Wahlkampf in Baden-Württemberg

Cem Özdemir fordert Migrationsbegrenzung und provoziert die Grünen

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Cem Özdemir positioniert sich im Wahlkampf in Baden-Württemberg als Realo. Mit Sätzen zur Migration setzt er eine gezielte Botschaft.

Höflich klatschen die Gäste. Schließlich hat der Moderator auf der Bühne gerade schwungvoll den Mann der Stunde angekündigt. Noch aber laufen nur hektisch Mitarbeiter hin und her, geben Handzeichen. Der Applaus wechselt zu einem rhythmischen Anfeuern, ungeduldig recken sich Hälse nach hinten. Doch der Gang bleibt leer. Als die Dynamik verloren zu gehen droht, taucht Cem Özdemir im Eingangsbereich auf. Trotz der Verspätung schüttelt er schnell noch ein paar Hände. Dann betritt er den Saal mit einer Entourage von Mitarbeitern, Sicherheitsleuten und Fotografen, als wäre er der neue Ministerpräsident von Baden-Württemberg.

Ungewöhnliche Bündnisse: Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir wird auch von Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer unterstützt.

Doch noch kämpft der Grünen-Politiker um die Gunst der 7,7 Millionen Wahlberechtigten und tourt durch alle Ecken des Bundeslands. Für Özdemir ist es ein Termin der leichteren Art. Trotz des sonnigen Wetters und der eher arbeitnehmerunfreundlichen Zeit (Donnerstag, 16 Uhr) sind rund 400 Menschen nach Esslingen gekommen. Sogar eine größere Halle musste her. Viele sind Parteimitglieder, manche politisch Interessierte, potenzielle Wähler. Wohlwollend sind große Buchstaben – „Der kann es“ – auf Özdemirs Bühne platziert. Doch kann der einstige Europapolitiker, Bundestagsabgeordnete, Landwirtschaftsminister auch Landespolitik?

Özdemirs Blick geht nach Berlin und Brüssel: An der Wirtschaft kann Baden-Württemberg nicht viel rütteln

Özdemir weiß, dass die Kernbranchen in Baden-Württemberg, der Maschinenbau und die Automobilindustrie, gerade „massiv gebeutelt“ werden, wie er sagt. Manch einer unkt schon von Stuttgart als nächstem Detroit. Die US-Stadt war einst ein Symbol der US-Autoindustrie, heute gilt sie als Geisterstadt. Özdemir zeigt mit dem Finger lieber auf andere, anstatt ihn wirklich in die Wunde zu legen. Seine Mitbewerber würden immer wieder den Eindruck erwecken, „man könnte alles in Baden-Württemberg bestimmen“, sagt er. „Das stimmt aber nicht.“ US-Zölle, massive Konkurrenz aus China – alles außerhalb des Machtradius eines Ministerpräsidenten.

Eine Forderung: „Wie wär’s denn, wenn Brüssel sagen würde: Die nächste Batterie kommt aus der Europäischen Union mit weniger Seltenen Erden.“ Özdemir erwähnt EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen öfter als seinen CDU-Herausforderer Manuel Hagel. Das klingt weltmännisch, aber auch, als wäre Stuttgart ihm zu klein. „Der nächste Ministerpräsident muss wieder ein in der Wolle gefärbter Europäer sein“, ruft er. Applaus. In den Städten lässt sich damit punkten, doch überzeugt das auch den Wähler auf der Schwäbischen Alb, im Schwarzwald?

