- VonBettina Menzelschließen
Der Ukraine gelang im Süden des Landes offenbar ein wichtiger Vorstoß. Innerhalb der russischen Armee entfachte das eine Debatte über Moral und Führungsprobleme.
Uroschaine – Im Süden der Ukraine laufen intensive Gefechte. Den Streitkräften Kiews gelang dort am Wochenende offenbar ein strategischer Erfolg im Ukraine-Krieg: Westlich von Donezk und östlich von Saporischschja erzielten ukrainische Truppen am Sonntag (13. August) Vorstöße, berichtete die US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) in ihrer jüngsten Analyse.
Zum Status des Ortes Uroschaine gab es widersprüchliche Angaben. Ob tatsächlich von der Ukraine zurückerobert oder nicht: Bei den russischen Militärbloggern und der Armee entbrannte erneut eine Debatte über die Moral und Führungsprobleme von Russlands Truppen im Ukraine-Krieg.
Russland erlebt Desaster im Ukraine-Krieg: „Schwerste und blutigsten Kämpfe um diese Siedlung“
Der ukrainische Generalstab meldete am Wochenende Offensivoperationen in Richtung Berdjansk und Melitopol sowie einen Teilerfolg bei Robotyne. In den vergangenen Wochen hätte es „die schwersten und blutigsten Kämpfe um diese Siedlung“ im Ukraine-Krieg gegeben, hieß es von russischer Seite.
Russlands Streitkräfte hätten sich aus dem Ort Uroschaine zurückgezogen, berichteten pro-russische Militärblogger am Samstag. Einen Tag später widersprachen mehrere russische Quellen diesen Behauptungen. Demnach sei das Dorf weiterhin umkämpft. Auch die US-Kriegsexperten des ISW sahen zunächst keine Beweise für einen vollständigen Rückzug der russischen Armee aus Uroschaine. „Wahrscheinlich halten die russischen Streitkräfte derzeit zumindest im südlichen Teil der Siedlung ihre Positionen“, hieß es in dem ISW-Bericht vom Sonntag.
Russische Truppen flüchteten im Ukraine-Krieg offenbar zu Fuß ohne Unterstützung von Panzern
So oder so löste der Einsatz im Ukraine-Krieg innerhalb der russischen Militärblogger-Szene heftige Debatten aus. Im Internet geteilte Drohnenaufnahmen vom Kriegsgeschehen zeigen russische Truppen, die in südlicher Richtung zu Fuß unterwegs waren. Zwischen 50 und 70 Soldaten flüchteten komplett schutzlos ohne Unterstützung von Panzern.
Kurz darauf war auf den Drohnenbildern der Einschlag mehrerer Artilleriegeschosse zu erkennen. Als die russischen Soldaten infolgedessen in bewaldete Stücke neben der Straße flohen, kam wohl auch die umstrittene Streumunition zum Einsatz, worauf die weit versetzten Einschläge im Video hindeuteten. Das Desaster bei Uroschaine mündete in Schuldzuweisungen innerhalb der russischen Armee.
Russland erlebt Desaster im Ukraine-Krieg: Halbe Brigade mit „Alkohol trinken“ beschäftigt
Seit Beginn des Krieges gilt die Moral der russischen Truppen als eine der Schwachstellen Moskaus und reduziert den Gefechtswert der Armee im Ukraine-Krieg merklich. Die mutmaßliche Niederlage bei Uroschaine ist aus Sicht pro-russischer Militärblogger ein weiterer Beweis für die schlechte Moral und die Führungsprobleme der Truppen in diesem Gebiet. Die russische 37. motorisierte Schützenbrigade der Separatistengarde habe es versäumt, Panzereinheiten zur Unterstützung ihrer Infanterie in Uroschaine abzustellen, kritisierte ein Kreml-treuer Blogger laut ISW. Schon am Donnerstag habe sich diese Einheit vorzeitig aus dem umkämpften Ort zurückgezogen, weil es ihr an Verstärkung gefehlt habe.
Tatsächlich hätten sich die Soldaten der Einheit dann aber in weiter hinter der Front gelegenen Gebieten aufgehalten und sich betrunken, so die ISW-Analyse. Die Hälfte der Brigade sei damit beschäftigt gewesen, „Alkohol zu trinken, und die Offiziere sind nicht in der Lage, sie zur Besinnung zu bringen“, soll ein Soldat einer Spezialeinheit laut Militärbloggern kritisiert haben. Aus anderen russischen Quellen ging hervor, dass lediglich die 40. Brigade der Luftlandetruppen Moskaus sowie die Sondereinheit Kaskade der selbsternannten Volksrepublik Donezk Uroschaine weiter verteidigt hätten.
Russische Quellen widersprechen sich: Ukrainische Einnahme von Uroschaine zunächst unbestätigt
Während Quellen aus dem russischen Raum der Darstellung teils widersprachen, teilten andere kremlnahe Medien die Kritik, so die Analyse der US-Kriegsexperten. Kritische Stimmen kamen auch aus dem Militär selbst: „Russland hat seine Ressourcen zu früh im Krieg verausgabt“, räumte der russische Kommandeur Alexander Chodakowski laut ISW am Sonntag ein, der im Ukraine-Krieg ein Bataillon in der Nähe von Uroschaine anführt.
Auch wenn das kleine Dorf Uroschaine auf den ersten Blick unbedeutend erscheint, hat es eine strategisch wichtige Lage direkt an der Versorgungsstraße T0518, die in Richtung Süden führt. Eine Einnahme des Örtchens bringt die ukrainische Armee demnach in ihrer Gegenoffensive näher an die rund hundert Kilometer südlich gelegene Hafenstadt Mariupol, die symbolisch sowie strategisch eine wichtige Bedeutung für beide Kriegsparteien hat. Wer die geografisch strategisch gelegene Stadt im Ukraine-Krieg kontrolliert, verfügt über einen Landkorridor zwischen der Krim und dem Osten des Landes. Russland hält Mariupol seit Mai vergangenen Jahres besetzt.
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