CDU-Mitglied stimmt für AfD-Kandidaten: „Natürlich habe ich Otten gewählt“
VonMarcus Giebel
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Erneut gelingt es der AfD nicht, ihren Kandidaten ins Bundestags-Präsidium zu bringen. Ein CDU-Politiker gesteht, bei der Wahl nicht auf Friedrich Merz gehört zu haben.
Berlin – Vieles ist neu im 21. Bundestag. Die Zahl der Abgeordneten sank infolge der Wahlrechtsreform der Ampel-Koalition um 103 auf 630. Die FDP ist erst zum zweiten Mal nicht vertreten. Die CDU und die CSU stellen gemeinsam die größte Fraktion und lösen damit die SPD wieder ab.
Geführt wird das Parlament nun ebenfalls nach dreieinhalb Jahren Pause wieder aus den Reihen der Christdemokrat:innen: Julia Klöckner ist die 15. Bundestagspräsidentin. Eines aber ist gleichgeblieben: Auch in dieser Legislaturperiode gehört kein AfD-Politiker dem Präsidium des Bundestags an. Eigentlich hat jede Fraktion zumindest das Anrecht, auf den Posten eines Vizepräsidenten. Allerdings muss sich jeder Kandidat dem Votum der übrigen Parlamentarier stellen.
AfD wieder nicht im Bundestagspräsidium: Gerold Otten scheitert nicht zum ersten Mal
Und diese Hürde war für die AfD seit ihrem erstmaligen Einzug in den Bundestag stets zu hoch. 2017 scheiterte Albrecht Glaser in allen drei Durchgängen deutlich, im Laufe der vier Jahre taten es ihm Mariana Harder-Kühnel, Gerold Otten, Paul Podolay, Karsten Hilse und Harald Weyel gleich. Bei der Konstituierung des folgenden Bundestages erging es Michael Kaufmann nicht besser, es folgten gescheiterte Anläufe von gut zwei Dutzend Parteifreunden, darunter erneut von Otten, aber auch von Stephan Brandner.
Seine Stimme hat er: Der CDU-Politiker Klaus-Peter Willsch (l.) hat nach eigenen Angaben dreimal für den AfD-Abgeordneten Gerold Otten als Bundestagsvizepräsidenten abgestimmt.
Nun stellte die AfD erneut Otten auf. Doch wieder wurde es nichts, der Weg ins Präsidium blieb dem 69-Jährigen verwehrt. Während Josephine Ortleb für die SPD, Omid Nouripour für die Grünen, Andrea Lindholz für die Union und Bodo Ramelow für die Linke teils deutliche Mehrheiten einfuhren, erhielt der AfD-Kandidat in den drei Durchgängen lediglich 185, 190 und 184 Ja-Stimmen.
Da die Rechtspopulist:innen 152 Abgeordnete stellen, haben also auch mehrere Dutzend Politiker:innen anderer Parteien für Otten gestimmt. Was nicht ungewöhnlich ist, auch bei früheren Wahlen zum Präsidium erhielten die Kandidat:innen der AfD deutlich mehr Stimmen als ihre Fraktion Mitglieder hatte.
Abstimmungsergebnisse zum Bundestags-Präsidium
Julia Klöckner (CDU) zur Präsidentin: 382 Ja-Stimmen bei 204 Gegenstimmen und 31 Enthaltungen
Andrea Lindholz (CSU) zur Vizepräsidentin: 425 Ja-Stimmen bei 132 Nein-Stimmen und 53 Enthaltungen
Gerold Otten (AfD) zum Vizepräsidenten - 1. Durchgang: 185 Ja-Stimmen bei 411 Nein-Stimmen und zehn Enthaltungen
Josephine Ortleb (SPD) zur Vizepräsidentin: 434 Ja-Stimmen bei 145 Nein-Stimmen und 31 Enthaltungen
Omid Nouripour (Grüne) zum Vizepräsidenten: 432 Ja-Stimmen bei 156 Nein-Stimmen und 22 Enthaltungen
Bodo Ramelow (Linke) zum Vizepräsidenten: 318 Ja-Stimmen, bei 256 Nein-Stimmen und 34 Enthaltungen
Otten zum Vizepräsidenten - 2. Durchgang: 190 Ja-Stimmen bei 401 Nein-Stimmen und 13 Enthaltungen
Otten zum Vizepräsidenten - 3. Durchgang: 184 Ja-Stimmen bei 403 Nein-Stimmen und 15 Enthaltungen
CDU-Politiker stimmt für AfD-Kandidaten: „Ein respektabler Kerl ohne Skandale“
Da die Abstimmungen aber geheim bleiben, konnte allenfalls spekuliert werden, wer sich für den gehobenen Daumen entschied. In der Bild gab jetzt ein CDU-Politiker zu, dass er Otten gerne im Bundestags-Präsidium gesehen hätte.
„Natürlich habe ich Otten gewählt. In allen drei Durchgängen“, wird Klaus-Peter Willsch zitiert. Seine Erklärung: Der frühere FDP-Politiker sei „ein respektabler Kerl ohne Skandale“. Der 64-Jährige, seit 1998 Bundestagsabgeordneter, ärgert sich regelrecht darüber, dass die AfD einmal mehr leer ausging: „Mit dieser Sonderbehandlung der AfD muss es jetzt mal gut sein. Die Partei hat einen berechtigten Anspruch, mit einem Vize-Präsidenten im Bundestagspräsidium vertreten zu sein – wie alle anderen Fraktionen auch.“
Das sieht aber etwa CDU-Chef Friedrich Merz anders. Der designierte Bundeskanzler hat – ebenso wie der SPD-Co-Vorsitzende Lars Klingbeil im Fall der Sozialdemokraten – seinen Parteifreunden empfohlen, den AfD-Kandidaten nicht zu wählen. Was mittlerweile bei den Parteien der Mitte also schon gute Tradition ist.
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CDU-Abweichler trotz Ja für AfD-Kandidaten: „Eine Koalition aus ausgeschlossen“
Willsch darf sich damit als Abweichler betiteln lassen. Er regt sich aber eher darüber auf, dass aus dem Kreis der CDU Ja-Stimmen für Ramelow abgegeben wurden. „Unfassbar“, schimpft der gebürtige Hesse.
Zugleich betont Willsch eine Distanz zur AfD: „Eine Koalition mit der AfD ist ausgeschlossen. Denn die Partei hat Björn Höcke und Maximilian Krah in ihren Reihen, stellt die Nato infrage, will Putins Interessen entgegenkommen.“
Gruppenbild ohne AfD-Politiker: Das neue Bundestagspräsidium setzt sich aus Omid Nouripour, Josephine Ortleb, der Vorsitzenden Julia Klöckner, Andrea Lindholz und Bodo Ramelow (v.l.) zusammen.
Krah hat eine CDU-Vergangenheit, brach jedoch vor knapp zehn Jahren mit den Christdemokraten. Wenige Wochen danach fand der Jurist in der AfD eine neue politische Heimat. Nach Jahren im Europäischen Parlament und Kontroversen um einige seiner Mitarbeiter sowie skandalösen Aussagen zu den Mitgliedern der SS kam er nun über ein Direktmandat in den Bundestag.
Als einer von 230 neuen Abgeordneten. Es hat sich also wirklich viel verändert im Parlament. Nur einen Platz für die AfD im Präsidium gibt es weiterhin nicht. (mg)