Ungeschützt vor eigenen Abwehr-Raketen: Der Absturz eines F-16-Kampfjets soll durch Patriot-Raketen verursacht worden sein. Der Grund dafür könnte darin liegen, dass die USA der Ukraine einen Nato-Kommunikationsschlüssel verweigert hat.
Die Erklärung für den F-16-Absturz über der Ukraine ist wohl gefunden. Die Schuld tragen anscheinend Nato und USA: Ein Datenlink hat vermutlich gefehlt.
Kiew – Je mehr Situationsbewusstsein sie haben, desto besser“, sagte Oleksiy Mes. Der als „Moonfish“ bekannte F-16-Pilot hatte sich gegenüber dem Wall Street Journal (WSJ) dezidiert geäußert, dass die bis zu 75 Millionen Dollar teuren westlichen Kampfjets nicht nur individuell von jedem einzelnen Piloten zu beherrschen wären, sondern auch in den Verbund der ukrainischen Luftabwehr gegen Wladimir Putins Invasionstruppen zu integrieren seien. Was in seinem Fall offenbar gescheitert ist. Der Pilot ist eines der prominentesten Opfer des Ukraine-Krieges. Das Wall Street Journal will jetzt den Grund für „Moonfishs“ Tod kennen.
„Sie müssen sich auf eine bestimmte Mission vorbereiten, wissen, wo die Bedrohungen lauern, wissen, wie sie und Ihre Kameraden, Ihre Gruppe, in einem bestimmten Szenario agieren werden“, soll „Moonfish“ der WSJ-Autorin Jillian Kay Melchior gesagt haben – im Oktober 2023 – der Oberstleutnant der Luftwaffe der Ukraine war gerade von der Ausbildung in Dänemark zurückgekehrt. Nicht einmal ein Jahr später war Oleksiy Mes tot.
Absturz im Ukraine-Krieg: Der Verdacht auf „friendly fire“ entstand schnell
„Die F-16 ist ein Schweizer Taschenmesser“, hatte Mes während eines Trainings mit dem Kampfflugzeug im Herbst 2022 noch geflachst. Die F-16 stürzte eventuell während eines groß angelegten russischen Luftangriffs ab – wurde zumindest zuerst vermutet; oder fiel aufgrund von Eigenbeschuss vom Himmel; eventuell auch durch einen Pilotenfehler. Darüber verwehrt die Ukraine bis heute jegliche Auskunft. Fakt ist, dass die Diskussion um den Sinn der Flugzeuglieferungen schwelt, seit die F-16 für die Ukraine im Gespräch sind. Anzunehmen ist auch, dass die Ukraine einen triumphalen Schlag durch die westlichen Kampfjets medial ausschlachten würde. Der Rückschlag war heftig für die Moral der kämpfenden Ukrainer.
„Wir haben die Ukraine ausreichend unterstützt, um den Krieg am Laufen zu halten, aber nicht ausreichend, um den Krieg zu gewinnen.“
WSJ-Autorin Jillian Kay Melchior stützt sich in ihrer Annahme, der Grund des Absturzes sei in den eigenen Reihen der ukrainischen Luftabwehr zu suchen auf „Link 16“ – beziehungsweise auf dessen Fehlen in der ukrainischen Luftverteidigung. „Link 16“ ist innerhalb der Nato ein Taktischer Datenlink (Englisch: Tactical Data Link – TDL) über den digitale Daten mittels Funk oder Kabel entsprechend den Nato-Kommunikations-Standards ausgetauscht werden. Nato-Einheiten können dadurch mit geringer Zeitverzögerung ihre jeweiligen Lageinformationen übermitteln und miteinander koordinieren. Das gilt für einzelne Flugzeuge genauso wie für größere Verbände. „Link 16“ übernimmt wiederum die zeitliche Koordination der zu sendenden Daten. Damit können eben auch sowohl die Luftverteidigung sowie die Luftkriegsführung koordiniert werden.
Angst der USA vor Putin: Das habe letztendlich „Moonfish“ das Leben gekostet
„Link 16“ soll damit ermöglichen, dass jedes Element über jedes Element in der zueinanderghörenden Aufgabe, beispielsweise in der Luftverteidigung, quasi in Echtzeit informiert ist. Allerdings soll die Ukraine kein „Link 16“ gehabt haben, legt das WSJ nahe: Die Patriot-Batterien der Ukraine seien also ahnungslos gewesen, dass eine F-16 ihrer eigenen Luftwaffe in der Luft gewesen ist. Die ersten Patriot-Raketensysteme sollen seit Mitte 2023 an der Front stationiert sein – allerdings ohne „Link 16“. Das behauptet jedenfalls Daria Kaleniuk gegenüber dem WSJ. Sie wurden „von den Patriots, die in die Ukraine geschickt wurden, abgezogen, weil niemand in naher Zukunft geplant oder vorhergesehen hatte, dass die Ukraine F-16 erhalten würde“, sagt die Mitbegründerin der von Polen aus arbeitenden Nichregierungsorganisation Internationales Zentrums für den ukrainischen Sieg.
