- VonChristine Dankbarschließen
Gubad Ibadoghlu sitzt in Aserbaidschan in Haft, weil er das Regime kritisiert. Der Wirtschaftsprofessor wollte für einen Gastaufenthalt an die TU Dresden.
Zhala Bayramova bringt zu dem Treffen im dem Café am Berliner Alexanderplatz einen Freund mit. Sie fühle sich so sicherer, sagt die 25-jährige Aserbaidschanerin. Bedroht fühlt sich die junge Frau nicht etwa von der Kriminalität in der deutschen Hauptstadt – sie hat Angst vor den eigenen Landsleuten. Der Geheimdienst von Ilhan Alijew habe seine Spione überall, sagt sie und holt, noch während sie sich setzt, zwei große Plastikmappen mit Unterlagen aus ihrer Tasche.
Dann redet sie eine Stunde lang fast ununterbrochen, sehr strukturiert und konzentriert. Zu jedem Sachverhalt, den sie schildert, zieht sie einen fotokopierten Artikel oder ein Dokument aus einem der beiden Ordner. Findet sie etwas nicht gleich, bittet sie den Freund, nach der Unterlage zu suchen und redet weiter. Den Kaffee, den die Bedienung vor ihr auf den Tisch stellt, rührt sie kaum an.
Die junge Frau hat keine Zeit für Kaffeetrinken oder Small Talk. Sie kämpft darum, ihren schwer kranken Vater aus dem Gefängnis zu befreien. Ihr Vater, das ist der renommierte Wirtschaftsprofessor Gubad Ibadoghlu. Nach Gastaufenthalten in den USA und an der London School of Economics sollte er seit vergangenem Oktober an der Technischen Universität Dresden forschen. Doch dort kam er nie an.
Aus dem Auto gezogen und verschleppt
„Er hat meine Oma in Baku besucht, weil sie krank war“, sagt Zhala Bayramova. Dort sei er am 23. Juli 2023 in einen Autounfall verwickelt worden. Mehrere Wagen hätten einen Auffahrunfall provoziert und ihr Vater sei dann von Unbekannten aus dem Auto gezogen worden. „Meine Oma hat mit im Auto gesessen und geschrien“, erzählt Zhala Bayramova. Ihre Großmutter sei von den unbekannten Männern geschlagen worden, die dann den Vater verschleppt hätten.
Es gibt noch ein letztes verschwommenes Foto von ihm, das Zhala ebenfalls aus dem Plastikordner zieht und auf den Tisch legt. Es zeigt Professor Ibadoghlu in einem Gebäude in Baku, das der Geheimdienst nutzt. „Wir haben sofort sein Handy getrackt, als wir von dem Unfall gehört haben“, sagt sie. So sei der Schnappschuss durch ein Fenster gelungen. Das verschwommene Foto zeigt Gubad Ibadoghlu, wie ihn mehrere Männer festhalten. Offenbar wird ihm gerade eine schwarze Kapuze über den Kopf gezogen.
Autokrat Ilhan Alijew wird vom Westen umworben
Dass Gubad Ibadoghlu ins Visier des aserbaidschanischen Geheimdienstes geriet, hat direkt mit seinem Forschungsgebiet zu tun: Seit Jahren befasst sich der Wirtschaftswissenschaftler mit den wirtschaftlichen Verhältnissen in den Ländern des Kaukasus, der Korruption in Aserbaidschan und anderen postsowjetischen Ländern. Und er veröffentlichte seine Erkenntnisse, schrieb Artikel über mangelnde wirtschaftliche Transparenz und darüber, wie der Ölreichtum gelenkt und die Demokratie in der Region behindert wird.
Damit legte er sich gewissermaßen mit Aserbaidschans Präsident Ilhan Alijew persönlich an, dessen Familie sich durch ihre Beziehungen zu den staatlichen Öl- und Gas-Unternehmen bereichert hat. Dazu muss man wissen, dass Aserbeidschan ein wichtiger Rohstofflieferant für die Länder der Europäischen Union ist – der nach dem russischen Überfall auf die Ukraine noch wichtiger wurde. Der Autokrat Alijew wird daher vom Westen entsprechend umworben.
Umgekehrt gilt das aber auch: So gibt es mittlerweile zahlreiche Beweise dafür, dass Aserbaidschan westliche Abgeordnete im großen Stil bestochen hat. Auch deutsche Bundestagsabgeordnete. Die bestätigten dann bei Wahlbeobachtungen prompt, aber wahrheitswidrig, dass alles korrekt abgelaufen sei.
