Parallele vor 80 Jahren

Angriff auf den Kachowka-Staudamm: Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg werden wach

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Ukraine-Krieg: Beim Angriff auf den Kachowka-Staudamm: Erinnerungen an den 2. Weltkrieg werden wach.
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Nach der Zerstörung eines Staudamms am Fluss Dnipro drohen verheerende Folgen. Einen ähnlichen Vorfall in der Südukraine gab es bereits vor 80 Jahren.

Moskau – Die Ukraine wirft Russland vor, in der Region Cherson in der Südukraine den Kachowka-Staudamm am Dnipro gesprengt zu haben. Die Situation erscheint kritisch: Bis zu 80 Ortschaften flussabwärts seien bedroht, teilte Ministerpräsident Denys Schmyhal mit. In einer ersten Reaktion wurden 300 Häuser evakuiert und mehrere Dörfer vorsorglich von der Stromversorgung abgeschnitten. Das zum Staudamm gehörende Wasserkraftwerk wurde den Angaben zufolge komplett zerstört. Ein historisches Vorbild für eine solche Sprengung gibt es bereits.

Angriff auf den Kachowka-Staudamm – Parallelen zum Zweiten Weltkrieg erkennbar

Bereits im Jahr 1941 führten sowjetische Soldaten im Zweiten Weltkrieg am Saporischschja-Staudamm eine Explosion herbei. Der Damm bei Saporischschja war eines der ganz großen Industrialisierungsprojekte in der Frühzeit der Sowjetunion. Der Saporischschja-Stausee ist im Vergleich zum nun betroffenen Wasserreservoir von Kachowka jedoch um ein Vielfaches kleiner. Beide Staudämme sind Teile eines Systems von Wasserkraftwerken entlang des Flusses Dnipro. 

Aufgrund der strategischen Bedeutung des Saporischschja-Staudamms bereitete der Geheimdienst NKWD die Zerstörung vor. Am 18. August 1941 wurden laut Recherchen der Welt gegen 20.15 Uhr Ortszeit geschätzt etwa 20 Tonnen Sprengstoff in der Staumauer gezündet. Sie rissen ein 175 Meter langes und bis zu 21 Meter hohes Loch in den Damm, durch das eine fast sechs Meter hohe Welle den Dnipro hinab stürzte.

1941 sprengten Sowjet-Soldaten den Saporischschja-Staudamm

Die Explosion zerstörte auch den Maschinenraum mit seinen neun gewaltigen Generatoren und unterbrach die Stromversorgung. Alle Industriewerke in Saporischschja fielen schlagartig aus und wurden dabei teilweise irreparabel beschädigt. Die Zahl der Opfer ist völlig dabei unklar. Schätzungen zufolge liegt die Zahl zwischen wenigen hundert und 80.000 bis 120.000 Toten. 

Wochen nach der Sprengung des Saporischschja-Staudamms im August 1941 wurde die Anlage von deutschen Soldaten besetzt und repariert, sodass erneut Wasser aufgestaut werden konnte. Nur zwei Jahre später machten die Wehrmachtssoldaten das Bauwerk jedoch erneut zunichte – dieses Mal, um den eigenen Rückzug abzusichern. 1950, schon mitten im Kalten Krieg zwischen Stalins UdSSR und dem freien Westen, nahm das Kraftwerk erneut die Stromproduktion auf.

Russland und Ukraine beschuldigen sich bei Staudamm-Sprengung am Dnipro

Derweil beschuldigen sich Ukraine und Russland gegenseitig, für die Zerstörung des Staudamms am Dnipro verantwortlich zu sein. Fachleute sehen die Verantwortung bei Russland. „Alles spricht dafür, dass die Russen den Damm gesprengt haben“, sagte der Militärexperte Carlo Masala von der Bundeswehr-Universität München dem Nachrichtenportal t-online. Moskau verfolge damit im Ukraine-Krieg zwei Ziele: Chaos zu stiften und eine Gegenoffensive der Ukraine zu behindern.

Der Kreml hat derweil die Ukraine der Zerstörung des wichtigen Staudamms im russisch besetzten Nowa Kachowka beschuldigt. Schuldzuweisungen aus Kiew und dem Westen wies Moskau zurück. „Wir erklären offiziell, dass es sich hier eindeutig um eine vorsätzliche Sabotage der ukrainischen Seite handelt, die auf Befehl (...) des Kiewer Regimes geplant und ausgeführt wurde“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow. Beweise für die Anschuldigungen legte er nicht vor. (bohy)

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