Landtagswahl in Baden-Württemberg: Özdemir strebt Kretschmann-Nachfolge an

Landtag von Baden-Württemberg
Am 8. März wählt Baden-Württemberg einen neuen Landtag. Insgesamt treten laut Innenministerium 21 Parteien an. An erster Stelle auf den Stimmzetteln werden die Grünen stehen. Dahinter folgen CDU, SPD, FDP, AfD und die Linke. Auch die Landesliste des Bündnisses Sahra Wagenknecht (BSW) wurde für die Landtagswahl zugelassen. Wahlberechtigt sind nach Schätzung des Statistischen Landesamtes rund 7,7 Millionen Menschen.  © Christoph Schmidt/dpa
Kretschmann hält seine letzte Rede im Parlament
Wenn die Menschen in Baden-Württemberg am 8. März ihre Stimme abgeben, endet eine politische Ära im Südwesten: Winfried Kretschmann tritt nicht mehr an. Nach 15 Jahren als Ministerpräsident steht sein Name diesmal nicht mehr auf dem Stimmzettel. Die Fußstapfen sind groß, zumindest wenn man das Ansehen Kretschmanns in Politik und Volk betrachtet. © Jan-Philipp Strobel/dpa
Landesparteitag Bündnis 90/Die Grünen Baden-Württemberg
Er will Kretschmanns Erbe antreten: Cem Özdemir (hier zusammen mit dem Regierungschef beim Landesparteitag im Dezember 2025). Gerne betont Özdemir seine lange Erfahrung auf verschiedenen Ebenen der Politik. Es sei sicher kein Fehler, wenn der Ministerpräsident von Baden-Württemberg sich in Berlin, Brüssel und Washington, DC, nicht verlaufe und auch schon mal ein Ministerium von innen gesehen habe, sagte der ehemalige Bundeslandwirtschaftsminister im Wahlkampf.  © Bernd Weißbrod/dpa
Wahlkampagne der Grünen für die Landtagswahl
Die Grünen setzen bei ihrer Kampagne jedenfalls voll auf die Bekanntheit und politische Erfahrung ihres Spitzenkandidaten. Auf ihre Wahlplakate schreibt die Partei denn auch den Slogan „Özdemir – Der kann es“. Dagegen sind der Name und das Logo der Partei nicht oder nur klein zu sehen. Inhaltlich setzen die Grünen bei ihren Plakaten auf die Themen Wirtschaft, Klima und Bildung. © Marijan Murat/dpa
Landesparteitag Bündnis 90/Die Grünen Baden-Württemberg
Özdemir nennt sich selbst einen „anatolischen Schwaben“. Er wurde 1965 in Bad Urach als Sohn türkischer Gastarbeiter geboren. Inzwischen ist der gelernte Erzieher, der später Sozialpädagogik studierte und seit 1981 Mitglied der Grünen ist, Ehrenbürger seiner Heimatstadt. © Bernd Weißbrod/dpa
Cem Özdemir und Flavia Zaka
Özdemir gilt als Vertreter des pragmatischen Realo-Flügels und hatte immer wieder Konflikte mit seiner eigenen Partei, zuletzt beim Thema Migration oder beim Umgang mit dem Verbrenner-Aus. Özdemir hat mit seiner Ehefrau zwei Kinder, 2023 gab das Paar seine Trennung bekannt. Inzwischen ist er mit der kanadischen Juristin Flavia Zaka (im Bild) liiert. © Jens Kalaene/dpa
Manuel Hagel
Die CDU schickt Manuel Hagel ins Rennen. Kretschmanns Erbe werde bei den Christdemokraten in guten Händen sein, sagte Hagel schon vor langer Zeit. Es gehe um „Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft“, sagt Hagel gerne und tourt im Wahlkampf unermüdlich von einem Mittelständler zum nächsten.  © Bernd Weißbrod/dpa
Wahlkampagne der CDU für die Landtagswahl
