„Dunkle Wolken am nuklearen Horizont“: Putin will Atom-Doktrin verschärfen – Harvard-Prof besorgt
VonSören Kemnade
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Präsident Putin hält den Einsatz von Mini-Nukes für möglich. Schuld wäre laut Kreml die niedrige Hemmschwelle des Westens selbst welche zu nutzen.
Moskau – Präsident Wladimir Putin hält Russlands Einsatz von sogenannten Mini-Nukes für möglich. Grund für die erneute Drohung Moskaus ist die angeblich niedrigere Hemmschwelle westlicher Staaten bei der Nutzung von Atomwaffen. Eine Mini-Nuke (zu Deutsch: Atomwaffe mit geringer Kraft) verfügt über eine Sprengleistung unter fünf Kilotonnen. Eine Kilotonne entspricht der Explosivkraft von 1000 Tonnen TNT. Zum Vergleich: Die Hiroshima-Bombe „Little Boy“ hatte eine Sprengkraft von etwa 13 Kilotonnen.
Am Donnerstag (20. Juni) sagte der Kremlchef in Hanoi zum Abschluss seines Vietnambesuchs: „Speziell werden atomare Bomben mit geringer Sprengkraft entwickelt.“ Wie Russland laut Bericht des Focus erkannt habe, sähen westliche Mächte in der Verwendung solcher Mini-Nukes nichts Schlimmes. „Damit hängt auch meine Erklärung darüber zusammen, dass wir über mögliche Veränderungen in unserer Strategie nachdenken.“
Forscher sieht große Gefahr für einen atomaren Weltkrieg
Im Zuge des Krieges zwischen Russland und der Ukraine gab es immer wieder Drohungen aus Moskau, dass Atomwaffen eingesetzt werden könnten – wenn der Westen in den Konflikt eingreift. Die aktuelle russische Doktrin sieht vor, dass Moskau Atomwaffen nur dann einsetzen darf, wenn es zu einem nuklearen Angriff auf Russland kommt oder wenn ein Angriff mit herkömmlichen Waffen die Existenz des Landes in Gefahr bringt. Einige Hardliner forderten den Kreml auf, die Doktrin zu verschärfen. Auch, um den Westen dazu zu bringen, die Warnungen ernster zu nehmen. Weil die Definition bisher unklar sei.
In einem Artikel für das Journal „Science“ findet Matthew Bunn deutliche Worte: „Dunkle Wolken ziehen am nuklearen Horizont auf“. Bunn ist Professor für nationale Sicherheit und Außenpolitik an der Harvard University. Seiner Meinung nach besteht ein erhebliches Risiko für einen atomaren Weltkrieg. „Die Welt könnte bald zum ersten Mal seit mehr als fünf Jahrzehnten mit einem ungehemmten Rüstungswettbewerb konfrontiert sein – und zwar mit einem komplexeren Wettbewerb, an dem mehr Länder und mehr Technologien beteiligt sind.“
USA werfen Russland vor, die koreanische Halbinsel in Gefahr zu bringen
In der Zwischenzeit ist die US-Regierung besorgt über die russische Bedrohung durch die Lieferung von Waffen an Nordkorea als Reaktion auf westliche Waffenlieferungen an die Ukraine. Laut Matthew Miller, dem Sprecher des US-Außenministeriums, „würde dies die koreanische Halbinsel destabilisieren.“ Angesichts der Waffenlieferungen aus dem Westen an die Ukraine drohte der russische Präsident damit, Nordkorea Präzisionswaffen auszuliefern. Obwohl der Westen Waffen liefere, gebe er vor, nicht mit Russland zu kämpfen.
Neben Russland sind auch die USA bestrebt, ihr Mini-Nuke Arsenal aufzurüsten: „Die USA wollen solche Kernwaffen mit geringer Sprengkraft vor allem deshalb wieder ins Arsenal aufnehmen, weil sie glauben, dass Russland dies ebenfalls getan hat und dass die Russen bereit sind, diese Waffen in einem konventionellen Konflikt einzusetzen, um ihn zum eigenen Vorteil zu beenden“, sagte Shannon Kile vom Stockholmer Friedensforschungsinstitut (SIPRI) bereits 2020.
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Mini-Nukes machen laut Forschern einen ausgewachsenen Atomkrieg wahrscheinlicher
Robert Kelley erklärte gegenüber dem Deutschlandfunk, dass es in den 1950er- und 60er-Jahren bereits alle möglichen Atomwaffen dieser Kategorie gab: „Artilleriegranaten, Wasserbomben, um U-Boote zu sprengen, Boden-Luft-Raketen, die ein Flugzeug abschießen sollten. Das wohl Verrückteste waren ein paar ‚Davy Crockett‘: So etwas wie eine Bazooka mit einer kleinen Nuklearwaffe am Ende.“ Kelly war über 35 Jahre im Nuklearwaffenkomplex des US-Energieministeriums tätig. Er leitete die Zentrifugen- und Plutoniummetallurgieprogramme am Lawrence Livermore National Laboratory und war später Direktor des Remote Sensing Laboratory des Energieministeriums – der führenden US-Organisation für nukleare Notfallreaktion.
Mini-Nukes sollen als taktische Kernwaffen im Gefecht nahe am oder sogar im Boden gezündet werden, um eine Ausbreitung von Druckwelle, Hitze und Strahlung über große Bereiche zu verhindern. Flugzeugträger, Fabriken oder Kommandoposten werden von Hans Kristensen von der „Federation of American Scientists“ in Washington D.C. ebenfalls als mögliche Ziele genannt. So werden zum Beispiel die Waffen durch Satellitennavigation mit Präzision gelenkt: „Deshalb brauchen sie einfach nicht so viel Sprengkraft, um ihr Ziel zu zerstören. Bis zu einem gewissen Grad hat es also eine natürliche Entwicklung hin zu niedriger Sprengkraft gegeben. Die Botschaft ist klar: ‚Wir entwickeln und stationieren diese Waffensysteme, weil wir Ihnen, liebe Gegner, sagen wollen, dass wir eher bereit sind, sie einzusetzen als eine Waffe mit hoher Sprengkraft. Machen Sie sich keine Illusionen.‘“
Der dänische Friedensforscher Hans Kristensen sieht Mini-Nukes als eine Vorstufe der atomaren Eskalation: „Sie sollen ausdrücklich in einer frühen Phase eines Nuklear-Konflikts eingesetzt werden. Und das wird die Art und Weise beeinflussen, wie nationale Führer im Konfliktfall Entscheidungen über den möglichen Einsatz von Atomwaffen treffen.“ Dem schließt sich auch Ulrich Kühn vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg an: „Je mehr man sich auf diese Logik einlässt, dass man eigentlich damit den Nuklearwaffen-Einsatz verhindern möchte, desto wahrscheinlicher wird meiner Meinung nach genau das.“