FR-Leitartikel

Wahldebakel im Bundestag: Spahn ist auf ganzer Linie gescheitert

  • schließen

Im Bundestag kommt es bei der Wahl von drei Verfassungsrichter:innen zum Eklat. Die Union muss sich nach dem Wahldebakel von ihrem Fraktionsvorsitzenden befreien.

Vor zwei Monaten wurde Friedrich Merz als Bundeskanzler gewählt. Nach einem langen, dramatischen Tag im Parlament und erst im zweiten Wahlgang. Das hatte es zuvor noch nie gegeben in der Bundesrepublik. Und doch ist das ein eher kleinerer Betriebsunfall im Vergleich zu dem, was am Freitag im Bundestag zu erleben war.

Merz-Regierung erlebt Wahldebakel im Bundestag – rechte Plattformen haben mit Kampagnen Erfolg

Der Bundestag hat die Wahl von drei neuen Bundesverfassungsrichter:innen von der Tagesordnung genommen. Ein Vorgang, den es ebenfalls vorher noch nie gab. Diesmal ist die Sache wesentlich ernster als bei der Merz-Wahl im Mai. Damals hatten Unzufriedene aus der schwarz-roten Koalition für einen Stolperstart der neuen Regierung gesorgt. Man kann davon ausgehen, dass es vor allem aus Unwissenheit darüber geschah, dass bei einer Kanzlerwahl ein zweiter Wahlgang nicht so ohne weiteres vorgesehen ist. Die Sache sorgte völlig zu Recht für Hohn und Spott, vor allem wegen des unbeholfenen Krisenmanagements.

Eine Staatskrise war die Angelegenheit nicht. Bei der verpatzten Richterwahl kann man sich dessen nicht mehr so sicher sein. Der Entscheidung, am Freitag nicht zu entscheiden, war eine tagelange Kampagne rechter Medien gegen die Juraprofessorinnen Frauke Brosius-Gersdorf und Ann-Katrin Kaufhold vorausgegangen. Besonders auf Brosius-Gersdorf schossen sich rechte Medienportale wie Nius ein. Ihre progressiven Ansichten zum Schwangerschaftsrecht wurden dabei zu menschenfeindlichen Positionen einer „ultralinken“ Juristin aufgebauscht, die Ungeborenen die Menschenwürde abspreche.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Solche Kampagnen sind nichts Ungewöhnliches, die rechten Plattformen leben quasi von dieser Form der hasserfüllten Berichterstattung. Beunruhigend ist, dass sie diesmal offensichtlich Erfolg damit hatten – und das ausgerechnet im Bundestag und ausgerechnet bei der Wahl für ein Verfassungsorgan.

Union muss sich von Fraktionsvorsitzenden befreien – Spahn ist auf ganzer Linie gescheitert

Am Montag gab es eine Zweidrittelmehrheit der Fraktionen im zuständigen Richterwahlausschuss des Bundestags. Ob das auch für die Unionsfraktion zutraf, ist unklar. Am Mittwoch erklärte zumindest der Bundeskanzler die Wahl noch als Selbstverständlichkeit. Auch der Fraktionsvorsitzende Jens Spahn versicherte, dass alles klargehen würde. Am Freitag zeigte sich: Spahn ist auf ganzer Linie gescheitert.

Jens Spahn (CDU), Vorsitzender der Unions-Fraktion im Bundestag, verlässt in der Sitzungsunterbrechung den Plenarsaal. Der Bundestag stimmt ohne Aussprache über die Wahlvorschläge des Wahlausschusses für die Richter des Bundesverfassungsgerichts ab. Die Wahl ist geheim.

Hatte er wirklich nicht gesehen, wie sich in den vergangenen Tagen immer mehr Unmut in seiner Fraktion aufbaute? Oder hatte er – schlimmer noch – das alles sehr wohl gesehen, aber einfach laufen lassen? Und was sagt das alles über die aktuelle politische Lage aus, dass das eine so plausibel klingt wie das andere?

Eklat bei Richterwahl im Bundestag: Schwarzer Freitag für die Demokratie in Deutschland

Der Schwarze Freitag im Bundestag zeigt, dass es um die Demokratie in Deutschland schlechter bestellt ist als bisher gedacht. Der rechte Kulturkampf beschädigt nun auch die Organe des Staates und seiner Rechtsprechung. Bezeichnend ist, dass auch diesmal das Krisenmanagement versagt. Das betrifft beide Regierungsfraktionen. Die SPD zeigt offiziell Gelassenheit, die ihr niemand abnimmt.

Christine Dankbar.

Die Union dagegen muss sich nun endgültig von ihrem Fraktionsvorsitzenden befreien. Er ist belastet durch die Maskengeschäfte während der Corona-Pandemie, die er als Gesundheitsminister tätigte und deren Aufklärung die Union behindert. Womöglich hat ihn das von seinen aktuellen Aufgaben abgelenkt. Zudem steht er hartnäckig im Verdacht, immer mal wieder nach rechts zu blinzeln.

Das ist nach der Generaldebatte in dieser Woche und den Reden der AfD ein ganz und gar unerträglicher Gedanke. Man fragt sich, wie lange sich Friedrich Merz das noch gefallen lassen will. Wir haben schon wieder einen Kanzler, bei dem man Führung bestellen muss.

Rubriklistenbild: © Katharina Kausche/dpa

Kommentare