Offensive in Charkiw

Eindeutig vieldeutig: Putin verwirrt mit widersprüchlichen Aussagen zu Verhandlungen

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Mit Engelszungen reden und Feuer speien: Zwei Raketen schlugen jetzt auf dem Gelände einer Druckerei im Süden von Charkiw ein. Parallel verwirrt Wladimir Putin mit widersprüchlichen Aussagen zu seinem Willen nach Frieden.
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Frieden ist möglich, sagt Wladimir Putin. Zu seinen Konditionen. Die Ukraine dürfe auch in die Nato eintreten. Der Westen hält das für Augenwischerei.

Moskau – Alles nur Schwindel – vermutlich zumindest. Das behaupten die Beobachter des Institute for the Study of War (ISW) über die neueste rhetorische Offensive von Wladimir Putin. Demnach habe der russische Diktator offenbar seine Haltung aufgeweicht und wolle der Ukraine möglicherweise einen engeren Schulterschluss mit der Nato zugestehen. Allerdings halten Analysten das für einen Taschenspielertrick, damit Russland seine angeschlagenen Truppen wieder auffrischen und neu formieren könnte, um einen entscheidenden Schlag zu landen – vielleicht sogar schon gegen das westliche Militärbündnis selbst.

Selbst das ISW scheint Schwierigkeiten damit zu haben, die verschiedenen Signale aus Moskau richtig einzuordnen. „Friedensverhandlungen hängen stets von der militärischen Situation, also den Macht­verhältnissen zwischen den Kriegsparteien ab“, schreibt Sabine Fischer. Die Politikwissenschaftlerin der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), hatte ihre Meinung schon im Oktober 2022 publiziert – und wird sich bestätigt fühlen. Aktuell rückt Russland in Richtung Charkiw vor, weshalb der Kreml aus einer vermeintlichen Stärke heraus argumentieren könnte, wohl wissend, Landgewinne erzielen zu können, aber keine Chance habe, die Ukraine in die Knie zu zwingen.

Laut aktuellen Einschätzungen von Marcus Keupp sei Russland gerade mal fünf Kilometer auf Charkiw vorgerückt. Ursprünglich wollte Russland einen 40 Kilometer tiefen Korridor schaffen. Der Wissenschaftler der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich äußerte gegenüber dem ZDF damit seine Einschätzung, dass die Ukraine in der Verteidigung langsam wieder Oberwasser bekäme.

„Ein Waffenstillstand, der die derzeit besetzten Gebiete abtritt, würde die Idee konkretisieren, dass die territoriale Integrität der Ukraine verhandelbar ist, ein Präzedenzfall, den der Kreml mit Sicherheit erneut nutzen würde, um weitere territoriale Zugeständnisse zu fordern und die Idee eines ukrainischen Staates insgesamt in Frage zu stellen.“

Analyse des Institute for the Study of War

Konträr zu den vorgeblichen Bemühungen Russlands um eine Verhandlungslösung erklärte Putin gegenüber russischen Medien, dass er in Wolodymyr Selenskyj keinen legitimen Vertreter der Regierung in Kiew sehe. Am 20. Mai hatte die fünfjährige Amtszeit Selenskyjs geendet, jetzt ist er Präsident des Landes, ohne formal gewählt zu sein. Da das Kriegsrecht herrscht, sind Wahlen ausgesetzt. „Doch die Legitimität von Wolodymyr Selenskyj beruht nach Ansicht von Beobachtern nicht nur auf Gesetzen, sondern auch auf der Unterstützung der ukrainischen Bürger. Trotz eines gewissen Rückgangs ist sie nach wie vor recht hoch“, berichtet die Deutsche Welle und stützt sich nach eigenen Worten auf eine aktuelle Umfrage des ukrainischen Rasumkow-Forschungszentrums, wonach das Staatsoberhaupt das Vertrauen von 69 Prozent der Bevölkerung genießt.

