Aus Cherson verschleppt: Ukrainisches Baby bei Putin-Getreuen aufgetaucht
VonLisa Mariella Löw
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Fast 20.000 Kinder hat die Ukraine als vermisst gemeldet. Nachforschungen zeigen, wie sie aus Heimen nach Russland verschleppt werden. Eines hat wohl ein Parteivorsitzender adoptiert.
Moskau – Der 70-jährige Vorsitzende der russischen Partei „Gerechtes Russland“, Sergey Mironov, hat offenbar ein zweijähriges ukrainisches Mädchen aus einem Kinderheim adoptiert. Wie der britische Nachrichtensender BBC Newsberichtete, war das Baby eines von 48 vermissten Kindern aus Cherson, deren Aufenthaltsort seit den Angriffen Russlands unbekannt ist. Laut BBCsteht der 70-Jährige im Adoptionsregister der zweijährigen Margarita. Das Baby sei 2022 von einer Frau adoptiert wurde, mit der er jetzt verheiratet ist. Obwohl es Dokumente gibt, die zeigen, dass das Mädchen die russische Staatsangehörigkeit angenommen hat, bestreitet Mironov die Vorwürfe.
Das Baby mit dem Namen Margarita gehört laut BBC zu den etwa 20.000 Kindern, die nach Angaben der ukrainischen Regierung seit Beginn des Krieges von russischen Streitkräften verschleppt wurden. Anfang des Jahres erließ der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) Haftbefehle gegen Präsident Wladimir Putin und seine Beauftragte für Kinderrechte, Maria Lvova-Belova, wegen angeblicher illegaler Abschiebung ukrainischer Kinder nach Russland. Sie hätten die Absicht, die Kinder dauerhaft aus ihrem eigenen Land abzuschieben.
Mironov schrieb auf der Plattform X (ehemals Twitter), dass die Anschuldigungen „falsch“ seien und beschuldigte „ukrainische Geheimdienste und ihre westlichen Kuratoren“. Die russische Regierung gibt an, ukrainische Kinder nicht zu verschleppen, sondern sie zu evakuieren, um ihnen Schutz vor dem Krieg zu bieten.
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Die ukrainische Menschenrechtsermittlerin Victoria Novikova hat nun nachgeforscht, was mit Margarita und den anderen Kindern passiert ist. Sie werde ein Dokument mit neuen Beweisen für die Generalstaatsanwaltschaft der Ukraine vorbereiten, die es schließlich dem IStGH übergeben wird.
Laut Novikova begann das Schicksal von Margarita, als eine Frau in einem „lila Kleid“ im Kinderkrankenhaus von Cherson in der Ukraine auftauchte. Dort sei das 10 Monate alte Kind im August 2022 wegen einer Bronchitis behandelt worden. Margaritas Mutter habe kurz nach ihrer Geburt das Sorgerecht aufgegeben und der Aufenthaltsort ihres Vaters war unbekannt. Die Frau in dem lilanen Kleid stellte sich wohl als „Leiterin für Kinderangelegenheiten aus Moskau“ vor, erinnert sich Dr. Lyutikova.
Cherson – jetzt wieder unter ukrainischer Kontrolle – befand sich damals im sechsten Monat russischer Besatzung. Kurz nachdem die Frau gegangen war, erhielt sie laut Dr. Lyutikova wiederholt Anrufe von einem russischen Beamten, der kürzlich mit der Leitung des Kinderheims beauftragt worden war. Der Beamte habe verlangt, dass Margarita sofort nach Hause zurückgeschickt werde.
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Innerhalb einer Woche sei Margarita aus dem Krankenhaus entlassen worden. Am nächsten Morgen wurden die Mitarbeiter des Kinderheims gebeten, sie auf die Reise vorzubereiten. „Wir hatten Angst, alle hatten Angst“, sagte Lyubov Sayko, eine Krankenschwester im Heim. Sie beschrieb, wie russische Männer – einige in Tarnhosen im Militärstil – gekommen seien, um das Mädchen abzuholen. „Es war wie aus einem Film“, sagte sie.
Sieben Wochen später sei Igor Kastjukewitsch, ein russischer Abgeordneter in Militäruniform, ins Kinderheim gekommen. Er habe begonnen, die Abschiebung der verbliebenen Kinder zu organisieren. Darunter sei auch Margaritas Halbbruder Maxym gewesen. „Sie haben sie uns aus der Hand genommen und hinausgetragen“, sagte Sayko.
Kastjukewitsch hat Videos auf Telegram davon gepostet, wie BBC schreibt. Sie hätten gezeigt, wie die Kinder, eingepackt in ihre Outdoor-Kleidung, in Busse und Krankenwagen getragen und weggefahren wurden. „Die Kinder werden in sichere Bedingungen auf der Krim gebracht“, habe Kastjukewitsch gesagt, als die Kinder verladen wurden. Er habe das Ereignis als humanitäre Mission dargestellt.
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Seit fünf Monaten versucht der britische Sender in Zusammenarbeit mit Victoria Novikova, Margarita und die anderen 47 Kinder aufzuspüren. Novikova habe die Identität der Frau im lilanen Kleid aufdecken können: Es handelte sich wohl um eine Person namens Inna Varlamova. Dann habe Dr. Lyutikova ein Foto der Frau gezeigt bekommen. Es sei dieselbe Person gewesen, die Margarita auch auf der Kinderstation besucht hatte. Varlamova arbeite im russischen Parlament und besitze Immobilien in Podolsk bei Moskau.
