VonJana Stäbenerschließen
Wie ist das eigentlich, Menschen vor dem Ertrinken zu retten? Und was nervt daran? Ein Wachführer bei der DLRG packt aus.
Seit 21. Juni 2023 ist es offiziell: Der Sommer ist da. Und mit ihm kommt die Badezeit, denn bei Temperaturen um die 35 Grad zieht es viele Menschen geradezu ans kühle Nass. Einer von ihnen ist Lukas Frehse. Der 25-Jährige war schon als Kind eine kleine Wasserratte – heute ist er Wachführer bei der Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) und leitet ein Team von über 60 Rettungsschwimmer:innen an der Ostsee.
Im Gespräch mit BuzzFeed News Deutschland verrät er, was das Schönste und Schlimmste am Rettungsschwimmer-Dasein ist – und gibt fünf Tipps für den perfekten Badetag.
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DLRG-Rettungsschwimmer im Sommer und Polizist im Winter
Lukas Frehse kommt eigentlich aus Hamburg und arbeitet dort auch unter dem Jahr als Polizist. Rettungsschwimmer ist er „nur“ ehrenamtlich, erzählt er uns. Im Sommer verbringt er mehrere Wochen seines Jahresurlaubs am Timmendorfer Strand in Scharbeutz, um für die DLRG zu arbeiten. „Was sagen Freunde und Familie, wenn dein Sommerurlaub immer dafür draufgeht?“, fragen wir ihn.
Er lacht und beruhigt uns, dass er quasi mit der DLRG aufgewachsen sei. Seit 2004 ist Frehse nun schon bei der DLRG – vom Seepferdchen bis zum Wachführer. „Meine Mutter hat mich immer zum Schwimmunterricht gefahren, die versteht das“, sagt er.
Viele seiner Freunde seien auch bei der DLRG, deswegen störe es die natürlich auch nicht. Auch Arbeitskolleg:innen bei der Polizei fänden es „cool“, dass ihnen ein Rettungsschwimmer auf der Arbeit entsprechende Kurse geben könne. Aber klar, meint Frehse: „Der Job ist schon anstrengend. Man muss es wirklich mit Herzblut machen.“
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„Manchmal frage ich mich, warum Menschen so sind, wie sie sind“
Als BuzzFeed News Deutschland ihn fragt, was er an seiner Arbeit am meisten liebt, muss er nicht lange überlegen. „Am besten ist das Teamgefühl“, sagt Frehse. Er und die anderen Rettungsschwimmer:innen, die jeden Sommer am Timmendorfer Strand arbeiteten, seien eine „eingeschweißte Truppe“.
Was er am Rettungsschwimmer-Dasein nicht so möge, sei hingegen schwieriger in Worte zu fassen. Eigentlich gebe es nie Momente, in denen er seine Arbeit infrage stelle. Nur eine Sache störe ihn: „Manchmal frage ich mich, warum Menschen so sind, wie sie sind.“ Zum Beispiel dann, wenn sie sich partout nicht an das Badeverbot halten.
„Wenn ich Leute beispielsweise bei roter Flagge auffordere, aus dem Wasser zu kommen, kriege ich oft nur Unverständnis ab“, sagt der Hamburger. Dabei ist es lebenswichtig, sich an die Flaggen zu halten. Erst letztens habe es einen größeren Einsatz am Timmendorfer Strand gegeben, bei dem mehrere Mitglieder einer Familie in Not geraten sind, weil sie das Badeverbot missachteten.
- Rot-gelbe Flagge: Die Rettungsschwimmer:innen sind da und passen auf.
- Gelbe Flagge: Weist auf Gefahren hin wie gefährliche Winde, Strömungen, Brandungen, Blaualgen oder Quallen.
- Rote Flagge: Absolutes Badeverbot. Baden bei dieser Flagge ist gesundheitsschädlich bis tödlich. Hier sollte man sich wirklich an die Expertise der DLRG halten, sagt der Rettungsschwimmer. Sie seien immer mit der Gemeinde in Absprache und teste selbst die Unterströmung. Liegt die bei drei, ist sie so stark, dass man sich nicht mehr mit Schwimmbewegungen auf der Stelle halten könne.