Putins Strategie: Misstrauen säen in die ukrainische Regierung

Putin sieht das anders: „Mit wem verhandeln? Natürlich sind wir uns bewusst, dass die Legitimität des derzeitigen Staatsoberhauptes erloschen ist“, sagte der russische Potentat im Rahmen einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem belarusischen Präsidenten Alexander Lukaschenko in Minsk. Teil der Vorbereitungen auf Friedensverhandlungen scheint nach dem ISW zu sein, dass der Kreml versuche, „in der Ukraine innere Unruhen zu schüren, die auf Misstrauen gegenüber der ukrainischen Regierung unter Selenskyj basieren“, wie das ISW schreibt. Offenbar versucht die russische Führung innenpolitischen Druck in der Ukraine sowie im Westen aufzubauen, um die ukrainische Front von innen auszuhöhlen.

Diese Destabilisierungs-Kampagne besteht wohl auch daraus, den Westen gebetsmühlenartig mit Angeboten mürbe zu machen – diese Vermutung legt nahe, was die Nachrichtenagentur Reuters berichtet: Demnach sei der russische Präsident Wladimir Putin bereit, „den Krieg in der Ukraine durch einen ausgehandelten Waffenstillstand zu beenden, der die aktuellen Frontlinien anerkennt, teilten vier russische Quellen Reuters mit“. Insgesamt berichtet die Agentur, mit fünf hochrangigen Quellen gesprochen zu haben. Zwei Quellen zufolge sei Putin „der Ansicht, die bisherigen Erfolge im Krieg reichten aus, um dem russischen Volk einen Sieg zu verkaufen“; diese These soll in engen Führungszirkeln im Kreml diskutiert werden. Auch Russland spüre demnach offenbar die Wirkung von Zehntausenden Tote sowie der westlichen Sanktionen.

Putins Angst: Image-Verlust in der eigenen Bevölkerung

Drei Quellen hätten sich gegenüber Reuters dahingehend geäußert, dass weitere militärische Operationen weitere Mobilisierungen nach sich ziehen müssten, was sich Putin möglicherweise gar nicht leisten könne: „Die Einberufung zur Wehrpflicht verschreckte Teile der russischen Bevölkerung und veranlasste Hunderttausende Wehrpflichtige, das Land zu verlassen. Umfragen zeigten, dass Putins Popularität um mehrere Prozentpunkte sank“, wie Reuters ausführt.

Auch die Deutsche Presse-Agentur (dpa) hat im Zuge von Putins jüngstem Staatsbesuch in China vor allem dessen offensiv vorgetragenen Willen zu Friedensverhandlungen hervorgehoben. Demzufolge erinnerte er daran, dass kurz nach Kriegsbeginn bereits eine Einigung mit der ukrainischen Seite zur Beilegung des Konflikts als Entwurf existiert habe. Dieses fertige Dokument könne erneut die Grundlage für neue Verhandlungen bilden, sagte Putin laut der dpa.

Die Welt hatte über das Papier berichtet, wonach der Entwurf beinhaltet haben sollte, dass sich die Ukraine zu „permanenter Neutralität“ verpflichtet. Das hätte zur Folge gehabt, dauerhaft sowohl auf Besitz oder Stationierung von Atomwaffen zu verzichten, als auch auszuschließen, dass Nato-Truppen in der Ukraine stationiert würden beziehungsweise ihnen militärische Infrastruktur offen stünde, beispielsweise Flugplätze. In diesem Punkt dokumentiert das ISW ebenfalls widersprüchliche Aussagen Putins, die die Analysten vornehmlich speisen aus Berichten des Nachrichtendienstes Bloomberg und der New York Times. Beide Medien wollen, aus dem Kreml nahe stehenden Quellen, erfahren haben, dass Putin seine Haltung offenbar dem schleppenden Kriegsverlauf anpasse.

Putins Rhetorik: Nato-Beitritt der Ukraine zulassen

Bloomberg will demzufolge aus dem Kreml-Umfeld erfahren haben, „Putin habe hochrangigen US-Beamten signalisiert, er sei möglicherweise bereit, die Forderungen nach einem neutralen Status der Ukraine fallen zu lassen und könne letztlich sogar seinen Widerstand gegen einen Nato-Beitritt der Ukraine aufgeben“ – das allerdings sieht das ISW als Abkehr von Putins zentralen Begründungen für die „Spezialoperation“ gegen die Ukraine: die Nato von der Türschwelle zum russischen Kernland fernzuhalten. „Jedes hypothetische Zugeständnis in Bezug auf diese Forderungen würde einen großen strategischen und rhetorischen Rückzug Putins bedeuten, den Putin derzeit höchstwahrscheinlich nicht in Erwägung ziehen wird“, vermutet das ISW.