Ihren Informationen zufolge sollte das behoben werden, sei aber bisher immer noch ausgeblieben – eine Behauptung, die allerdings nicht verifiziert ist. Das habe letztendlich „Moonfish“ das Leben gekostet, impliziert Kaleniuk mit ihrer Vermutung gegenüber dem Wall Street Journal. Eine Behauptung, die der ehemalige Verteidigungsminister Andrij Sahorodnjuk bestätigt habe, so das WSJ, „ebenso wie andere, die unter der Bedingung der Anonymität sprechen“. Kaleniuk hatte sich mit ihrer NGO für die Lieferung des F-16-Kampfjets in die Ukraine stark gemacht, aber nicht geahnt, dass die Waffe mit der bis dahin bestehenden ukrainischen Luftabwehr inkompatibel gewesen sei.
Fehlen des „Link 16“: Russland schreckte die USA von einer mutigen Unterstützung der Ukraine ab
Laut dem WSJ ist das auch eine Information, über die die ukrainischen Offiziellen auch lieber schweigen, weil das den Russen in die Karten spielen könnte. Bis heute ist ebenfalls geheim, wo genau „Moofish“ vom Himmel gefallen ist. Jillian Kay Melchior vermutet, dass ähnliche Gründe dazu geführt hätten, wie die Weigerung von Bundeskanzler Olaf Scholz(SPD) deutsche Taurus-Marschflugkörper in die Ukraine zu liefern. Auch die Regierung des damaligen US-PräsidentenJoe Biden hätte blockiert, „Link 16“ in die Hände der Ukraine zu geben: „Russland schreckte die USA von einer mutigen Unterstützung der Ukraine ab, indem es ihnen Angst vor Moskaus Reaktion auf eine wahrgenommene Eskalation machte. Infolgedessen zögerten die USA, Waffen, Fähigkeiten und Genehmigungen bereitzustellen.“
Genauso wie das Verbot, mit weitreichenden Waffen der USA russisches Kernland anzugreifen, hätte auch das Fehlen von „Link 16“ ukrainische Leben gekostet. Beispielsweise das von Oberstleutnant Oleksiy Mes. Einen Hinweis auf die Stichhaltigkeit des Arguments lieferte das Magazin Intelligence Online, das im Oktober vergangenen Jahres berichtete, dass im Nato-Hauptquartier in Brüssel zu der Zeit „zähe Verhandlungen“ stattgefunden hätten zwischen der Ukraine und der Allianz über die Freigabe von „Link 16“.
Putins Vorteil: eine hin und her schwankende Politik der USA unter den Demokraten
Auch Army Recognition berichtete im Oktober von dem Hü und Hott zwischen Experten mit militärischem Hintergrund und der Regierung unter Joe Biden. Demnach habe das US-Militärkommando in Europa explizit empfohlen, „Link 16“ an die Ukraine weiterzugeben, was „Kommunikation und Koordination zwischen den ukrainischen Streitkräften verbessern und so eine effektivere militärische Reaktion auf russische Operationen ermöglichen könnte“, wie das Magazin geschrieben hat. „Insbesondere würde „Link 16“ der Ukraine ermöglichen, von einem interoperablen Kommunikationsnetzwerk zwischen verschiedenen Kampfsystemen zu profitieren und so die Kommando- und Kontrollfähigkeiten zu verbessern.“
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Laut dem Magazin hätten allerdings Regierungsvertreter Angst davor gehabt, Nato-Wissen würde in russische Hände fallen – auch hier ähnelt die US-amerikanische Politik der bisher in der deutschen Regierung vorherrschenden Haltung. „Moonfish“ ist demnach Opfer geworden nicht des eigenen Beschusses, sondern einer hin und her schwankenden Politik der USA unter den Demokraten. Ob die USA beziehungsweise die Nato „Link 16“ inzwischen freigegeben haben, darf getrost bezweifelt werden. Kritiker monieren weiterhin, dass Russlands Diktator weiterhin an der langen Leine agieren darf – aufgrund westlichen Wohlwollens. Vor allem das habe zu einem Verlust von Menschenleben ohne erkennbaren Grund geführt, wie Jeet Heer im Magazin The Nation notiert hat. Oder wie Megan Stack in der New York Times kommentierte:
„Wir haben die Ukraine ausreichend unterstützt, um den Krieg am Laufen zu halten, aber nicht ausreichend, um den Krieg zu gewinnen.“