Gegenoffensive an fünf Fronten? Ukrainische Armee hält sich weiter bedeckt
VonLukas Rogalla
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Hat die Gegenoffensive der Ukraine bereits begonnen? Kiew und Moskau widersprechen sich – doch es gibt Berichte über neue Angriffe.
Kiew – Russland hat die Ukraine, anders als von Moskau erhofft, nicht in wenigen Wochen erobern können. Etwa 16 Monate nach ihrem Einmarsch besetzt die russische Armee den Osten und Südosten der Ukraine, kommt jedoch nicht weiter voran. Die Invasoren arbeiten sich seit Monaten an der strategisch eher unbedeutenden Stadt Bachmut ab – und erleiden fast täglich schwere Verluste. Zehntausende Soldaten sind dort bereits getötet worden.
Kiew bereitet die Streitkräfte derweil nach eigenen Angaben auf eine Gegenoffensive vor, die den Sieg im Ukraine-Krieg einleiten soll. Außenminister Dmytro Kuleba sagte, die Armee sei ausreichend ausgestattet, um den Vorstoß zu starten, wollte jedoch keinen Zeitpunkt für den Beginn nennen. Mehrere Regierungsbeamte teilten ein Video in den sozialen Medien, das Stillschweigen zu möglichen Berichten über eine Gegenoffensive und militärische Strategie forderte. „Pläne lieben Stille“, heißt es. Die Botschaft: Wenn die Gegenoffensive beginne, werde es keine Ankündigung geben. Doch neue Äußerungen aus Kiew und Berichte von der Front lassen aufhorchen.
Moskau spricht von fehlgeschlagenem Angriff der Ukraine
Der Kreml behauptet, die ukrainische Gegenoffensive sei bereits im Gange und von russischen Truppen erfolgreich abgewehrt worden. Das russische Verteidigungsministerium teilte bereits am 4. Juni via Telegram mit, dass die Ukraine „eine großangelegte Offensive in fünf Sektoren der Front im Süden von Donezk gestartet“ hätte. Russlands Oberbefehlshaber Waleri Gerassimow hätte sich demnach in einem größeren Kommandoposten 60 Kilometer westlich der Stadt Donezk aufgehalten, als es zum Angriff kam.
Kiew hatte die Berichte, dass die Gegenoffensive zur Rückgewinnung besetzter Gebiete bereits gestartet sei, stets dementiert. Offizielle Mitteilungen erwähnen jedoch, dass es in den Oblasten Donezk und Luhansk Gefechte und Vorstöße gegeben habe. Auf einen ukrainischen Großangriff angesprochen, bezog Vize-Verteidigungsministerin Hanna Maljar nun Stellung: „Es geht nicht nur um Bachmut. Die Offensive findet in mehrere Richtungen statt. Wir sind froh über jeden Meter. Heute ist ein erfolgreicher Tag für unsere Streitkräfte“, sagte sie laut CNN am Montag im ukrainischen Fernsehen. Die Armee selbst hält sich jedoch weiter bedeckt. Armeesprecher Bohdan Senyk sagte, dass die Ukraine „keine Informationen“ über einen Großangriff im Oblast Donezk habe.
Ein vom ukrainischen Verteidigungsministerium zur Verfügung gestelltes Videostandbild zeigt einen ukrainischen Soldaten, der einen Finger vor seinen Mund hält. Kiew fordert Stillschweigen zu einer möglichen Gegenoffensive seiner Truppen.
Der ehemalige britische Militärgeheimdienstoffizier und Beobachter Philip Ingram sagte Newsweek, dass die erste Phase der Gegenoffensive schon seit Wochen laufe. Kiew habe das Kampfgebiet vorbereitet und Russlands logistische Knotenpunkte, Kommandoposten und Luftverteidigung attackiert. „Wir sehen wahrscheinlich gerade den Übergang in Phase zwei, bei der mehrere Gebiete an der Font sondiert werden sollen.“ Ingram glaubt, Kiew wolle Schwachstellen beim Gegner ausmachen und die russische Armee im Unklaren lassen, wo die Großattacken erfolgen werden. „Wenn die ukrainischen Pläne für die optimalen Positionen für Hauptangriffe bestätigt sind, folgt der Übergang in die nächste Phase.“ Auch Angriffe auf russischem Gebiet nahe Belgorod könnten zur Verwirrung und Ablenkung der russischen Armee beitragen.
Russische Kämpfer widersprechen Kreml
„Das Ziel des Feindes war, Russlands Verteidigung an der Front dort zu durchbrechen, wo sie am verwundbarsten eingeschätzt wird“, heißt es aus Moskau. „Der Feind war beim Erreichen seiner Ziele nicht erfolgreich.“ Das Verteidigungsministerium sprach am Dienstag auf Telegram von „schweren Verlusten“ und über 1.500 getöteten ukrainischen Soldaten. Zudem habe man Dutzende Panzer und Kampffahrzeuge zerstört.
Der Ukraine-Krieg in Bildern – Zerstörung, Widerstand und Hoffnung
Alexander Chodakowski, Anführer des im Donbass kämpfenden, separatistischen Wostok-Bataillons, widersprach den Kreml-Erfolgsmeldungen, die sich ohnehin selten bewahrheiten. Via Telegram teilte er mit, dass ukrainische Truppen „taktischen Erfolg“ in dem Gebiet gehabt hätten, wenn auch mit „spürbaren Verlusten“. Er gehe nicht davon aus, dass es sich bei den ukrainischen Angriffen bereits um die angekündigte Gegenoffensive handle. Wenn die Ukraine allerdings einen Durchbruch erzielen sollte, könnte Kiew mehr Truppen in das Gebiet senden.
Selenskyj fordert Kampfjets für Gegenoffensive
Der russische Militärblogger „War Gonzo“ berichtet von „schweren Gefechten“ in einem Dorf nahe der Stadt Wuhledar. Die ukrainischen Truppen seien mindestens zwei Kilometer weit in ein Gebiet vorgestoßen, das prorussische Kämpfer gerade noch kontrolliert hätten. „Heute wird offensichtlich kein einfacher Tag“, fügte er auf Telegram hinzu.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj geht von einer erfolgreichen Gegenoffensive seiner Armee aus. Allerdings wisse er erstens nicht, wie lange diese dauern würde. Zweitens räumte er die Überlegenheit Russlands in der Luft ein. Laut dem Wall Street Journal erwarte Selenskyj, dass viele Soldaten bei der Gegenoffensive sterben werden, da sie kein „Dach“ zur Absicherung hätten. Somit betonte der Präsident seine Forderung an verbündete Staaten, Kampfjets an die Ukraine zu liefern, um Verluste so gering wie möglich zu halten. (lrg)