Habecks unverzichtbare CO₂-Speicherung: CCS als Weg zu Klimaziel
VonJörg Staude
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Für Habeck ist die CO₂-Speicherung in der Klimapolitik unverzichtbar. Sein Ministerium legt eine Strategie vor. Das Ziel muss die CO₂-Entnahme sein.
Berlin - Als er jüngst die Carbon-Management-Strategie der Ampel-Koalition vorstellte, betonte Klima- und Wirtschaftsminister Robert Habeck (Die Grünen), Deutschland könne seine Klimaziele „unmöglich“ erreichen, ohne auf Techniken zurückzugreifen, die Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre abscheiden und speichern (carbon capture and storage, CCS). Die ohnehin geführte Debatte über CCS wurde dadurch neu befeuert.
Die Ziele, die Habeck meint, stehen im Klimaschutzgesetz, im Paragrafen 3: Gegenüber 1990 sollen die Treibhausgas-Emissionen hierzulande bis 2030 um 65 Prozent und bis 2040 um 88 Prozent sinken. 2045 soll dann die Treibhausgasbilanz neutral sein und nach 2050 „negative Emissionen“ erreicht werden, schreibt das Gesetz weiter vor.
„Unmöglich ohne CSS“: CO₂-Speicherung als Klimaziel-Helfer
Habecks Diktum „unmöglich ohne CCS“ bezieht sich auf so gut wie alle diese Ziele. So soll die CCS-Technik, kurzfristig helfen, Gaskraftwerke oder Zementwerke emissionsarm zu betreiben. Aber auch für die Klimaziele zur Jahrhundertmitte hält die Ampel CCS für unverzichtbar. Das zeigen die nunmehr vom Wirtschaftsministerium ebenfalls veröffentlichten Eckpunkte einer „Langfriststrategie Negativemissionen“.
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Habecks Haus hatte das Papier, bisher weitgehend unbeachtet, einen Tag nach der Carbon-Management-Strategie online gestellt. Deutschlands Klimastrategie hat bislang vorgesehen, dass im Jahr 2045 die dann verbleibenden Emissionen vor allem durch natürliche CO₂-Senken kompensiert werden. Auch dafür gibt es Vorgaben im aktuellen Klimagesetz. Diese betreffen den Sektor Landnutzung und Forste mit der berühmten Abkürzung LULUCF (Land Use, Land Use Change and Forestry).
Konkret verlangt das geltende Klimagesetz für 2045 vom Bereich LULUCF eine jährliche CO₂-Entnahme von netto 40 Millionen Tonnen. Das entspricht also dem unteren Bereich des prognostizierten Umfangs der Restemissionen, ist aber auch ein sehr ehrgeiziges Ziel.
Wälder bieten natürlichen Speicherplatz – künstliche Speicher erweitern für hohe Kohlenstoffdioxid-Emissionen
Vor allem Wälder sollen künftig so viel Kohlenstoffdioxid speichern, dass ein Großteil der unvermeidbaren Restemissionen ausgeglichen wird. Derzeit halten sich allerdings die CO₂-Speicherleistung der Wälder und die Emissionslasten aus der Landnutzung die Waage. So tragen trockengelegte Moore und Bodenversiegelung dazu bei, die Kapazität schwinden zu lassen. Waldschäden und der Klimawandel selbst führen dahin, dass die CO₂-Entnahme der „natürlichen“ Senken gerade im Schwinden begriffen ist.
Insofern ist bereits klar, dass die „natürliche“ CO2-Entnahme nicht ausreichen wird und eine CO2-Entnahmeindustrie aufgebaut werden muss. Die steckt allerdings noch nicht einmal in den Anfängen. Global entfallen derzeit nur etwa 0,1 Prozent der Leistung aller CO2-Senken auf technische Mittel.
Um hier in Deutschland voranzukommen, sehen die Eckpunkte der Negativ-Strategie der Bundesregierung nun vor, auch für technische Senken Zielwerte für 2035, 2040 und 2045 zu erarbeiten. Zudem soll es für 2060 eine Zielgröße für die gesamten negativen Treibhausgas-Emissionen geben.
METHODEN ZUR CO2-ENTNAHME
Der Begriff „negative Emissionen“ macht sich seit einiger Zeit in der Klimadebatte breit. Was ist damit gemeint? Dazu müssen wir uns ins Jahr 2045 beamen.
