- VonSarah El Sheimyschließen
Ein Großangriff auf die Stadt Charkiw scheint vielen wahrscheinlich. Neue Informationen legen nahe, dass Russland die Stadt unbewohnbar machen will.
Charkiw – Seit einiger Zeit steht eine russische Offensive auf die ukrainische Stadt Charkiw im Raum. Die Grenzstadt wird von den russischen Streitkräften massiv aus der Luft attackiert, Medienberichte stellen Vermutungen auf. Mittlerweile legen Informationen aus militärischen Kreisen nahe, dass ein Angriff neuen Ausmaßes tatsächlich bevorstehen könnte – entgegen der Aussagen des Präsidenten.
Seit Dezember sei Charkiw von mehr ballistischen Raketen getroffen worden als jemals zuvor seit Beginn des Kriegs in der Ukraine, berichtet The Economist. Ende März hat der Beschuss die Stromversorgung in Charkiw großflächig lahmgelegt, wenig später sei der erstmalige Einsatz einer Gleitbombe beim Angriff auf die Stadt erfolgt und auch Ersthelfer:innen wiederholt angegriffen worden. The Economist spricht nun von militärischen Quellen aus der Ukraine, die angeben, Russland wolle aus Charkiw eine „graue Zone“ machen, die für Zivilist:innen unbewohnbar ist.
Präsident Selenskyj warnt vor einer Niederlage der Ukraine im Krieg gegen Russland
„Die Leute werden nicht gehen, weil sie bereits gegangen und dann zurückgekehrt sind“, soll aber Charkiws Bürgermeister laut The Economist in einem Interview widersprochen haben. Seine Stadt habe es geschafft, die eigenen Stromversorgungsprobleme anzugehen.
Derweil warnte Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer Videokonferenz vor einer Niederlage der Ukraine im Krieg gegen Russland. Die militärische Unterstützung aus den Vereinigten Staaten, die die Republikaner im US-Kongress blockieren, sei kritisch. Aufgrund der permanenten Luftangriffe durch das russische Militär hat Präsident Selenskyj am Sonntag in einer Videobotschaft ukrainische Diplomat:innen und internationale Unterhändler:innen aufgefordert, mit ihren Partnern Nachschub für Charkiws Luftverteidigungskapazitäten zu vereinbaren. Dabei sprach er explizit vom Verteidigungssystem „Patriot“ aus den USA.
Möglichkeit eines Angriffs auf die Grenzstadt Charkiw: ein Propaganda-Trick?
Laut The Economist gibt es deutliche Anzeichen dafür, dass Russland eine große Offensive im Sommer vorbereitet. Eine ukrainische Quelle mit Geheimdienstinformationen habe von etwa 120.000 Soldaten gesprochen, die Russland in Ostsibirien trainiere. Ob Charkiw bei einem groß angelegten Vorstoß aber explizites Ziel wäre, ist unklar.
Präsident Selenskyj hat laut The Kyiv Independent am Samstag vorerst beruhigt: „Charkiw ist heute nicht in Gefahr.“ Zudem habe der ukrainische Militärgeheimdienst die Möglichkeit eines Angriffs auf die Stadt als psychologische Strategie Russlands bezeichnet. Konkrete Hinweise für Vorbereitungen Moskaus auf eine Bodenoffensive gebe es nicht.
Zivilisten in Charkiw: Evakuierung der Stadt im Gespräch
Der ukrainische Präsident habe außerdem angekündigt, dass der Bau neuer Verteidigungslinien in einigen Monaten abgeschlossen werde, berichtet The Kyiv Independent. Derzeit baut die Ukraine im ganzen Land Verteidigungsanlagen als Schutz vor einer russischen Offensive aus.
Nichtsdestotrotz werde in der Region Charkiw die Möglichkeit einer Evakuierung der Menschen aus dem Norden diskutiert, berichtet die ukrainische Nachrichtenagentur Unian. Davon habe der Gouverneur der Region Charkiw in einer Sendung gesprochen. Konkret handle es sich um die Bezirke Charkiw und Bogoduchiw. (ses/dpa)
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