VonSven Haubergschließen
Sein Schicksal ist noch immer unklar: Chinas Außenminister Qin Gang wurde vier Wochen, nachdem er zuletzt gesehen wurde, entlassen. Sein Nachfolger ist ein alter Bekannter.
München/Peking – Seit vier Wochen war Chinas Außenminister Qin Gang verschwunden, nun wurde er aus dem Amt entfernt. Das meldete die staatliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua am Dienstag in knappen Worten. „Abberufung von Qin Gang von seinem Amt als Außenminister, Ernennung von Wang Yi zum Außenminister“, schrieb Xinhua, ohne zunächst eine Erklärung für den Vorgang zu liefern.
Gefallen ist die Entscheidung demnach bei einer kurzfristig einberufenen Sitzung des Ständigen Ausschusses des Nationalen Volkskongresses, Chinas Scheinparlament. Wang Yi hatte das Amt des Außenministers bereits bis Ende letzten Jahres inne und wurde anschließend zum Top-Diplomaten der Kommunistischen Partei befördert.
Chinas bisheriger Außenminister wurde zuletzt am 25. Juni gesehen
Der nun abberufene Außenminister Qin Gang hatte zuletzt am 25. Juni öffentliche Termine wahrgenommen, darunter ein Treffen mit dem stellvertretenden Außenminister Russlands. Von jenem Tag datieren auch die letzten bekannten Aufnahmen von Qin. Seitdem wurde der Diplomat, der zuvor als US-Botschafter in Washington gedient hatte, nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen.
Die Hintergründe für den Vorgang sind völlig unklar. Spekuliert wurde zuletzt unter anderem über eine mögliche schwere Covid-Erkrankung, eine außereheliche Affäre des Ministers mit einer Journalistin sowie eine Anklage wegen Korruption.
Nachdem mehreren internationalen Beobachtern und Medien die Abwesenheit von Qin Gang aufgefallen war, sah sich Chinas Außenministerium Mitte Juli zu einer Erklärung genötigt und sprach von „gesundheitlichen Gründen“, die eine Teilnahme des Ministers etwa am Treffen der Außenminister der Asean-Gruppe in Jakarta verhindern würden. Weitere Versuche, eine Begründung für das ungewöhnliche Abtauchen des Politikers zu bekommen, wehrte das Außenamt in Peking mit Standardfloskeln ab.
Chinas bisheriger Außenminister war ein enger Vertrauter von Staatschef Xi Jinping
Der 57-jährige Qin Gang galt bislang als enger Vertrauter von Staats- und Parteichef Xi Jinping. Xi hatte Berichten zufolge die Karriere des Diplomaten persönlich vorangetrieben und dafür auch Gepflogenheiten innerhalb der Ministerialbürokratie ignoriert.
Xi hatte bei seinem Amtsantritt 2012 zum Kampf gegen Korruption aufgerufen und Anklage gegen zigtausende Regierungsmitarbeiter erheben lassen. Auch vor hochrangigen Parteikadern machte Xi bei seiner Antikorruptionskampagne nicht Halt. In China verschwinden Geschäftsleute oder hohe Beamte immer wieder, nur um Wochen oder Monate später vor Gericht wieder aufzutauchen. Einer der bekanntesten Fälle der letzten Jahre ist der des ehemaligen chinesischen Interpol-Chefs Meng Hongwei, der 2018 während einer China-Reise verschwand. Zwei Jahre später verurteilte ihn ein chinesisches Gericht zu einer langjährigen Haftstrafe, weil Meng Bestechungsgelder angenommen haben soll.
