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„Destruktives Verhalten“: Mehr als 100 chinesische Kampfflugzeuge bedrängen Taiwan

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China hat so viele Kampfjets wie lange nicht mehr in Richtung Taiwan geschickt. Peking geht es darum, die Taiwaner einzuschüchtern – bislang ohne Erfolg allerdings.

Taipeh – China erhöht den Druck auf Taiwan. Wie das taiwanische Verteidigungsministerium am Montag (18. September) mitteilte, wurden binnen 24 Stunden insgesamt 103 chinesische Kampfflugzeuge in der Nähe der demokratisch regierten Insel entdeckt – so viele wie nie in letzter Zeit. Dieser „Rekordwert“ stelle „eine ernsthafte Herausforderung für die Sicherheit in der Straße von Taiwan und die Region dar“, so das Ministerium. „Wir fordern die Behörden in Peking auf, Verantwortung zu übernehmen und ein derartiges destruktives einseitiges Verhalten unverzüglich einzustellen.“

Im April übte das chinesische Militär den Angriff auf Taiwan. Das Bild zeigt einen Kampfjet der Volksbefreiungsarmee.

Laut Taiwans Verteidigungsministerium überquerten 40 der 103 Flugzeuge die sogenannte Medianlinie, die inoffizielle Grenze zwischen China und Taiwan, und drangen in die südöstliche und südwestliche Luftverteidigungszone (Air Defence Identification Zone, ADIZ) der Insel ein. Taiwans ADIZ ist deutlich größer als sein Luftraum und überschneidet sich mit der ADIZ Chinas. Neben den Kampfflugzeugen seien auch neun chinesische Marineschiffe gesichtet worden, so das Ministerium weiter.

China betrachtet Taiwan als Teil des eigenen Staatsgebiets und droht seit Jahren damit, die Insel mit dem Festland zu vereinigen. Geschehen soll das laut Staats- und Parteichef Xi Jinping möglichst mit friedlichen Mitteln, notfalls aber auch mit Gewalt. Analysten zufolge setzt Xi derzeit vor allem auf eine Taktik der Einschüchterung. So drangen in den vergangenen Wochen immer mehr Kampfjets in Taiwans ADIZ ein, erst Mitte vergangener Woche wurden 68 Flugzeuge innerhalb von 24 Stunden gezählt. In Taiwan, wo man seit Jahrzehnten mit der Bedrohung durch China lebt, werden diese Einschüchterungsversuche allerdings meist relativ gleichgültig hingenommen.

China will „Entwicklungszone“ mit Taiwan einrichten

Gleichzeitig dringt China darauf, den friedlichen Austausch zwischen China und Taiwan voranzutreiben. Als Pilotprojekt solle eine „Entwicklungszone“ zwischen Taiwan und der chinesischen Provinz Fujian dienen, heißt es in einem Papier, das das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas und der chinesische Staatsrat unlängst veröffentlichten. Fujian liegt nur wenige Kilometer von der Insel Kinmen entfernt, die zu Taiwan gehört. In der geplanten „Entwicklungszone“ solle der wirtschaftliche Austausch intensiviert werden, außerdem sollen junge Menschen aus Taiwan einfacher in Fujian studieren können, hieß es.

Umfragen zufolge lehnt die überwältigende Mehrheit der taiwanischen Bevölkerung eine Vereinigung mit China ab. Stattdessen plädieren die meisten Taiwaner dafür, den Status quo beizubehalten. Das Verhältnis zu China spielt auch eine prominente Rolle im beginnenden Präsidentschaftswahlkampf in Taiwan. Das Land wählt im kommenden Januar einen Nachfolger für die scheidende Präsidentin Tsai Ing-wen, die nach zwei Amtszeiten nicht noch einmal antreten darf.

