VonKarsten-Dirk Hinzmannschließen
Die russische Armee blutet aus: Soldaten fliehen und verletzen dabei sogar ihre Kommandeure. Die Krim wird zum Brennpunkt.
Moskau – Kein Krieg ohne individuellen Gehorsam: Wladimir Putins Invasionsstreitkräfte verlieren an Kraft. Immer mehr Männer kehren Russland den Rücken zu – aktuell auch auf der Krim: Mehrere Soldaten der 20. motorisierten Schützendivision, die zur 8. Armee im Süden Russlands gehört, sollen nun desertiert sein und dabei ihren stellvertretenden Regimentskommandeur so schwer verletzt haben, dass er kurz darauf starb. Dies berichten mehrere unabhängige Medien, die sich auf den ukrainischen Geheimdienst berufen, ohne weitere Details zu nennen. Die 20. motorisierte Schützendivision ist auf der besetzten Krim stationiert.
Desertion scheint in Wladimir Putins Invasionsarmee zur Normalität zu werden. Dies könnte mit den Erfolgen der Gegenoffensive im Ukraine-Krieg zusammenhängen, aber sicherlich auch mit der geringen Wertschätzung, die Russland seinen Soldaten entgegenbringt, wie Christian Göbel vermutet. Im Bundeswehr-Podcast „Nachgefragt“ äußerte der Oberstleutnant der Reserve am Zentrum für Militärgeschichte: „In Russland gibt es leider noch immer zum Beispiel die sogenannte ,Dedowtschina‘ (‚Herrschaft der Großväter‘), die bezeichnet die extreme Schikane von jüngeren durch ältere Soldaten; Offiziere misshandeln zudem Untergebene, es gibt Gewaltregime generell oder Soldatenmisshandlung untereinander; Kadavergehorsam soll eingeprügelt werden.“
In diesem Kontext zitiert Göbel den ehemaligen russischen Reserveoffizier und jetzigen Autor Michail Schischkin: „Die russische Armee war und bleibt eine ‚Schule der Sklaven‘, in der ältere Soldaten praktisch unbeschränkte Macht über neue ‚Rekruten haben“, so Schischkin.
Gegenoffensive zeigt Effekt: 100 Urteile in Russland pro Woche
Laut Newsweek hätten die Soldaten auf der Krim im Zuge eines befohlenen Angriffs ihre Uniformen gegen Zivilkleidung getauscht und ihre Basis im Simferopol-Distrikt verlassen, um in die benachbarte russische Region Krasnodar zu fliehen. In dieser Region leben mehr als fünf Millionen Menschen - möglicherweise genug, um unterzutauchen. Viele Deserteure fliehen auch in die ehemaligen Sowjetrepubliken Armenien und Kasachstan. Das Exilmedium Meduza berichtete, dass seit März 2023 wöchentlich 100 Urteile gegen russische Soldaten von der russischen Militärjustiz verhängt werden - in den meisten Fällen wegen unerlaubter Entfernung von der Truppe, umgangssprachlich Desertion oder Fahnenflucht. Einige Urteile führten zur Bewährung und Rückkehr an die Front, andere zu Haftstrafen.
Nach dem im September 2022 in Russland verschärften Gesetz drohen bei Desertion bis zu 15 Jahre Haft, bei freiwilliger Gefangennahme durch den Feind zehn Jahre. „Verrat ist das schwerste Verbrechen, und Verräter müssen bestraft werden“, sagte Russlands Präsident Wladimir Putin bereits 2019 nach dem Giftanschlag auf den russischen Oppositionellen Sergej Skripal. Das Menschenbild in Russland steht im klaren Gegensatz zum europäischen – das wurde vor allem in den Kriegen Russlands deutlich und ist jetzt überaus offensichtlich: Der deutsche Thinktank Stiftung Wissenschaft und Politik hatte den Ukraine-Konflikt kurz nach seinem Ausbruch als Stresstest für die Legitimität des Regimes bezeichnet. Seine Prophezeiungen sind eingetroffen.
