Zoff um Berlins Turbo-Verfahren

Dobrindt bemängelt Berlins digitale Einbürgerung: „Kann mir das schwer vorstellen“

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Die digitale Einbürgerung in Berlin erzielt Rekordzahlen. Innenminister Alexander Dobrindt stellt die Rechtssicherheit infrage.

Berlin – Die geplante Rekordzahl von 40.000 Einbürgerungen in der Hauptstadt sorgt für massive Kritik auf Bundesebene. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hat dem Berliner Landesamt für Einwanderung (LEA) einen zu laxen Umgang mit Einbürgerungen vorgeworfen. Anlass ist insbesondere das vollständig digitalisierte Verfahren, das ohne persönliche Vorsprache der Antragsteller auskommt.

CSU-Minister Dobrindt attackiert Berliner Migrationspolitik

Dobrindt stellte gegenüber der Bild-Zeitung klar: „Die Genauigkeit der Prüfung kann dabei der einzige Maßstab sein und nicht eine vermeintliche Quotenerreichung.“ Der Innenminister betonte: „Eine Einbürgerung setzt voraus, dass der Antragsteller sich zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung bekennt und erklärt, dass er keine verfassungsfeindlichen Bestrebungen verfolgt. Jeder Antragsteller muss sich zur besonderen historischen Verantwortung insbesondere für den Schutz jüdischen Lebens bekennen. Ich kann mir schlecht vorstellen, dass das ohne persönliche Vorsprache funktioniert.“

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Das Berliner Landesamt für Einwanderung verfolgt das Ziel, im Jahr 2025 insgesamt 40.000 Ausländer einzubürgern. Diese Verdopplung gegenüber dem Vorjahr wird maßgeblich durch ein digitalisiertes Verfahren ermöglicht: Die Antragsteller müssen nicht mehr persönlich erscheinen, sondern werden ausschließlich digital erfasst – erst zur Aushändigung der Einbürgerungsurkunde ist ein Termin vor Ort nötig.

Dobrindt bemängelt Turbo-Einbürgerung in Berlin: Digitalisierung statt Kontrolle?

LEA-Chef Engelhard Mazanke weist Vorwürfe, durch das beschleunigte Verfahren könnten rechtswidrige Pässe erteilt werden, gemäß Bild zurück: „Die Vorgabe 40.000 ist meine Management-Entscheidung, denn wir haben in Berlin 40.000 offene Einbürgerungsanträge der Bezirke.“ Das Ziel sei es, die hohe Zahl offener Anträge effizient zu bearbeiten.

Dennoch wird aus Behördenkreisen berichtet, dass auf Mitarbeitende hoher Druck ausgeübt werde, die Vorgaben zu erfüllen. „Wir müssen hohe Zahlen bei der Einbürgerung produzieren“, sagte ein LEA-Mitarbeiter anonym der Bild. Wer acht Einbürgerungen pro Woche schafft, dürfe ins Homeoffice – die Behörde bestreitet dies offiziell jedoch nur halbherzig.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt drängt auf strengere Kontrollen und Rückführungen – und kritisiert zugleich Berlins digitalisierte Einbürgerungsverfahren.

Massive Kritik aus Union und von Experten am Berliner Landesamt für Einwanderung (LEA)

Die Union und insbesondere Innenpolitiker der CDU/CSU werfen Berlin vor, durch die Digitalisierung der Einbürgerung das Verfahren zu „entkernen“. CSU-Innenexperte Thomas Silberhorn kritisiert ebenfalls in der Bild: „Der Bundestag wird im Herbst die Turbo-Einbürgerung abschaffen. Dass in Berlin diese Verfahren jetzt noch beschleunigt werden, untergräbt die laufende Gesetzgebung. Inakzeptabel!“ Auch Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) nennt das Vorgehen „absurd“: „Die Einbürgerung muss von klaren Voraussetzungen und nicht von irgendwelchen Planvorgaben abhängen.“

Selbst innerhalb der Behörde wird die Qualität der Verfahren in Zweifel gezogen. So berichtet ein Mitarbeiter, die Überprüfung der Deutschkenntnisse finde oft nicht ausreichend statt. Im krassesten Fall habe er die Übergabe der Urkunde verweigert, weil eine Kandidatin „einfach zu schlecht Deutsch sprechen konnte“. Auch das politische Bekenntnis werde lediglich als „Lippenbekenntnis und eine Unterschrift auf dem Papier“ wahrgenommen.