Die New York Times ging mit diesem Gerücht bereits im Dezember an die Öffentlichkeit. Deren Interpretation zufolge könne daran insofern etwas dran sein, „da nicht damit zu rechnen sei, dass die Allianz die Ukraine in absehbarer Zukunft aufnehmen werde“ –  diese Annahme käme laut der NYT aus einer ehemaligen kremlnahen Quelle; die äußerte deshalb die Meinung, eine Meinungsverschiedenheit in diesem Punkt müsse nicht zwingend das Ausschluss-Kriterium für Friedensverhandlungen bleiben. Die NYT will von US-Offiziellen auch erfahren haben, dass Moskau als Gegenleistung für einen zügigen Frieden die von ihnen immer als „Regime“ betitelte Regierung in Kiew zu tolerieren bereit zu sein scheine.

Putins Kalkül: Vertrauen aufbauen, Gebietsgewinne einstreichen, Truppen neu formieren

Die amerikanischen Quellen wiesen demnach darauf hin, dass Putin wohl nicht länger den Rücktritt von Selenskyjs Regierung fordere: „Sie sagten, der von Putin ins Spiel gebrachte Waffenstillstand würde eine souveräne Ukraine mit Kiew als Hauptstadt aufrechterhalten, Russland aber die Kontrolle über die fast 20 Prozent des ukrainischen Territoriums belassen, die es bereits erobert hat.“ Putin warte wohl auf ein konkretes Angebot, was die US-Amerikaner aber für illusorisch erachten.