China und Taiwan: Darum geht es in dem Konflikt

Taiwans F-16-Kampfjet (links) überwacht einen der beiden chinesischen H-6-Bomber, die den Bashi-Kanal südlich von Taiwan und die Miyako-Straße in der Nähe der japanischen Insel Okinawa überflogen.
Seit Jahrzehnten schon schwelt der Taiwan-Konflikt. Noch bleibt es bei Provokationen der Volksrepublik China; eines Tages aber könnte Peking Ernst machen und in Taiwan einmarschieren. Denn die chinesische Regierung hält die demokratisch regierte Insel für eine „abtrünnige Provinz“ und droht mit einer gewaltsamen „Wiedervereinigung“. Die Hintergründe des Konflikts reichen zurück bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. © Taiwan Ministry of Defence/AFP
Chinas letzter Kaiser Puyi
Im Jahr 1911 zerbricht das viele Jahrtausende alte chinesische Kaiserreich. Der letzte Kaiser Puyi (Bild) wird abgesetzt, die Xinhai-Revolution verändert China für immer. Doch der Weg in die Moderne ist steinig. Die Jahre nach der Republikgründung waren von Wirren und internen Konflikten geprägt.  © Imago
Porträt von Sun Yatsen auf dem Tiananmen-Platz in Peking
Im Jahr 1912 gründet Sun Yat-sen (Bild) die Republik China. Es folgen Jahre des Konflikts. 1921 gründeten Aktivisten in Shanghai die Kommunistische Partei, die zum erbitterten Gegner der Nationalisten (Guomindang) Suns wird. Unter seinem Nachfolger Chiang Kai-shek kommt es zum Bürgerkrieg mit den Kommunisten. Erst der Einmarsch Japans in China ab 1937 setzt den Kämpfen ein vorübergehendes Ende. © Imago
Mao Zedong ruft die Volksrepublik China aus
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Kapitulation Japans flammt der Bürgerkrieg wieder auf. Aus diesem gehen 1949 die Kommunisten als Sieger hervor. Mao Zedong ruft am 1. Oktober in Peking die Volksrepublik China aus (Bild).  © Imago Images
Chiang Kai-shek
Verlierer des Bürgerkriegs sind die Nationalisten um General Chiang Kai-shek (Bild). Sie fliehen 1949 auf die Insel Taiwan. Diese war von 1895 bis 1945 japanische Kolonie und nach der Niederlage der Japaner an China zurückgegeben worden. Auf Taiwan lebt seitdem die 1912 gegründete Republik China weiter. Viele Jahre lang träumt Chiang davon, das kommunistisch regierte Festland zurückzuerobern – während er zu Hause in Taiwan mit eiserner Hand als Diktator regiert. © Imago
Richard Nixon und Zhou Enlai 1972
Nach 1949 gibt es zwei Chinas: die 1949 gegründete Volksrepublik China und die Republik China auf Taiwan, die 1912 gegründet wurde. Über Jahre gilt die taiwanische Regierung als legitime Vertreterin Chinas. Doch in den 70er-Jahren wenden sich immer mehr Staaten von Taiwan ab und erkennen die kommunistische Volksrepublik offiziell an. 1972 verliert Taiwan auch seinen Sitz in den Vereinten Nationen, und Peking übernimmt. Auch die USA brechen mit Taiwan und erkennen 1979 – sieben Jahre nach Richard Nixons legendärem Peking-Besuch (Bild) – die Regierung in Peking an. Gleichzeitig verpflichten sie sich, Taiwan mit Waffenlieferungen zu unterstützen. © Imago/UIG
Chiang Ching-Kuo in Taipeh
Im Jahr 1975 stirbt Taiwans Dikator Chiang Kai-shek. Neuer Präsident wird drei Jahre später dessen Sohn Chiang Ching-kuo (Bild). Dieser öffnet Taiwan zur Welt und beginnt mit demokratischen Reformen. © imago stock&people
Chip made in Taiwan
Ab den 80er-Jahren erlebt Taiwan ein Wirtschaftswunder: „Made in Taiwan“ wird weltweit zum Inbegriff für günstige Waren aus Fernost. Im Laufe der Jahre wandelt sich das Land vom Produzenten billiger Produkte wie Plastikspielzeug zur Hightech-Nation. Heute hat in Taiwan einer der wichtigsten Halbleiter-Hersteller der Welt - das Unternehmen TSMC ist Weltmarktführer. © Torsten Becker/Imago
Tsai Ing-wen
Taiwan gilt heute als eines der gesellschaftlich liberalsten und demokratischsten Länder der Welt. In Demokratie-Ranglisten landet die Insel mit ihren knapp 24 Millionen Einwohnern immer wieder auf den vordersten Plätzen. Als bislang einziges Land in Asien führte Taiwan 2019 sogar die Ehe für alle ein. Regiert wurde das Land von 2016 bis 2024 von Präsidentin Tsai Ing-wen (Bild) von der Demokratischen Fortschrittspartei. Ihr folgte im Mai 2024 ihr Parteifreund Lai Ching-te. © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping
Obwohl Taiwan nie Teil der Volksrepublik China war, will Staats- und Parteichef Xi Jinping (Bild) die Insel gewaltsam eingliedern. Seit Jahrzehnten droht die kommunistische Führung mit der Anwendung von Gewalt. Die meisten Staaten der Welt – auch Deutschland und die USA – sehen Taiwan zwar als einen Teil von China an – betonen aber, dass eine „Wiedervereinigung“ nur friedlich vonstattengehen dürfe. Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus. Die kommunistiche Diktatur Chinas ist für die meisten Taiwaner nicht attraktiv. © Dale de la Rey/AFP
Militärübung in Kaohsiung
Ob und wann China Ernst macht und in Taiwan einmarschiert, ist völlig offen. Es gibt Analysten, die mit einer Invasion bereits in den nächsten Jahren rechnen – etwa 2027, wenn sich die Gründung der Volksbefreiungsarmee zum 100. Mal jährt. Auch das Jahr 2049 – dann wird die Volksrepublik China 100 Jahre alt – wird genannt. Entscheidend dürfte sein, wie sicher sich China ist, einen Krieg auch zu gewinnen. Zahlenmäßig ist Pekings Armee der Volksrepublik den taiwanischen Streitkräften überlegen. Die Taiwaner sind dennoch gut vorbereitet. Jedes Jahr finden große Militärübungen statt; die Bevölkerung trainiert den Ernstfall, und die USA liefern Hightech-Waffen.  © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping auf einem chinesischen Kriegsschiff
Analysten halten es für ebenso möglich, dass China zunächst nicht zu einer Invasion Taiwans blasen wird, sondern mit gezielten Nadelstichen versuchen könnte, den Kampfgeist der Taiwaner zu schwächen. So könnte Xi Jinping (Bild) eine Seeblockade anordnen, um die Insel Taiwan vom Rest der Welt abzuschneiden. Auch ein massiver Cyberangriff wird für möglich gehalten.  © Li Gang/Xinhua/Imago
Protest in Taiwan
Auch wenn die Volksrepublik weiterhin auf eine friedliche „Wiedervereinigung“ mit Taiwan setzt: Danach sieht es derzeit nicht aus. Denn die meisten Taiwaner fühlen sich längst nicht mehr als Chinesen, sondern eben als Taiwaner. Für sie ist es eine Horrorvorstellung, Teil der kommunistischen Volksrepublik zu werden und ihre demokratischen Traditionen und Freiheiten opfern zu müssen. Vor allem das chinesische Vorgehen gegen die Demokratiebewegung in Hongkong hat ihnen gezeigt, was passiert, wenn die Kommunistische Partei den Menschen ihre Freiheiten nimmt. © Ritchie B. Tongo/EPA/dpa