Herkunft der Eingebürgerten (insgesamt 291.955 Personen) 2024 in Deutschland

HerkunftslandAnteil der Eingebürgerten
Syrien28%
Türkei8%
Irak5%
Russland4%
Afghanistan3%

Quelle: Statistisches Bundesamt

SPD und Berliner Senat verteidigen Vorgehen

Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) betont hingegen, Ziel des Senats sei es, den Rückstau bei Einbürgerungen zügig und ordnungsgemäß abzubauen. Er habe von Innensenatorin Iris Spranger (SPD) die Zusicherung erhalten, heißt es in der Bild, dass „die Einbürgerungen auch beim digitalen Verfahren rechtssicher erfolgen und Missbrauch ausgeschlossen ist“. Spranger verweist auf den Koalitionsvertrag und erklärt, es gebe „keine Vorgaben, wie viele Einbürgerungen vollzogen werden sollen“. Die SPD-Fraktion nennt das digitalisierte Verfahren „bundesweit vorbildlich“.

Hintergrund der Debatte sind bundesweit stark steigende Einbürgerungszahlen. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland, wie die Berliner Morgenpost schreibt, laut Statistischem Bundesamt 291.955 Ausländer eingebürgert – ein Plus von 46 Prozent und der höchste Stand seit Einführung der Statistik im Jahr 2000. Hauptgrund war die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts, die verkürzte Einbürgerungsfristen vorsieht. 28 Prozent der neuen Staatsbürger kamen aus Syrien, gefolgt von Menschen mit türkischer, irakischer, russischer und afghanischer Staatsangehörigkeit.

Migration und Einbürgerung in Deutschland: Einzelfälle sorgen für Unsicherheit

Die Diskussion wird verschärft durch Bild-Berichte über Missstände im Berliner Einbürgerungsverfahren. So wurde jüngst die Wohnung eines LEA-Mitarbeiters wegen des Verdachts auf Bestechlichkeit und Falschbeurkundung durchsucht. Der Mitarbeiter soll eine mazedonische Familie eingebürgert haben, obwohl er nicht zuständig war.

Die Behördenleitung betont jedoch die Vorteile des digitalisierten Verfahrens und verweist auf die Möglichkeit, etwaige Fehler oder kriminelle Handlungen im Nachhinein effektiv aufzuklären. „Wie viel sicherer unser digitales Verfahren ist, haben die laufenden Ermittlungen gegen einen ehemaligen Mitarbeiter des Landesamtes für Einwanderung bewiesen“, so Mazanke.

Dobrindt drängt auf schärfere Rückführungen

Parallel zur Debatte um die Berliner Einbürgerung setzt Bundesinnenminister Alexander Dobrindt auch auf eine deutliche Verschärfung der Rückführungspolitik. Erst vergangene Woche betonte er im Rahmen des sogenannten „Zugspitz Summit on Migration“, Deutschland müsse gemeinsam mit den europäischen Nachbarstaaten die illegale Migration zurückdrängen und die Zahl der Abschiebungen erhöhen.

Dobrindt kündigte an, insbesondere irreguläre Einreisen konsequenter zu unterbinden und Asylverfahren in Drittstaaten zu prüfen. Bereits unmittelbar nach seinem Amtsantritt wurden die Grenzkontrollen verstärkt und Rückführungen, etwa nach Afghanistan, forciert. Ziel sei es laut Dobrindt, so tagesschau.de, „die migrationspolitische Isolierung Deutschlands innerhalb Europas aufzuheben“ und ein europaweit härteres Vorgehen gegen unerlaubte Einreisen zu etablieren.

Berliner Einbürgerungsoffensive: Politiker und Experten fordern Konsequenzen

Die politischen Fronten sind indes verhärtet: FDP-Fraktionschef Christian Dürr fordert Innenminister Dobrindt laut Bild zum Handeln auf, da in Berlin „ohne die vorgeschriebene Prüfung durchgewunken“ werde. Bundesinnenminister Dobrindt müsse „dem ein Ende setzen und untersuchen, ob Wegners Vorgehen überhaupt rechtens ist“. Sozialexperte Bernd Raffelhüschen fordert zudem, bei Einbürgerungen mehr auf Qualifikation und Integrationsbereitschaft zu achten: „Unser Land profitiert von Migration nur, wenn junge, tatsächlich qualifizierte Menschen kommen. Wir brauchen mehr Frauen und weniger Männer.“

Die Debatte um die Berliner Einbürgerungsoffensive dürfte damit auf Bundesebene weiter an Schärfe gewinnen – und steht beispielhaft für den Richtungsstreit in der deutschen Migrationspolitik.

Rubriklistenbild: © IMAGO / photothek

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