Treibhausgase wird Deutschland auch dann weiter emittieren. Wie viel – da liegen Studien noch weit auseinander. Die Schätzungen reichen von jährlich rund 35 Millionen bis deutlich über 70 Millionen Tonnen CO2. Diese sogenannten „unvermeidbaren“ Emissionen stammen vor allem aus Industrie und Landwirtschaft.
Methoden zur CO2-Entnahme sollen diese Emissionen aber nicht nur ausgleichen, sondern sogar mehr CO₂ aus der Atmosphäre ziehen, also eben eine negativ-Bilanz schaffen. Die Bundesregierung will dafür etwa Aufforstung, die Wiedervernässung von Mooren, Humusaufbau in Böden, die Erzeugung von Biomasse an Land und im Meer und stoffliche Nutzung von Biomasse, Biokohle und Bioenergie mit CCS oder CO₂-Nutzung, Abscheidung von CO₂ direkt aus der Luft und bei der Müllverbrennung und die Bindung des Gases in Produkten nutzen. (jst)
„Nächste sinnvolle Schritt“ für CO₂-Entnahme: Langfristiges Ziel sind negative Emissionen
Dass die Politik hier endlich vorsorgend tätig wird, fordert die Klimawissenschaft schon lange. Felix Schenuit von der Stiftung Wissenschaft und Politik begrüßt die Initiative zu einer Negativ-Strategie. „Das ist der nächste sinnvolle Schritt in der schnell voranschreitenden Entwicklung zur CO₂-Entnahme“, erklärt Schenuit.
Der Politikwissenschaftler lobt besonders die Absicht, die künftige Strategie für Negativ-Emissionen im Klimagesetz zu verankern und daraus konkrete Jahresziele für technische CO₂-Senken abzuleiten. „So ein rechtlich verankerter Hochlaufpfad, der bislang nur für den Bereich LULUCF festgelegt ist, würde Deutschland als einen politischen Vorreiter zur CO₂-Entnahme etablieren. Dies setzt aber sowohl die Verabschiedung der Klimaschutzgesetz-Novelle als auch der Strategie selbst in dieser Legislatur voraus“, betont Schenuit.
Aus seiner Sicht muss dabei die Carbon-Management-Strategie mit einem Konzept für die spätere CO₂-Entnahme zusammen gedacht werden. So sollte die Infrastruktur für Abscheidung, Transport und die Nutzung von CO₂ in der Industrie schon jetzt so aufgebaut werden, dass sie später einen schnellen Ausbau der CO₂-Entnahme ermöglicht.
Wichtig ist dem Politikwissenschaftler auch, dass in der kommenden Negativ-Strategie über das Netto-Null-Jahr 2045 hinausgeblickt wird und der Wert künftiger negativer Emissionen ausdrücklich mit dem Verweis auf das drohende Verpassen des 1,5-Grad-Ziels begründet wird.
Negativemissionen notwendig für 1,5-Grad-Ziel – das wird voraussichtlich bald überschritten
Tatsächlich billigt das Eckpunktepapier den Negativ-Emissionen eine doppelte Rolle zu. Sie sollen eben nicht nur die Restemissionen ausgleichen, damit Deutschland bis 2045 treibhausgasneutral wird und es auch bleibt. Sondern es sollen nach 2050 auch weitere, die Restemissionen übersteigende Negativemissionen dazu beitragen, das 1,5-Grad-Limit einzuhalten.
Der Atmosphäre müssen dazu mehr Klimagase entnommen als im selben Zeitraum dort freigesetzt werden, heißt es in dem Eckpunkte-Papier. Die Anlagen sollen also dazu beitragen, den Klima-Effekt bereits erfolgter Emissionen zu revidieren.
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Dauerhaft negative Emissionen in großer Menge zu erzielen, ist jedoch alles andere als einfach. So sei nachhaltige Biomasse, die zum Zweck der Dekarbonisierung gebraucht wird, nur begrenzt verfügbar, während die Nachfrage danach rasant steigt. Der Einsatz von Biomasse für Negativemissionen müsse daher mit anderen Nutzungszwecken abgewogen werden, so ein Sprecher von Habecks Ministerium.
Das jetzt von der Bundesregierung veröffentlichte Papier sei denn auch mehr ein Arbeitsprogramm zur Ausarbeitung einer Langfriststrategie für Negativemissionen. Dass sich die Ampel und kommende Bundesregierungen hier einigen, sollte kein Ding der Unmöglichkeit sein. Das Klima würde es danken. (jst)