Aserbaidschan: Mit Lobbyarbeit zurück auf europäische Bühne
Allerdings hat das Regime jüngst herbe diplomatische Rückschläge hinnehmen müssen. So wurde das Land von der Parlamentarischen Versammlung des Europarates ausgeschlossen. Einer, der sich seit Jahren kritisch mit dem Regime befasst, ist der SPD-Bundestagsabgeordnete Frank Schwabe.
Er registriert, dass Alijew viel Lobbyarbeit in die Rückkehr auf die europäische politische Bühne steckt. Vom angedrohten Austritt aus dem Europarat sei keine Rede mehr, so Schwabe. Im Gegenteil. „Aserbaidschan zieht alle diplomatischen Register, um so schnell wie möglich wieder seine Abgeordneten in die Parlamentarische Versammlung entsenden zu können“, sagt er. Die Lage in Aserbaidschan sei seit Januar aber nochmals deutlich schlechter geworden. „Die Freilassung politischer Gefangener wäre ein Zeichen in die richtige Richtung, das der Europarat würdigen könnte. Aber danach sieht es leider nicht aus.“
Gubad Ibadoghlu: Kein Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten
Das hat auch Zhala Bayramova erfahren müssen. Ihr Vater habe seit seiner Verhaftung keinen Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten, erzählt sie in Berlin. Er habe nicht einmal sauberes Trinkwasser. Ihre Stimme gerät ein bisschen ins Wanken. Sie reißt sich aber sofort zusammen und kramt weitere Unterlagen aus dem Ordner. Kontakt habe sie derzeit keinen zu ihm, erzählt sie dabei.
Die Familie habe ihn nur einmal besuchen können. Auch die Anwälte könnten ihn nur eingeschränkt sprechen. „Wir haben versucht, dass er wenigstens einen Stock bekommt, weil er nicht richtig laufen kann“, erzählt die Tochter. Aber auch das sei vergeblich gewesen.
Ibadoghlu wird im Untersuchungsgefängnis Kurdekhani in der Nähe der Hauptstadt Baku gefangen gehalten. Dort soll er sich eine knapp 20 Quadratmeter große Zelle mit fünf weiteren Häftlingen teilen. Zhala Bayramova hält jetzt das Gutachten in der Hand, das auch dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte vorgelegt wurde.
Social-Media-Accounts gehackt
Sie selbst hat vor drei Jahren das Land verlassen müssen, nachdem auch sie ins Visier des Geheimdienstes geraten und von Unbekannten zusammengeschlagen worden war. Eine berufliche Zukunft hatte die Juristin in der Heimat ohnehin nicht. „Ich habe dort noch nicht mal ein unbezahltes Praktikum bekommen“, sagt sie. Ihre Social-Media-Accounts wurden gehackt. Auch dazu legt sie Fotokopien auf den Tisch. Sie zeigen die Veröffentlichung ihrer privaten Aufnahmen auf einer Website. Auf einem trägt sie eine Regenbogenfahne um die Schultern. Sie ist auf der Website extra kenntlich gemacht. Unnötig zu erwähnen, dass Aserbaidschan ein LGBTQ-feindliches Land ist.
Mittlerweile lebt sie in Schweden, wohin inzwischen auch ihre Großmutter ausgereist ist. Sicher fühlen sie sich nirgends so richtig. Alijew habe seine Spione überall. So sei das Zimmer im Studentenwohnheim ihres Bruders durchwühlt worden, sagt sie und zeigt auch hier Fotos, die sie auf dem Handy hat. Gestohlen worden sei nichts, die Zimmer der anderen Bewohner blieben unversehrt.
Es hat bisher viele Bestrebungen gegeben, die Freilassung von Gubad Ibadoghlu zu erwirken: Es gibt medizinische Gutachten, die belegen, dass er dringend ärztliche Hilfe braucht. Eine Resolution des Europäischen Parlaments fordert seine Freilassung. Die TU Dresden hat eine Petition zur Freilassung gestartet. An diesem Montagabend war in Dresden eine Diskussionsveranstaltung zum Thema geplant. Auch Zhala Bayramova wollte dabei sein. „Wir geben nicht auf“, sagt sie.