USA schicken Zerstörer durch Taiwanstraße

Die Spannungen zwischen China und Taiwan hatten im Sommer vergangenen Jahres zugenommen, nachdem die damalige Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses Nancy Pelosi Taipeh besucht hatte. China reagierte auf den Besuch mit mehrtägigen Militärmanövern. Ebenfalls seit vergangenem Jahr überqueren chinesische Kampfjets regelmäßig die Medianlinie, die Peking zuvor noch respektiert hatte.

Die USA unterhalten keine offiziellen diplomatischen Beziehungen zu Taiwan, unterstützen das Land aber mit Waffenlieferungen. Zudem erklärte US-Präsident Joe Biden mehrfach, dass sein Land Taiwan im Falle eines chinesischen Angriffs beistehen werde. Die USA betrachten die Taiwanstraße als internationales Gewässer und schicken regelmäßig Kriegsschiffe in die Region, um das Recht auf freie Schifffahrt durchzusetzen. So durchquerten Anfang des Monats ein US-amerikanischer Zerstörer und eine Fregatte der kanadischen Marine die Meerenge.

Gleichzeitig suchen China und die USA derzeit vermehrt den diplomatischen Austausch. Bei einem Gespräch mit Chinas Außenminister Wang Yi am Sonntag in Malta wies der nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, Jake Sullivan, auf die „Bedeutung von Frieden und Stabilität in der Straße von Taiwan hin“. Wang hingegen erklärte, die Taiwan-Frage sei eine „rote Linie“, „die in den chinesisch-amerikanischen Beziehungen nicht überschritten werden darf“.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Mei Shaoquan

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