Wolodymyr Selenskyj – Vom Komödianten zum Symbol des Widerstands

Als am 24. Februar 2022 russische Truppen in die Ukraine einmarschierten, sah zunächst alles nach einem leichten Sieg Russlands aus. Doch daraus wurde nichts. Die Ukraine leistete vom ersten Tag an erbitterten Widerstand und wehrte sich mit vereinten Kräften gegen die Invasion. Das liegt auch an ihrem Präsidenten. Wolodymyr Selenskyj überraschte mit seinem Auftreten im Krieg von Beginn an die ganze Welt – vor allem den Aggressor aus Russland.
Als am 24. Februar 2022 russische Truppen in die Ukraine einmarschierten, sah zunächst alles nach einem leichten Sieg Russlands aus. Doch daraus wurde nichts. Die Ukraine leistete vom ersten Tag an erbitterten Widerstand und wehrte sich mit vereinten Kräften gegen die Invasion.  © Ukrainian Presidents Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj
Das liegt auch an ihrem Präsidenten. Wolodymyr Selenskyj überraschte mit seinem Auftreten im Krieg von Beginn an die ganze Welt – vor allem den Aggressor aus Russland. © Imago
Selenskyj kandidiert in der Ukraine
Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj wurde am 25. Januar 1978 als Sohn jüdischer Eltern in Krywyj Rih im Südosten der damals noch sowjetischen Ukraine geboren. Er schloss erfolgreich ein Jurastudium ab, war aber nie als Jurist tätig.  © dpa
Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj wurde am 25. Januar 1978 als Sohn jüdischer Eltern in Krywyj Rih im Südosten der damals noch sowjetischen Ukraine geboren. Er schloss erfolgreich ein Jurastudium ab, war aber nie als Jurist tätig. Stattdessen gründete er zunächst eine Kabarettgruppe, die fünf Jahre lang von Moskau aus durch die Staaten der ehemaligen Sowjetunion tourte. Als Komiker und Schauspieler erlangte er große Popularität – in der Ukraine und in Russland.
Stattdessen gründete er zunächst eine Kabarettgruppe, die fünf Jahre lang von Moskau aus durch die Staaten der ehemaligen Sowjetunion tourte. Als Komiker und Schauspieler erlangte er große Popularität – in der Ukraine und in Russland. © Alexander Gusev/Imago
Seit 2003 ist Selenskyj mit Olena Wolodymyriwna Kijaschko verheiratet. Sie gingen auf dieselbe Schule, lernten sich aber erst während ihres Studiums des Bauingenieurwesens an der Universität in ihrer Heimatstadt Krywyj Rih kennen. Das Paar hat zwei Kinder, Tochter Oleksandra (geboren 2004) und Sohn Kyrylo (geboren 2013). Im Dezember 2019 landete Olena Selenska auf einer Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Ukraine auf Platz 30. Nummer eins war ihr Ehemann.
Seit 2003 ist Selenskyj mit Olena Wolodymyriwna Kijaschko verheiratet. Sie gingen auf dieselbe Schule, lernten sich aber erst während des Studiums an der Universität in ihrer Heimatstadt Krywyj Rih kennen.  © Vadim Ghirda/dpa
Stichwahl um Präsidentenamt in der Ukraine
Das Paar hat zwei Kinder, Tochter Oleksandra (geboren 2004) und Sohn Kyrylo (geboren 2013). Im Dezember 2019 landete Olena Selenska auf einer Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Ukraine auf Platz 30. Nummer eins war ihr Ehemann. © dpa
Arte - Diener des Volkes
Mit Politik hatte Selenskyj lange nichts am Hut. Dann legte eine populäre Fernsehserie den Grundstein für seinen politischen Durchbruch. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“, die im April 2022 auch auf Arte lief, trat Selenskyj 2015 als Geschichtslehrer auf. © Arte/dpa
Mit Politik hatte Selenskyj lange nichts am Hut. Dann legte eine populäre Fernsehserie den Grundstein für seinen politischen Durchbruch. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“, die im April 2022 auch auf Arte lief, trat Selenskyj 2015 als Geschichtslehrer auf. Von der Korruption in der ukrainischen Politik angewidert, stürzt sich seine Figur in den Wahlkampf und wird zum Präsidenten gewählt. Selenskyj nahm sich das Drehbuch zum Vorbild und verkündete am Silvesterabend 2018 seine Kandidatur für die Wahl Präsidentschaftswahl.
