ob so etwas auch bei uns denkbar wäre, ist Teil dieser Überlegungen“, sagte Pistorius der Welt. Er prüfe alle Optionen. „Aber jedes Modell, egal welches, braucht auch politische Mehrheiten.“ In dem Interview warnte er auch vor einem Angriff von Wladimir Putin.
Im Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP heißt es: „Die Bundeswehr muss demografiefest und langfristig auch mit Blick auf die Altersstruktur ausbalanciert sein.“ Auf die Frage, wie das gelingen solle, sagte Pistorius: „Wir haben eine Task Force Personal eingerichtet im August. Ich habe jetzt das erste Extrakt der Arbeit gesehen, es geht um 65 sehr konkrete Vorschläge für Anwerbung, Rekrutierung, Ausbildung und Einstiegsvoraussetzungen.“ Mit der Umsetzung werde man Anfang des Jahres starten, sagte der Minister.
Vom liberalen Koalitionspartner gab es jedenfalls Widerspruch. Dessen verteidigungspolitischer Sprecher im Bundestag, Alexander Müller, warnte, die Wiedereinführung der Wehrpflicht wäre ein „enormer Eingriff in die Freiheitsrechte, der nicht im Verhältnis zur Bedrohung Deutschlands steht“. Für eine Grundgesetzänderung fehle die politische Mehrheit. Hingegen zeigte sich Unionsfraktionsvize Johann Wadephul (CDU) offen, über verschiedene Modelle zu diskutieren. Er sagte der Rheinischen Post: „Die CDU tritt für eine allgemeine Dienstpflicht ein, von der die Bundeswehr erheblich profitieren würde. Grundsätzlich sind wir auch hinsichtlich anderer Modelle und Wege gesprächsbereit.“ (bb/dpa)