VonFabian Müllerschließen
Gesprengter Staudamm: Die Lage im Überschwemmungsgebiet ist dramatisch, Hilfsorganisationen können kaum vorrücken -auch, weil Russland rigoros bleibt.
Kiew/Cherson - Nach den verheerenden Überschwemmungen im Oblast Cherson hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Region besucht. Dort habe er über die Situation nach der Zerstörung des Kachowka-Staudammes beraten, teilte Selenskyj auf Telegram mit. „Viele wichtige Fragen wurden besprochen“, sagte er und zählte auf: die operative Lage in der Region infolge der Katastrophe, die Evakuierung der Bevölkerung aus potenziellen Überschwemmungsgebieten, die Beseitigung der durch die Dammexplosion verursachten Notlage, die Organisation der Lebenserhaltung in den überschwemmten Gebieten - dies alles bereite nach wie vor große Probleme.
Gesprengter Staudamm: THW beklagt Gefahr nach Flutkatastrophe
Denn die Lage vor Ort ist weiter prekär, Hilfe wird erschwert, weil sich in der Flutregion zahlreiche Minen befinden, auch Munition ist ein Problem. Vor allem Minen seien eine „schwere Behinderung“ der Hilfsarbeiten, sie müssten zunächst beseitigt werden, bevor die Helfer gefahrlos arbeiten könnten, erklärte der Präsident des Technischen Hilfswerks (THW) in den ARD-Tagesthemen. Priorität habe zunächst, die Bewohner aus der unmittelbaren Gefahrenzone zu bringen.
Gesprengter Staudamm: Nach Dammbruch in der Ukraine geht Russland rigoros vor
Die russische Armee wurde durch die Fluten vetrieben. Wegen der Wassermassen in der Region hätten sich die Streitkräfte um fünf bis 15 Kilometer zurückgezogen, sagte eine ukrainische Militärsprecherin vor Journalisten. Der russische Beschuss habe sich infolgedessen „praktisch halbiert“.
Gleichzeitig mehren sich aber die Berichte, wonach die russische Armee den betroffenen Personen die Flucht aus den überschwemmten Gebieten erschwert, auch anderen zu helfen, sei praktisch unmöglich. Schätzungen zufolge befanden sich etwa 80 Siedlungen und 16.000 Menschen in den überfluteten Gebieten. Das untere Ostufer des Dnipro, das von Russland besetzt ist, erlitt die größten Schäden.
Evakuierung bei Cherson läuft schlecht: Menschen sitzen auf Dächern fest
In den sozialen Medien finden sich zahlreiche Fotos und Videos von Menschen, die auf den Dächern sitzen, während das Wasser sie umspült, mit schwindenden Vorräten und ohne Möglichkeit zur Flucht. Laut einem Bericht der ukrainischen Plattform Kyiv Independent sprechen die Leute vor Ort davon, in einer Falle zu sitzen. Es fehle an Fahrzeugen und Treibstoff, um zu fliehen.
Die russische Nachrichtenagentur TASS meldete am Mittwoch (7. Juni), dass etwa 1300 Menschen evakuiert werden konnten. Die russischen Behörden erklärten, materielle Verluste auszugleichen und den betroffenen Familien finanzielle Hilfe zukommen zu lassen. Kinder würden in ein „gutes Ferienlager“ gebracht werden. Doch von einer Evakuierung könne bislang keine Rede sein, schreibt der Kyiv Independent und beruft sich dabei auf Aussagen von Bewohnern der Region.
Sprengung des Kachowka-Staudammes: Haben Russlands Soldaten vorab Boote zerstört?
Die Menschen säßen auf den Dächern, hätten keine Nahrung. Versuche, sich mit dem Boot in Sicherheit zu bringen, wurden von den russischen Streitkräften vereitelt. Zahlreiche Menschen berichteten sogar, dass auf sie geschossen wurde, als sie versuchten, aus den überfluteten Gebieten zu entkommen.
Die ukrainische Plattform sprach mit mehreren Personen, die erzählten, dass in der Woche vor der Explosion am Staudamm russische Soldaten Boote in der Region beschlagnahmte. Eine erzählte: „Wir dachten, sie würden plündern. Jetzt verstehe ich, dass es einen speziellen Befehl gab, alle Fluchtmittel zu entfernen, damit sich die Menschen nicht selbst retten konnten.“
Video: Nach Dammbruch in Ukraine: Sorge um betroffene Menschen wächst
Aufgrund von Stromausfällen und fehlenden Mobilfunkverbindungen in den betroffenen Städten haben viele Menschen den Überblick über ihre eingeschlossenen Familienmitglieder verloren. Viele sind Senioren oder Menschen mit Mobilitätseinschränkungen. In Telegram-Chats bitten dem Bericht zufolge Hunderte von Menschen jeden, der verfügbar ist, um die Rettung ihrer Angehörigen und beschreiben ihre Situation als kritisch. Freiwillige Helfer bitten die Menschen, die Orte zu markieren, an denen eingeschlossene Ukrainer evakuiert werden müssen. Doch wann Hilfe kommt, ist wegen der dramatischen Lage häufig weiter unklar. (fmü)