Von der Korruption in der ukrainischen Politik angewidert, stürzt sich seine Figur in den Wahlkampf und wird zum Präsidenten gewählt. Selenskyj nahm sich das Drehbuch zum Vorbild und verkündete am Silvesterabend 2018 seine Kandidatur für die Wahl Präsidentschaftswahl.  © Arte/dpa
Vereidigung von Selenskyj als neuer Präsident der Ukraine
Die Unzufriedenheit mit dem damaligen Staatschef Petro Poroschenko verhalf Selenskyj zum Sieg. Am 20. Mai 2019 trat er das Amt des ukrainischen Präsidenten an. Er erhielt zahlreiche Gratulationen aus dem Ausland, so zum Beispiel von Donald Trump, Emmanuel Macron oder Justin Trudeau. Auch Kanzlerin Angela Merkel sprach ihm ihre Glückwünsche aus und lud ihn nach Berlin ein.  © Evgeniy Maloletka/dpa
Die Unzufriedenheit mit dem damaligen Staatschef Petro Poroschenko verhalf Selenskyj zum Sieg. Am 20. Mai 2019 trat er das Amt des ukrainischen Präsidenten an. Er erhielt zahlreiche Gratulationen aus dem Ausland, so zum Beispiel von Donald Trump, Emmanuel Macron oder Justin Trudeau. Auch Kanzlerin Angela Merkel sprach ihm ihre Glückwünsche aus und lud ihn nach Berlin ein. Anders fiel die Reaktion in Russland aus. Von Ministerpräsident Dmitri Medwedew erhielt er herablassende Ratschläge, für eine Gratulation sei es dagegen „zu früh“. Auch bei der Amtseinführung gab es keine Gratulation aus Moskau.
Anders fiel die Reaktion in Russland aus. Von Ministerpräsident Dmitri Medwedew erhielt er herablassende Ratschläge, für eine Gratulation sei es dagegen „zu früh“. Auch bei der Amtseinführung gab es keine Gratulation aus Moskau. © Wolfgang Kumm/dpa
Vor der Wahl hatte Selenskyj seinen Vorgänger Petro Poroschenko dafür kritisiert, Briefkastenfirmen in Steueroasen zu unterhalten. Als im Oktober 2021 dann aber die Pandora Papers veröffentlicht wurden, stellte sich heraus, dass auch Selenskyj selbst Anteile an einer solchen Firma auf den britischen Jungferninseln besessen hatte. Zum Zeitpunkt seiner Wahl 2019 gab er seine Anteile ab. Steueroasen sind in der Ukraine nicht illegal.
Vor der Wahl hatte Selenskyj seinen Vorgänger Petro Poroschenko dafür kritisiert, Briefkastenfirmen in Steueroasen zu unterhalten. Diese sind in der Ukraine allerdings nicht illegal. © Sergei Chuzavkov/afp
Bitter End Yacht Club auf Virgin Gorda auf den Britischen Jungferninseln
Als im Oktober 2021 dann aber die Pandora Papers veröffentlicht wurden, stellte sich heraus, dass auch Selenskyj selbst Anteile an einer solchen Firma auf den britischen Jungferninseln besessen hatte. Zum Zeitpunkt seiner Wahl 2019 gab er seine Anteile ab.  © Imago
Selenskyj
Selenskyj war der erste Präsident in der Geschichte der Ukraine, der eine konfrontative Politik gegenüber Oligarchen führte. Unter anderem gründete er einen Nationalen Sicherheitsrat, der Sanktionen gegen Oligarchen verhängen kann. © Evgen Kotenko/Imago
Selenskyj war der erste Präsident in der Geschichte der Ukraine, der eine konfrontative Politik gegenüber Oligarchen führte. Unter anderem gründete er einen Nationalen Sicherheitsrat, der Sanktionen gegen Oligarchen verhängen kann – und dies zum Beispiel gegen Wiktor Medwedtschuk tat. Der wies alle Anschuldigungen zurück. Die Sanktionen froren seine Vermögenswerte ein und hinderten ihn daran, Geschäfte in der Ukraine zu tätigen. Medwedtschuk, der aufgrund einer Anklage wegen Hochverrats unter Hausarrest stand, tauchte im Februar 2022 unter. Im April 2022 wurde er vom Inlandsgeheimdienst festgenommen und im September 2022 bei einem Gefangenenaustausch Russland übergeben.
Er setzte das Mittel zum Beispiel gegen Wiktor Medwedtschuk ein. Der wies alle Anschuldigungen zurück. Die Sanktionen froren seine Vermögenswerte ein und hinderten ihn daran, Geschäfte in der Ukraine zu tätigen. Medwedtschuk, der aufgrund einer Anklage wegen Hochverrats unter Hausarrest stand, tauchte im Februar 2022 unter. Im April 2022 wurde er vom Inlandsgeheimdienst festgenommen und im September 2022 bei einem Gefangenenaustausch Russland übergeben. © Instagram Account of Volodymyr Zelensky/afp