Die CDU inszeniert ihren Spitzenkandidaten für die Landtagswahl in Baden-Württemberg als Kumpel von nebenan. „Ein Kandidat aus der Mitte des Landes. The Normal One“, sagte beispielsweise der baden-württembergische CDU-Generalsekretär Tobias Vogt bei der Vorstellung der Kampagne in Stuttgart. Die Wahlplakate konzentrieren sich vor allem auf den CDU-Landes- und Fraktionschef. Im Gegensatz zum grünen Koalitionspartner finden sich auf allen CDU-Plakaten zudem der Name der Partei in schwarzen Buchstaben und das Logo.  © Bernd Weißbrod/dpa
CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel bekommt „Goldene Narrenschelle“
Mitten im Wahlkampf durfte sich Hagel über die „Goldene Narrenschelle“ der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN) freuen. Die Auszeichnung hatten in den Jahren zuvor auch Winfried Kretschmann (Grüne), Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sowie Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir bekommen. Hagel ist seit Kindesbeinen als Narr der Narrenzunft Spritzenmuck in seiner Heimatstadt Ehingen aktiv. © Philipp von Ditfurth/dpa
63. Landespresseball Baden-Württemberg 2025
Der gläubige Katholik will für einen modernen Konservatismus stehen. Der Vater von drei Kindern (hier im Bild mit seiner Ehefrau Franziska) machte eine Ausbildung zum Bankkaufmann, arbeitete sich dann zum Sparkassendirektor in seiner Heimat hoch. Seit 2016 sitzt Hagel im Landtag. Er hat seitdem eine steile politische Karriere hingelegt: CDU-Generalsekretär, Fraktionschef, Landesvorsitzender. Die CDU soll „politische Heimat der Fleißigen“ sein, sagt Hagel.  © Bernd Weißbrod/dpa
Landesparteitag SPD Baden-Württemberg
Bereits zum zweiten Mal führt Landes- und Fraktionschef Andreas Stoch die SPD in die Landtagswahl. Der 56 Jahre alte Rechtsanwalt (hier rechts neben Vizekanzler Lars Klingbeil) stammt aus Heidenheim und war in der grün-roten Koalition von 2013 bis 2016 Kultusminister von Baden-Württemberg. Seit 2016 führt der Vater von vier Kindern die SPD-Landtagsfraktion, zwei Jahre später wählten ihn die Genossen auch zum Landesvorsitzenden.  © Stefan Puchner/dpa
Andreas Stoch, SPD-Fraktionsvorsitzender im Landtag von Baden-Württemberg, spricht im Magirus Werk.
Der ehemalige Kultusminister macht keinen Hehl daraus, dass er seine Partei nach zehn Jahren Opposition wieder in die Regierung führen möchte. Das wäre etwa in einer Koalition aus CDU, SPD und FDP möglich, die aber nach derzeitigen Umfragen eher keine Mehrheit hätte. © Bernd Weißbrod/dpa
Markus Frohnmaier
Für die AfD tritt Markus Frohnmaier an. Geboren in Rumänien, wurde er als Säugling von einem schwäbischen Ehepaar aus dem Kinderheim adoptiert. Von der Hauptschule über ein abgebrochenes Jurastudium arbeitete sich Frohnmaier zu einem der einflussreichsten Vertreter der AfD hoch. Frohnmaier ist Mitbegründer der mittlerweile aufgelösten AfD-Nachwuchsorganisation Junge Alternative.  © Fabian Sommer/dpa
Gala New York Young Republican Club
Seit 2017 sitzt Frohnmaier für die AfD im Bundestag. Er gilt als enger Vertrauter von Parteichefin Alice Weidel. Frohnmaier pflegt gute Kontakte nach Russland – und zu Donald Trumps MAGA-Republikanern in den USA. Im Dezember 2025 war er auf der Gala des „New York Young Republican Club“ zu Gast. „In meiner Heimat, Deutschland, hat die Machtelite den Verstand verloren“, sagte Frohmaier damals. © Anna Ringle
