Zu progressiv für die Union

Frauke Brosius-Gersdorf: Streit um „ultralinke“ Verfassungsrichterin – Wie progressiv ist sie wirklich?

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Frauke Brosius-Gersdorf wurde für die Wahl zum Bundesverfassungsgericht empfohlen.
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SPD-Kandidatin Brosius-Gersdorf polarisiert: Ihre liberalen Ansichten und Plagiatsvorwürfe führen zu Spannungen mit der Union.

Update, 12. Juli, 14.15 Uhr: Nach der gescheiterten Richterwahl hält die SPD an ihrer Kandidatin Frauke Brosius-Gersdorf fest. Die Juristin soll sich persönlich mit der Union austauschen und mit der CDU/CDU-Fraktion über ihre Kandidatur sprechen. Die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Sonja Eichwede begrüßte Fernsehsender Welt, „dass Frau Professorin Frauke Brosius-Gersdorf auch bereit wäre, sich bei der Unionsfraktion persönlich vorzustellen, um eben Zweifel auszuräumen“.

„Wenn man Kritik äußert, gerade wenn man sehr persönlich wird, ist es gut, sich in die Augen zu gucken und darüber zu reden und gegebenenfalls auch Irrtümer auszuräumen“, sagte Eichwede. Dies sei ihrer Ansicht nach auch „im Interesse der Unionsspitze“, die nach wie vor hinter dem Vorschlag stehe. Einen Termin gebe es allerdings noch nicht, so Eichwede zu Welt-TV.

Richterwahl sorgt für Konflikt: Brosius-Gersdorf zu links für die Union

Berlin – Das Ringen um die Neubesetzung dreier Richterstellen am Bundesverfassungsgericht spitzt sich zu. Teile der Unionsfraktion konnten und wollten sich einfach nicht mit der angeblich „ultralinken“ SPD-Kandidatin Frauke Brosius-Gersdorf abfinden. Der Bundestag sollte am heutigen Freitag (11. Juli) über die freiwerdende Stellen beim Bundesverfassungsgericht abstimmen.

Eine Stunde vor Beginn der Abstimmung zogen der Unionsfraktionsvorsitzende Jens Spahn und Kanzler Friedrich Merz (beide CDU) nun die Notbremse und teilten der SPD die Entscheidung mit, die Wahl von Brosius-Gersdorf abzusetzen – aber angeblich nicht aufgrund ihrer politischen Haltung, sondern wegen plötzlich am Morgen aufgetauchter Plagiatsvorwürfe. Schließlich wurde alle drei Abstimmungen von der Tagesordnung genommen – die schwarz-rote Koalition kann sich vorerst nicht auf die Wahl der drei Richterkandidaten für das Bundesverfassungsgericht verständigen.

Größter Stein des Anstoßes für die Union: Brosius-Gersdorfs Position zur Abtreibung

Brosius-Gersdorf steht für progressive Positionen zu Reproduktionsrechten, Demokratieschutz und Gleichberechtigung, weshalb sie in Teilen der Union als „linksradikale Aktivistin“ angesehen wird. Doch wie links sind ihre Positionen wirklich?

Besonders heftig umstritten sind innerhalb der Union Brosius-Gersdorfs Positionen zum Schwangerschaftsabbruch. Sie vertritt eine klare Haltung für ein Selbstbestimmungsrecht für Frauen bei der Reproduktion und will Schwangerschaftsabbrüche entkriminalisieren, Abbrüche bis zur zwölften Woche sollten stattdessen „rechtmäßig und straffrei“ sein. Als stellvertretende Koordinatorin einer von der Bundesregierung eingesetzten Expertinnenkommission zur Reform des Abtreibungsrechts vertrat sie 2024 eine sehr liberale Haltung. In ihrem Bericht argumentierte sie, es gebe „gute Gründe dafür, dass die volle Garantie der Menschenwürde erst ab der Geburt gelte“.

Worauf die Union und die Kirchen hysterisch reagieren, ist allerdings alles andere als radikal – Brosius-Gersdorfs Positionen entsprechen dem europäischen Standard.