Traditionelle Fahnenflucht: Ein Problem für Russlands Militär
Trotzdem scheint Wladimir Putins autoritäres Regime bisher unerschüttert, und sein Volk scheint ihn zu unterstützen. Daher ist der Exodus der eigenen Streitkräfte eine Herausforderung: Ende des letzten Jahres, also noch vor dem Ende des ersten Kriegsjahres, berichtete das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) unter Bezugnahme auf die kasachische Migrationsbehörde von 100.000 ausgewanderten wehrpflichtigen russischen Männern.
Die Desertion von der roten Fahne scheint eine gewisse Tradition zu haben; der Mitteldeutsche Rundfunk berichtete über die Verzweiflung der in der ehemaligen DDR stationierten „Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland“ (GSSD): „Aus purer Verzweiflung entschlossen sich deshalb rund 400 bis 500 Soldaten jährlich zur Flucht – ein fast aussichtsloses Unterfangen. Ihre Hoffnung, es irgendwie in ihre Heimatländer zu schaffen, war trügerisch: Sie wurden entweder von den eigenen Leuten erwischt oder von der Volkspolizei aufgegriffen. Danach wurde in der Regel mit den eingefangenen Deserteuren kurzer Prozess gemacht: hohe Haftstrafen, Prügel bis zum Umfallen, Arbeitslager, Todesstrafe.“
Putins Vergeltung gegen Deserteure – Deutschland bietet Schutz
Im Gegensatz zu russischen Kriegsdienstverweigerern erhalten russische Deserteure in Deutschland Asyl, wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland unter Bezugnahme auf das Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge (Bamf) berichtet. Nach der aktualisierten Entscheidungspraxis nach Kriegsausbruch in Bezug auf die Situation in Russland gilt: „Deserteure dürften weiterhin regelmäßig internationalen Schutz erhalten. Personen, die in die Armee eingezogen werden sollen und den Dienst verweigern, erhalten internationalen Schutz, sofern die Voraussetzungen hierfür vorliegen. Dies sind insbesondere Verfolgungshandlungen in Verbindung mit einem Verfolgungsgrund. Bei dieser Personengruppe dürften diese Voraussetzungen jedoch seltener vorliegen als bei Deserteuren.“ Das Bundesinnenministerium hatte kurz nach Beginn der Invasion den Status für Asylsuchende festgelegt: „Da bereits die Bezeichnung ‚Krieg‘, bezogen auf den Angriff auf die Ukraine, in der Russischen Föderation als oppositionelle politische Darstellung geahndet werden kann, kann eine Desertion – als aktives Bekunden gegen die Kriegsführung – als Ausdruck einer oppositionellen Überzeugung gewertet werden.“
Auch der Schriftsteller Elias Canetti sah die Desertion als einzige Möglichkeit für das Individuum, ein persönliches Statement gegen den Krieg abzugeben: Gerade im Krieg ist das Militär auf Gehorsam angewiesen und fürchtet daher die Macht des individuellen Neins. Wie das Nein des russischen Fallschirmjägers Pawel Filatiew, dessen Tagebuch der britische Guardian zitiert – stellvertretend für die kritischen Stimmen vieler russischer Soldaten, die bereits etwa ein halbes Jahr nach dem Angriff laut wurden: „Unsere Vorfahren haben der Freiheit zuliebe so viel Blut vergossen. Ethisch wäre alles leichter zu ertragen, wenn die Ukraine uns angegriffen hätte, aber die Wahrheit ist, dass wir in die Ukraine eingedrungen sind, ohne dass uns jemand dazu aufgefordert hätte. Auch wenn es nichts ändern wird, will ich diesen Wahnsinn nicht länger unterstützen.“ (Karsten Hinzmann)
Für diesen von der Redaktion geschriebenen Artikel wurde maschinelle Unterstützung genutzt. Der Artikel wurde vor Veröffentlichung von Redakteur Christian Stör sorgfältig überprüft.