AfD-Landesparteitag
Einer Umfrage zufolge ist jeder Zweite in Baden-Württemberg offen für eine Zusammenarbeit anderer Parteien mit der AfD. Die Hälfte der Befragten sprach sich in einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur für verschiedene Formen der Zusammenarbeit mit der AfD aus. Allerdings stehen alle relevanten Parteien im Südwesten zur Brandmauer gegenüber der AfD, die vom Landesamt für Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestuft wird. Eine Zusammenarbeit mit der AfD haben sie im Vorfeld der Wahl ausgeschlossen.  © Bernd Weißbrod/dpa
Hans-Ulrich Rülke
Während die AfD bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg starke Gewinne erzielen dürfte, kämpft die FDP im Südwesten ums politische Überleben. FDP-Landeschef und Spitzenkandidat Hans-Ulrich Rülke (im Bild) spricht diesmal von der „Mutter aller Wahlen“. Sein Argument ist leicht nachzuvollziehen: Wenn seine Liberalen im historisch bedeutsamen Stammland aus dem Parlament flögen, so Rülke, dann schafften sie es nirgendwo mehr. © Bernd Weißbrod/dpa
Dreikönigstreffen der FDP
Tatsächlich gehört die FDP dem Landtag in Stuttgart seit Gründung des Landes 1952 ununterbrochen an. Damit das so bleibt, ziehen Partei und Spitzenkandidat mit rigorosen Vorschlägen in den Wahlkampf. So wirbt Rülke für einen radikalen Umbau der Verwaltung und die Abschaffung von zwei Verwaltungsebenen: die Regionalpräsidien und Regionalverbände. Die Liberalen werben zudem für das mehrgliedrige Schulsystem und den Erhalt der Werkrealschulen.  © Bernd Weißbrod/dpa
Dreikönigstreffen der FDP
Beim traditionellen Dreikönigstreffen fiel Rülke dadurch auf, dass er sich mit einem Plüschtier über Cem Özdemir lustig machte. Dieser schmücke sich aus seiner Sicht mit „fremden Federn“, sagte Rülke. So nehme der Grünen-Politiker Positionen anderer Parteien ein – teils entgegen denen seiner eigenen Partei. Rülke verglich Özdemir dabei mit einer Krähe aus einer Fabel des Dichters Äsop. In der Fabel würden der Krähe schließlich die falschen Federn wieder vom Leib gerissen. „Es bleibt der gleiche hässliche Vogel“, so Rülke. Die Krähe werde „nicht Königin, weder bei Äsop noch in Baden-Württemberg“. © Bernd Weißbrod/dpa
Dreikönigstreffen der FDP
Unterdessen ist FDP-Generalsekretärin Nicole Büttner vor der Wahl eine riskante Wette eingegangen. „Ich rasiere mir eine Glatze, wenn wir den Einzug in den Landtag verpassen. Alles weg. Radikal“, sagte sie der „Schwäbischen Zeitung“. Doch sie gab sich optimistisch: „Sie erleben mich am Wahlabend strahlend und mit voller Haarpracht“, lautete ihre Prognose.  © Bernd Weißbrod/dpa
Linke wählt Landesliste für Landtagswahl 2026
Sie könnte ihre Partei zum ersten Mal überhaupt in den Landtag führen: Kim Sophie Bohnen steht auf Platz eins der Landesliste der Linken. Die Heidelbergerin ist gelernte Bankkauffrau – und wählte den Weg in die Politik nach eigenen Worten nach einem Schlüsselerlebnis mit einer weinenden Rentnerin am Bankschalter, die nicht wusste, wie sie den nächsten Einkauf zahlen soll.  © Marijan Murat/dpa