- Flaggen am Strand: Markieren den Abschnitt, der besonders von den Rettungsschwimmer:innen überwacht wird. In diesem Abschnitt sind Retter:innen innerhalb von 90 Sekunden an der Unfallstelle. Auch die Zone außerhalb dieser Flaggen (Beach Flags) überwachen sie – nur können sie da nicht garantieren, schnell da zu sein.
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„Was Wasserrettungen anbelangt, haben wir extreme Wochen hinter uns“
An den Tagen vor diesem Zwischenfall habe es einen starken aufländigen Wind gegeben, wodurch sich eine Brandung gebildet habe. „Die Wassermassen, die an Land gedrückt werden, bilden eine Unterströmung, also einen Sog, der einen hinaus aufs Meer zieht“, erklärt Frehse. Dazu komme eine Rippströmung zwischen Sandbänken, die man aber nicht sehen könne, ergänzt der Wachführer. „Was Wasserrettungen anbelangt, haben wir extreme Wochen hinter uns.“
Diese Strömungen brachten die Familienmitglieder in Gefahr. Als das DLRG-Team von Frehse die Menschen aus dem Wasser retten wollte, standen ihnen jedoch die Angehörigen im Weg. „Sie gingen massiv auf uns Einsatzkräfte los und haben Sachen wie: „Mein Mann zuerst“ geschrien oder hielten sich am Boot fest.“ Weil da dann zusätzlich noch Schaulustige dazu kamen, musste an diesem Tag die Polizei anrücken.
„Wenn Familienangehörige in Panik geraten und zu nahe herankommen, kann ich das ja gut verstehen. Aber wenn da noch Unbeteiligte dazukommen, dann wird es wirklich schwierig“, erklärt der junge DLRGler. Selbst wenn sich nur eine Person verletzt habe und der Strand voll sei, käme man mit dem Einsatzfahrzeug kaum durch die „Menschenmassen“, die sich bei Badeunfällen bildeten.
7 Tipps eines DLRG-Rettungsschwimmers für den perfekten Badetag
Deswegen formuliert er sein größtes Anliegen: Bitte nicht gaffen! Doch das ist nicht alles. Der DLG-Wachführer gibt im Gespräch mit BuzzFeed News Deutschland sieben Tipps, mit denen dem perfekten Badetag am See, Meer oder Freibad (denn Sommerurlaub wird dieses Jahr teurer, hier Tipps, was du dagegen tun kannst) wirklich nichts mehr im Wege steht.
- Immer auf die Flagge achten. Dafür gebe es wirklich immer einen Grund. Wenn man diesen nicht verstehe, könne man jederzeit zum Wachturm kommen, und die Rettungsschwimmer:innen fragen, so Frehse.
- Bei Badeunfällen nicht gaffen, damit die Rettungsschwimmer:innen ihre Arbeit machen können. Am besten gar nicht erst in die Nähe der Unfallstelle kommen.
- Nicht von Seebrücken oder Stegen springen, die dafür nicht explizit zugelassen sind. Am Timmendorfer Strand habe es bei den Seebrücken gerade einmal drei Meter Wassertiefe. „Vor paar Jahren ist da einer heruntergesprungen, und hat eine Querschnittslähmung erlitten.“
- Eltern oder Personen mit jüngeren Geschwisten sollten diese immer im Blick behalten. Wenn der Strand voll sei, suche die DLRG häufig nach vermissten Kleinkindern. Das könnte vermieden werden, wenn man diese immer an die Hand nehme beziehungsweise in Greifweite zu ihnen stehe, so Frehse. Gerade wenn eine Welle kommt, könnten diese sich kaum selbst auf den Beinen halten.
- Müll mitnehmen! Einfach ein wenig darauf achten, dass der Strand oder die Wiese nicht komplett zugemüllt ist, wenn die nächsten kommen.
- Immer genug vor Sonnenstrahlung schützen: sowohl mit Sonnencreme, die es in den Niederlanden jetzt übrigens kostenlos gibt, als auch mit genug zu trinken. Außerdem sollte man am besten auf Alkohol verzichten, denn der dehydriere zusätzlich.
- Nicht von Luftmatratzen oder Booten aufgeheizt sofort ins Wasser springen. Wenn man so warm sei, seien die Blutgefäße weit geöffnet. Der Sprung ins kalte Wasser sei dann ein zu großer Temperaturunterschied und könne zu einem Kälteschock (Bewusstlosigkeit) führen. Und die sei im Wasser nicht so gut – deswegen lieber langsam hereingehen.
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