Schon früh in seiner Amtszeit musste sich Selenskyj mit den Wünschen und Forderungen des damaligen US-Präsidenten Donald Trump auseinandersetzen. So soll Trump seinen ukrainischen Amtskollegen in einem Telefonat am 25. Juli 2019 aufgefordert haben, als Gegenleistung für Militärhilfe in Höhe von fast 400 Millionen Dollar Ermittlungen gegen Joe Biden, Trumps möglichen Gegenspieler bei der US-Wahl 2020, einzuleiten. Biden soll einst als US-Vizepräsident die Entlassung des ukrainischen Generalstaatsanwalts veranlasst haben, um seinen Sohn Hunter Biden, der bei einem ukrainischen Erdgaskonzern tätig war, vor Korruptionsermittlungen zu schützen. Das Telefonat, das im August 2020 bekannt wurde, löste in den USA später die „Ukraine-Affäre“ aus.
Schon früh in seiner Amtszeit musste sich Selenskyj mit den Wünschen und Forderungen des damaligen US-Präsidenten Donald Trump auseinandersetzen. So soll Trump seinen ukrainischen Amtskollegen in einem Telefonat am 25. Juli 2019 aufgefordert haben, als Gegenleistung für Militärhilfe in Höhe von fast 400 Millionen Dollar Ermittlungen gegen Joe Biden, Trumps möglichen Gegenspieler bei der US-Wahl 2020, einzuleiten.  © Saul Loeb/afp
Joe Biden Hunter
Biden soll einst als US-Vizepräsident die Entlassung des ukrainischen Generalstaatsanwalts veranlasst haben, um seinen Sohn Hunter Biden (hinten), der bei einem ukrainischen Erdgaskonzern tätig war, vor Korruptionsermittlungen zu schützen. Das Telefonat, das im August 2020 bekannt wurde, löste in den USA später die „Ukraine-Affäre“ aus. © Imago
Selenskyjs Amtszeit wurde von Beginn an vom Verhältnis zu Russland überschattet. Schon in seiner Antrittsrede bezeichnete Selenskyj die Beendigung des Krieges im Donbass als seine vorrangige Aufgabe. Während des Ukraine-EU-Gipfels im Juli 2019 in Kiew schlug Selenskyj in einer Videobotschaft an Wladimir Putin direkte Gespräche in der belarussischen Hauptstadt Minsk vor. Daran sollten nach Selenskyjs Plan auch US-Präsident Donald Trump, die britische Regierungschefin Theresa May, der französische Präsident Emmanuel Macron sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel teilnehmen. Am 11. Juli 2019 kam es immerhin zu einem ersten Telefongespräch zwischen Selenskyj und Putin.
Selenskyjs Amtszeit wurde von Beginn an vom Verhältnis zu Russland überschattet. Schon in seiner Antrittsrede bezeichnete Selenskyj die Beendigung des Krieges im Donbass als seine vorrangige Aufgabe. Während des Ukraine-EU-Gipfels im Juli 2019 in Kiew schlug Selenskyj in einer Videobotschaft an Wladimir Putin direkte Gespräche in der belarussischen Hauptstadt Minsk vor. © Ukraine Presidential Press Service/afp
Nach der Präsidentenwahl in der Ukraine
Daran sollten nach Selenskyjs Plan auch US-Präsident Donald Trump, die britische Regierungschefin Theresa May, der französische Präsident Emmanuel Macron sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel teilnehmen. Am 11. Juli 2019 kam es immerhin zu einem ersten Telefongespräch zwischen Selenskyj und Putin. © dpa
Trump, Macron, Selenskyj - Paris
Die Gespräche führten zu einem kurzfristigen Waffenstillstand in der Ostukraine, einem Gefangenenaustausch sowie zu einem Truppenrückzug in drei Gebieten an einer Demarkationslinie bis Ende März 2020. Es war das einzige Mal, dass Selenskyj mit Putin zusammentraf.  © Lafargue Raphael/Imago
Am 9. Dezember 2019 in Paris nahm Selenskyj an Verhandlungen im Normandie-Format teil, an denen der französische Präsident Emmanuel Macron, Bundeskanzlerin Angela Merkel und der russische Präsident Wladimir Putin beteiligt waren. Die Gespräche führten zu einem kurzfristigen Waffenstillstand in der Ostukraine, einem Gefangenenaustausch sowie zu einem Truppenrückzug in drei Gebieten an einer Demarkationslinie bis Ende März 2020. Es war das einzige Mal, das Selenskyj mit Putin zusammentraf.
Am 9. Dezember 2019 in Paris nahm Selenskyj an Verhandlungen im Normandie-Format teil, an denen der französische Präsident Emmanuel Macron, Bundeskanzlerin Angela Merkel und der russische Präsident Wladimir Putin beteiligt waren.  © Charles Platiau/afp