Landesparteitag Die Linke Baden-Württemberg
Ihr Schwerpunktthema sind die hohen Mieten. Bohnen sitzt seit 2023 im Landesvorstand der Linken in Baden-Württemberg und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Linken-Fraktion im Bundestag. Im Bild zu sehen ist das Spitzentrio zur Landtagswahl in Baden-Württemberg 2026: Mersedeh Ghazaei, Kim Sophie Bohnen und Amelie Vollmer (von links). © Bernd Weißbrod/dpa
Vorstellung des Wahl-O-Mat zur Landtagswahl
Der Wahl-O-Mat der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg hilft den Wahlberechtigten bei ihrer Entscheidung. Ob diesmal besonders viele 16- und 17-Jährige dieses Instrument nutzen werden? Immerhin wurde das Wahlalter von 18 auf 16 Jahre gesenkt. Noch bedeutsamer: Es gibt jetzt zwei Stimmen, ähnlich wie bei der Bundestagswahl. Mit der Erststimme wird ein Wahlkreiskandidat oder eine Wahlkreiskandidatin direkt gewählt. Mit der Zweitstimme wird eine Partei gewählt. Diese stellt dafür eine Landesliste auf, über die Kandidatinnen und Kandidaten in den Landtag einziehen können.  © Marijan Murat/dpa
Jahresveranstaltung Strategiedialog Automobilwirtschaft
Die Wirtschaftskrise verleiht der Wahl zusätzliche Brisanz. Baden-Württemberg ist ein industrielles Herz Deutschlands – und besonders abhängig von der Autoindustrie. Das weiß auch Winfried Kretschmann, der sich im November 2025 von Ola Källenius (Vorstandsvorsitzender Mercedes-Benz Group, rechts) ein Fahrzeug erklären ließ. Der tiefgreifende Strukturwandel schlägt im Land unbarmherziger zu als in anderen Gegenden. Tausende Arbeitsplätze stehen zur Disposition, ganze Regionen blicken mit Sorge auf die Zukunft. Im Wahlkampf geht es um Standortfragen, Jobrettung und Bürokratieabbau.  © Bernd Weißbrod/dpa
Treffen von Özdemir und Palmer in Solarthermie-Park Tübingen
Noch eine Frage treibt die Menschen in Baden-Württemberg um: Bekommt Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (links) nach der Wahl ein Amt in Stuttgart? Darüber will Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir (rechts) erst nach einem möglichen Wahlsieg entscheiden. „Das Fell des Bären wird nicht vor der Wahl verteilt“, antwortete er Ende Januar am Rande eines gemeinsamen Wahlkampfauftritts mit Palmer in Tübingen auf die Frage, ob er sich Palmer in seinem Kabinett wünschen würde. © Bernd Weißbrod/dpa
Treffen von Özdemir und Palmer in Solarthermie-Park Tübingen
Palmer selbst äußerte sich zurückhaltend zur Frage nach einem Wechsel nach Stuttgart. „Das Gerücht, dass ich jetzt auch im Winter bei offenem Fenster schlafe, um den Ruf aus Stuttgart nicht zu überhören, ist nachweislich falsch“, sagte der parteilose Oberbürgermeister von Tübingen, der früher Mitglied der Grünen war. Hintergrund der Diskussion ist eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur, wonach sich mehr als ein Drittel der Menschen im Südwesten wünscht, dass Palmer nach der Landtagswahl eine Rolle auf Landesebene spielt. 39 Prozent gaben an, Palmer solle nach der Wahl ein Amt in der Landespolitik bekommen.  © Bernd Weißbrod/dpa