Abtreibungsrecht in Europa
DeutschlandGrundsätzlich strafbar, straffrei unter bestimmten Bedingungen, Frist bis zur 12. Schwangerschaftswoche
FrankreichGrundrecht, Frist bis zur 14. Schwangerschaftswoche
Niederlandelegal, Frist bis zur 22. Schwangerschaftswoche
Belgienlegal, Frist bis zur 12. Schwangerschaftswoche
Schwedenlegal, Frist bis zur 18. Schwangerschaftswoche
Spanienlegal, Frist bis zur 14. Schwangerschaftswoche

Brosius-Gersdorf ist Befürworterin eines AfD-Verbots

Ein weiterer Streitpunkt ist Brosius-Gersdorfs öffentliche Unterstützung für ein Verbot der AfD. In der ZDF-Talkshow „Markus Lanz“ sprach sie sich im Juli 2024 für einen Verbotsantrag gegen die Partei aus, falls der Verfassungsschutz ausreichend Material vorlege. Ein solcher Antrag wäre „ein ganz starkes Signal unserer wehrhaften Demokratie“, argumentierte sie.

Diese Position deckt sich mit der offiziellen Linie der SPD, die auf ihrem Bundesparteitag einen Antrag beschlossen hat, ein AfD-Verbot vorzubereiten.

Positionen zu Gleichstellung, Frauenquoten und Ehegattensplitting

Auch in der Gleichstellungspolitik vertritt Brosius-Gersdorf progressive Positionen. So bewertet sie die aktuelle Regelung zur künstlichen Befruchtung als verfassungswidrig. Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung zur künstlichen Befruchtung erhalten derzeit nur verschiedengeschlechtliche Ehepaare. Gleichgeschlechtliche Paare, unverheiratete Paare und alleinstehende Personen sind davon ausgeschlossen.

Brosius-Gersdorf kritisierte die Ablehnung verbindlicher Frauenquoten durch den Thüringer Verfassungsgerichtshof im Jahr 2020 und meinte, ihm sei ein „schweres Abwägungsdefizit“ unterlaufen. 

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Auch das von der Union eingeführte Ehegattensplitting hält Brosius-Gersdorf für verfassungswidrig. Es verstoße „gegen das Diskriminierungsverbot“ des Grundgesetzes. Auch die beitragsfreie Mitversicherung von Ehegatten in der Kranken- und Pflegeversicherung sei verfassungswidrig. Sie kollidiere mit dem Gebot, Geschlechternachteile zu beseitigen, „weil von ihr Anreize für die Nichterwerbstätigkeit der Frau ausgehen“.

Aber auch hier sind ihre Positionen nicht wirklich „ultralinks“, wie es in der Unionsfraktion heißt, sondern spiegeln moderne verfassungsrechtliche Diskurse wider.

Corona-Politik: Impfpflicht und Sanktionen

Auch ihre Haltung während der Corona-Pandemie sorgt für Diskussionen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Leipziger Rechtsprofessor Hubertus Gersdorf, verfasste sie im November 2021 eine Stellungnahme, in der sie sich vehement für eine allgemeine Impfpflicht aussprach. Als Strafmaßnahmen gegen Impfverweigerer empfahl das Ehepaar unter anderem den Wegfall der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Diese Position brachte ihr den Vorwurf ein, zu weit in die Grundrechte eingreifen zu wollen. CDU-Bundestagsabgeordnete Saskia Ludwig kommentierte das Papier auf X mit nur einem Wort: „unwählbar“.

Brosius-Gersdorf als neue Verfassungsrichterin: Wissenschaftliche Qualifikation unbestritten

Trotz aller politischen Kontroversen ist Brosius-Gersdorfs fachliche Qualifikation weitgehend unbestritten. Sie ist seit 2015 stellvertretendes Mitglied des Verfassungsgerichtshofs des Freistaates Sachsen und Mitglied der Zentralen Ethikkommission bei der Bundesärztekammer.

Sollte sie gewählt werden, würde sie als eine der jüngeren Richterinnen das Gericht für viele Jahre prägen. Ihre Positionen könnten in zukünftigen Entscheidungen zu Abtreibung, Parteiverboten und anderen gesellschaftspolitischen Fragen eine entscheidende Rolle spielen. (sot mit dpa/afp)

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