Selenskyj
Alle Bemühungen um einen Frieden nützten aber nichts. Im Lauf des Jahres 2021 verschärfte sich die Situation weiter. Immer häufiger besuchte Selenskyj (Mitte) Militärübungen der ukrainischen Armee, so auch am 16. Februar 2022 in der Stadt Riwne. © Imago
Alle Bemühungen um einen Frieden nützten aber nichts. Im Lauf des Jahres 2021 verschärfte sich die Situation immer weiter. Am 23. Februar 2022 versuchte Selenskyj noch einmal in einer Ansprache, den drohenden Krieg abzuwenden. Darin wendete er sich vor allem an die Menschen in Russland: „Wenn wir angegriffen werden, wenn man unser Land, unsere Freiheit, unser Leben und das Leben unserer Kinder zu nehmen versucht, werden wir uns verteidigen“, sagte Selenskyj auf Russisch. Es war das vorerst letzte Mal, dass man Selenskyj glatt rasiert und mit Anzug und Krawatte sah.
Am 23. Februar 2022 versuchte Selenskyj noch einmal in einer Ansprache, den drohenden Krieg abzuwenden. Darin wendete er sich vor allem an die Menschen in Russland: „Wenn wir angegriffen werden, wenn man unser Land, unsere Freiheit, unser Leben und das Leben unserer Kinder zu nehmen versucht, werden wir uns verteidigen“, sagte Selenskyj auf Russisch. Es war das vorerst letzte Mal, dass man Selenskyj glatt rasiert und mit Anzug und Krawatte sah.  © Ukrainian Presidents Office/Imago
In der Nacht zum 24. Februar begann der russische Angriff auf die Ukraine. In Kiew kam es zu den ersten Krisensitzungen. Acht Jahre nach der Krim-Annexion eskalierte der Ukraine-Krieg.
In der Nacht zum 24. Februar 2022 begann der russische Angriff auf die Ukraine. In Kiew kam es zu den ersten Krisensitzungen. Acht Jahre nach der Krim-Annexion im März 2014 eskalierte der Ukraine-Krieg.  © Imago
London, United Kingdom
Im Westen war die Solidarität mit der überfallenen Ukraine groß. Der Regierungssitz im Vereinigten Königreich leuchtete in den ukrainischen Farben.  © Hesther Ng/Imago
In der Nacht zum 24. Februar begann der russische Angriff auf die Ukraine. Danach sollen die USA Selenskyj angeboten haben, ihm bei der Flucht zu helfen. Selenskyj lehnte an, er und seine Regierung blieben in Kiew, auch als russische Truppen auf die Hauptstadt vorrückten. Die Nachrichtenagentur AP verbreitete Selenskyjs Antwort: „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.“ Seitdem ist er zum Symbol des ukrainischen Widerstands geworden.
Die USA sollen Selenskyj angeboten haben, ihm bei der Flucht zu helfen. Selenskyj lehnte an, er und seine Regierung blieben in Kiew, auch als russische Truppen auf die Hauptstadt vorrückten. Die Nachrichtenagentur AP verbreitete Selenskyjs Antwort: „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.“ Seitdem ist er zum Symbol des ukrainischen Widerstands geworden. © Ukraine Presidency/afp

Das ISW sieht in dieser Möglichkeit eine Dynamisierung der diplomatischen Bemühungen, aber noch lange kein Einlenken der russischen Seite – möglicherweise eher das Gegenteil dessen: „Ein Waffenstillstand, der die derzeit besetzten Gebiete abtritt, würde die Idee konkretisieren, dass die territoriale Integrität der Ukraine verhandelbar ist, ein Präzedenzfall, den der Kreml mit Sicherheit erneut nutzen würde, um weitere territoriale Zugeständnisse zu fordern und die Idee eines ukrainischen Staates insgesamt infrage zu stellen“, schreiben die Analysten..

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte bereits zu Beginn des Ukraine-Krieges geäußert: „Die Ukraine kämpft, bis sie ihr gesamtes Territorium zurück hat“ – der Spielraum für Verhandlungen ist also klein im Moment; noch behaupten beide Seiten ihre militärischen Positionen als halbwegs gefestigt. Und auch Deutschlands gefragtester Militärhistoriker hatte noch im Februar gegenüber der Freien Presse seine Skepsis deutlich gemacht – Sönke Neitzel fordert schon länger, die Möglichkeit eines russischen Sieges ernsthaft einzukalkulieren: „Eine Chance für Frieden sehe ich derzeit nicht.“

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