Grünen-Spitzenkandidat will in Baden-Württemberg in Kretschmanns Fußstapfen treten

15 Jahre lang konnten die Grünen im Ländle ihr erstes und bislang einziges Ministerpräsidentenamt halten – mit Winfried Kretschmann (77). Der Ober-Realo, der auch mal klarstellt, dass der „Minischdrpräsident“ einen Daimler fährt und damit „Baschda“. Zwei von drei Legislaturperioden koalierte Kretschmann mit der CDU, die auf ihn abfärbte. Jetzt setzen die Grünen wieder ihre Hoffnung in einen Realo, der genauso schwäbisch schwätzt und zumindest als Wahlkampfauto einen Daimler besitzt – elektrobetrieben. Aber Cem Özdemir tritt damit in Fußstapfen, die kaum größer sein könnten.

Dem 60-Jährigen ist bewusst, dass er mit der Linie der Partei, deren Bundesvorsitzender er selbst fast zehn Jahre lang war, in Baden-Württemberg nicht punkten kann. Auch wenn er 2021 zur Ministerernennung mit dem E-Bike kam, mal eine Hanfpflanze auf dem Balkon hatte und bekennender Vegetarier ist: Politik macht er damit nicht. Auf seinen Plakaten setzt er lieber auf sein bekanntes Gesicht, Erfahrung, Vertrauen, verspricht einen klaren Kurs. Auf einem Plakat macht er sich fürs Klima stark, aber aus „reiner Vernunft“, steht da. Die obligatorische Sonnenblume, das Parteisymbol, muss man erst suchen, so klein ist sie – und dann auch noch weiß.

Das sagen die Umfragen

Im ARD-„Deutschlandtrend“ liegt die CDU in Baden-Württemberg bei 28 Prozent, während die Grünen auf 27 Prozent kommen. Im ZDF-„Politbarometer“ kommt die CDU auf 27 Prozent, die Grünen auf 25 Prozent. Eine Insa-Umfrage der „Bild“ sieht die CDU bei 27, die Grünen bei 24 Prozent. In allen drei Umfragen liegt die AfD auf Platz drei – zwischen 18 und 20 Prozent. Die SPD kommt in der ARD-Umfrage auf sieben, in den anderen beiden auf neun Prozent. Die FDP kann ihr Stammwählerland laut allen drei Befragungen mit sechs Prozent knapp verteidigen. Erstmals könnte die Linke in den Landtag einziehen – sie liegt bei rund sechs Prozent. Zuletzt gaben 22 Prozent der Wähler in einer YouGov-Umfrage an, noch unentschlossen zu sein.

Palmer statt Parteipolitik: Özdemir knüpft zur Landtagswahl in Baden-Württemberg Bündnisse außerhalb der Grünen

Wahlkampfunterstützung holt sich Özdemir vom ebenfalls populären, mittlerweile parteilosen Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer. Trotz Palmers fehlendem Parteibuch ist Özdemir noch immer eng mit ihm. So sehr, dass er sich und seine Ehefrau Flavia Zaka kürzlich sogar von Palmer persönlich trauen ließ. Mehr Abgrenzung von den Grünen geht kaum. Oder doch?

Für Zähneknirschen dürfte er in der Berliner Parteizentrale gesorgt haben. In der Welt am Sonntag forderte Özdemir – selbst Sohn von türkischen Einwanderern – jüngst eine Begrenzung der Migration. „Einwanderung muss viel stärker gesteuert werden“, sagt er und tritt gegen seine Partei noch einmal nach. „Wir Grüne müssen uns fragen, ob wir etwa in der Migrationspolitik immer das Ganze im Blick hatten.“

„Tracht Prügel“ aus eigenen Reihen: Özdemir steckt Fühler zu SPD und CDU aus – zum Ärger der Grünen

Fast wie eine Vorwarnung an seine Partei, erwähnte er zuvor im Handelsblatt, er fürchte sich nicht vor einer „Tracht Prügel auch für unpopuläre Maßnahmen“. Für diesen Migrationskurs dürfte er die grüne Tracht Prügel miteinkalkuliert haben, denn es ist eine sorgsam platzierte Botschaft mit doppeltem politischem Kalkül. Özdemir will den von den Bundesgrünen verärgerten konservativen Wähler wieder einfangen und sich gleichzeitig für eine neue Koalition mit der CDU in Stellung bringen. Er verschreibe sich den besten Ideen, verspricht er auf der Bühne in Esslingen. „Und wenn die gute Idee von den Sozialdemokraten, von den Christdemokraten kommt, dann ist sie nicht deshalb falsch, weil diese Person nicht von deiner Partei ist.“

Nach monatelangem großen Abstand sieht zumindest eine Umfrage die Grünen in Baden-Württemberg wieder nur knapp hinter der CDU (siehe Kasten). Der Beginn des Auftritts in Esslingen ist also fast symbolisch für Özdemirs Wahlkampf: Lange tut sich nichts – und kurz bevor er abgeschrieben ist, taucht er vorne auf.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Markus Ulmer

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