Konsulat beschädigt und Ärger über Getreideabkommen

Chinas „felsenfeste“ Freundschaft mit Russland bekommt Risse

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China ist wütend auf Russland, nachdem sein Konsulat in Odessa bei einem Angriff beschädigt und das Getreideabkommen mit der Ukraine ausgesetzt wurde. Peking sucht nun verstärkt die Nähe zu Kiew.

München/Peking – Die Schäden sind nicht groß, die Wut aber umso größer. „Die Souveränität Chinas darf nicht einfach verletzt werden“, schreibt ein Nutzer auf Chinas sozialem Netzwerk Weibo. „Man fragt sich, ob das Absicht war“, spekuliert ein anderer. Zuvor war bekannt geworden, dass am Donnerstag bei den russischen Angriffen auf Odessa auch die chinesische Vertretung in der ukrainischen Hafenstadt in Mitleidenschaft gezogen wurde. „Eine Explosion ereignete sich in der Nähe des chinesischen Generalkonsulats in Odessa, und die Druckwelle beschädigte einen Teil der Wände und Fensterscheiben“, heißt es in einer Erklärung des Außenministeriums in Peking.

Bilder, die auf Weibo geteilt wurden, zeigen eine kaputte Fensterscheibe und etwas abgeblätterte Farbe. Verletzt wurde bei dem Angriff offenbar keiner der Konsulatsmitarbeiter, denn diese seien „schon vor längerer Zeit evakuiert“ worden, so Pekings Außenamt. Man verfolge die Entwicklungen und bleibe „mit den betroffenen Parteien in Kontakt“, hieß es weiter.

Xi Jinping und Wladimir Putin: Die Beziehung zwischen den beiden Staatschefs wird komplizierter.

Ob der Vorfall in Odessa das Zeug hat, die „felsenfeste“ Freundschaft zwischen China und Russland nachhaltig zu beschädigen, darf bezweifelt werden. Die Risse im Verhältnis der beiden Nachbarländer zeigen sich dennoch immer deutlicher. So zeigte sich China verärgert über die russische Ankündigung, das Getreideabkommen mit der Ukraine auslaufen zu lassen. Seit vergangenem Montag kann kein Getreide mehr aus Odessa über das Schwarze Meer verschifft werden; am selben Tag erklärte Peking, man hoffe, dass das Abkommen wieder „vollständig“ umgesetzt werde – für chinesische Verhältnisse beinahe schon ein Frontalangriff auf Moskau.

Russlands Angriff auf Odessa: Auch Exporte nach China betroffen

Aus gutem Grund: Obwohl rund 18 Prozent der Weltbevölkerung in China leben, verfügt das Land über nur etwa neun Prozent der weltweit zur Verfügung stehenden Ackerfläche. Große Mengen an Nahrungsmitteln müssen also aus dem Ausland eingeführt werden. So kommen knapp 30 Prozent der chinesischen Mais-Importe aus der Ukraine. „Ohne Importe aus der Ukraine werden die Preise auf dem heimischen Markt steigen“, zitierte die South China Morning Post einen Agrar-Analysten aus Peking.

Bei den jüngsten russischen Angriffen auf Odessa wurden laut Wolodymyr Selenskyj auch 60.000 Tonnen landwirtschaftlicher Güter zerstört, die für den Export nach China gedacht waren. „Das heißt, jeder ist von diesem russischen Terror betroffen“, sagte der ukrainische Präsident am Mittwoch.

Für wie ernst man in China die Lage hält, machte zuletzt der Peking-Besuch des stellvertretenden ukrainischen Wirtschaftsministers am Freitag deutlich: Taras Kachka, der von Chinas Vize-Handelsminister Ling Ji empfangen wurde, war der hochrangigste Besucher aus der Ukraine, den Peking seit Beginn des Kriegs empfangen hat. China wolle künftig mehr „hochwertige Produkte“ aus der Ukraine importieren, hieß es nach dem Treffen aus Peking. Die Volksrepublik kämpft derzeit mit Dürren und Überschwemmungen, was die Versorgungslage weiter verschärft.

Russland nach dem Wagner-Putsch: China hat Angst vor einem instabilen Nachbarn

Neben China sind vor allem Länder in Afrika und im Nahen Osten auf die ukrainischen Lebensmittelexporte angewiesen. Länder also, zu denen Peking traditionell gute Beziehungen pflegt – und die wissen, welchen Einfluss China auf seinen Juniorpartner Russland hat. Sollte China, das sich auf der Weltbühne stets als verantwortlicher Akteur präsentiert, Wladimir Putin weiter gewähren lassen: Es wäre auch für Staatschef Xi Jinping ein Ansehensverlust.

Aber nicht nur das Ende des Getreideabkommens, auch den Putsch-Versuch der Wagner-Söldner von Jewgeni Prigoschin beobachtet man in Peking mit Sorge. Dass die Söldner ungehindert in Richtung Moskau marschieren konnten, zeige entweder, dass Russland nicht handlungsfähig sei, oder dass die Wagner-Leute Unterstützer unter Russlands Eliten hätten, sagte Osteuropa-Experte Sebastian Hoppe unlängst im Interview mit dem Münchner Merkur. „Beides ist aus Sicht Chinas schädlich für seine Beziehungen zu Russland.“

Das Letzte, was China will, ist ein instabiler Nachbar. Schließlich teilen beide Länder eine 4200 Kilometer lange Grenze. Heißt auch: Sollte sich China tatsächlich ein schnelles Ende des Kriegs wünschen, so wie die Führung in Peking stets beteuert, dann ohne einen vollständigen Kollaps des Putin-Regimes. Auch deshalb schließlich sich Peking den westlichen Sanktionen gegen Russland nicht an, sondern baut die Handelsbeziehungen sogar weiter aus.

China und Russland arbeiten weiter zusammen – auch militärisch

Wie am Dienstag veröffentlichte Zolldaten zeigen, wuchsen die chinesischen Importe aus Russland im ersten Halbjahr 2023 verglichen mit dem Vorjahreszeitraum um 19,4 Prozent an; Chinas Exporte nach Russland stiegen gar um 78,1 Prozent. China füllt offenbar die Lücke, die westliche Unternehmen mit ihrem Rückzug aus Russland hinterlassen haben, und exportiert Autos, Mobiltelefone oder Computer in das Land – „nicht aber die fortschrittlichere Technologie, die Russland fehlt“, wie unlängst eine Studie der US-Denkfabrik Atlantic Council ergab.

Gleichzeitig macht China keine Anstalten, die militärische Zusammenarbeit mit Russland zu beenden. Am Donnerstag starteten beide Länder viertägige Militärmanöver im Japanischen Meer, um die „strategische Kooperation der beiden Streitkräfte weiter anzuheben“, wie es aus dem Verteidigungsministerium in Peking hieß.

China sucht im Umgang mit Russland also gleichermaßen Nähe und Distanz. Sollte Putin im Ukraine-Krieg aber weiterhin auch die Interessen Pekings verletzen, dürfte es mit der Geduld der Chinesen irgendwann vorbei sein.

Rubriklistenbild: © Sergei Karpukhin/Sputnik/afp (Montage)

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