Später hat die BBC außerdem herausgefunden, dass Varlamova den Vorsitzenden der Partei „Gerechtes Russland“ Sergej Mironow geheiratet hatte. Die Partei ist Teil der staatlich autorisierten Opposition Russlands und unterstützt Präsident Putin. Auf einer im Dezember letzten Jahres erstellten Geburtsurkunde eines 14 Monate alten Mädchens namens „Marina“ seien als Eltern Inna Varlamova und Sergey Mironov angegeben worden. Der Eintrag habe keine Originalaufzeichnung der Geburt des Kindes enthalten. Als Geburtstag von „Marina“ wurde der 31. Oktober 2021 angegeben – derselbe Tag, an dem Margarita geboren wurde.
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Über anonyme russische Quellen hat die BBC eigenen Angaben zufolfe die Adoptionsakte von Margarita erhalten. Margarita Prokopenko wurde nach ihrem Adoptivvater Sergey Mironov in Marina Mironova umbenannt. Ihr Geburtsort ist Podolsk. Die russische Regierung erklärte, sie habe keine Kenntnis von Margaritas Fall und könne sich nicht dazu äußern.
Die Genfer Konvention, besagt, dass die Abschiebung von Zivilisten in Kriegszeiten rechtswidrig ist. Es sei denn, es geschieht aus Sicherheitsgründen oder es sind zwingende militärischen Gründen erforderlich. Die Konvention verbietet auch die Änderung des Familienstands eines Kindes.
Russland betrachtet besetzte ukrainische Regionen und Bewohner als russisch
Lvova-Belova sagte hingegen laut BBC, dass Russland Kinder nur in Pflegefamilien oder in Vormundschaft aufnimmt. „Wir haben keine Adoptionen. Dies ist eine sehr wichtige Tatsache, denn Adoption bedeutet, dass das Kind vollständig einheimisch wird. Sie können seinen Nachnamen, seinen Vornamen, seinen zweiten Vornamen und seinen Geburtsort ändern.“
In ihrer Antwort auf die Nachforschung von BBC habe die russische Regierung jedoch eingeräumt, es sei „falsch“ zu sagen, dass Russland die Adoption ukrainischer Kinder aus den neu erklärten Regionen Russlands nicht genehmige. Es hieß, man betrachte große Teile der Ukraine inzwischen als russisch und die dort lebenden Menschen seien ihre Bürger, darunter auch Kinder. BBC geht davon aus, dass fast alle anderen Kinder, die aus dem Heim entführt wurden, in russischen Händen bleiben.
Bislang nur ein Kind aus russischer Gewalt zurück in Ukraine
Die Ukraine gibt an, 19.546 Kinder identifiziert zu haben, die nach Russland gebracht wurden. Es wird behauptet, dass weniger als 400 zurückgekehrt seien. Russland bestreitet diese Zahlen. Moskau sagt, man werde Kinder mit Familie oder Freunden zusammenführen, wenn ein berechtigter Anspruch geltend gemacht werde. Viele Eltern wissen jedoch nicht, wo sich ihre Kinder befinden, und der Prozess, sie zu finden und zurückzuholen, ist schwierig und komplex.
Bisher sei nur ein Kind aus dem Kinderheim Cherson in die Ukraine zurückgebracht worden, so der BBC-Bericht. Im Oktober sei der dreijährige Viktor Puzik, der wegen gesundheitlicher Probleme in der Einrichtung auf eine Operation gewartet hatte, von seiner Mutter Olha von der Krim abgeholt. Sie sagte, es sei eine Qual gewesen, darauf zu warten, dass er in Sicherheit sei. „Ich dachte ständig: Wo ist er, wie geht es ihm? Lebt er oder nicht? Alles ging mir durch den Kopf.“
Schicksal von ukrainischen Kindern in russischer Gewalt unbekannt
Novikova möchte alle anderen vermissten Kinder aus dem Cherson-Kinderheim finden, befürchtet jedoch, dass sie bald nicht mehr auffindbar sein könnten: „Die Zeit ist nicht auf unserer Seite. Das Problem besteht darin, dass sie [die russischen Behörden, Anm. d. Red.] versuchen, die Identität der Kinder zu löschen, wenn sie russische Geburtsurkunden oder sogar Reisepässe ausstellen.“
Sie habe auch die Hoffnung auf eine Rückkehr Margaritas in die Ukraine nicht aufgegeben. Da Novikova noch keine Verwandten gefunden hat, die Margarita aufnehmen könnten, wurde sie selbst von der ukrainischen Regierung zum Vormund des kleinen Mädchens ernannt. Sie plant, bei den russischen Behörden einen Antrag auf Rückgabe des kleinen Mädchens zu stellen. „Die Welt muss von Margaritas Existenz erfahren. Sie wollten sie auslöschen. Wir müssen sie zurückbringen.“ Auch die ukrainische EU-Abgeordnete Maria Avdeeva postete in einem Beitrag auf X über das Schicksal des Babys. (Lisa Mariella Löw)