Drohnen aus unterirdischen Fabriken: Ukraine zerstört systematisch Putins Öl-Wirtschaft
VonFelix Busjaeger
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Russlands Wirtschaft ist seit Monaten im Visier ukrainischer Drohnen. Die Situation könnte sich weiter zuspritzen, weil Kiew die eigenen Fähigkeiten verbessert. Eine Analyse.
Kiew/Moskau – Verwackelte Videos in sozialen Medien dokumentieren ihren Erfolg: Seit mehreren Monaten haben ukrainische Drohneneinheiten effektive Strategien entwickelt, um Infrastrukturen in Russland zu bekämpfen. Im Visier: Öl-Raffinerien, Depots, Frachtschiffe oder Bohrinseln. Hinter den Angriffen steht längst mehr als taktische Nadelstiche: Die Ukraine verfolgt zunehmend das Ziel, Russlands Wirtschaft systematisch unter Druck zu setzen.
Was zu Jahresbeginn noch wenige Male im Monat passierte, ist inzwischen zur täglichen Realität im Konflikt zwischen Moskau und Kiew geworden. Während der Kreml mit Härte versucht, die Frontlinien weiter in Richtung Kiew zu verschieben, setzen die Streitkräfte auf gezielte Attacken, die Russlands Wirtschaft brennen lassen. Inzwischen setzt die Ukraine auch auf die heimische Drohnenproduktion. Die Drohnenangriffe markieren damit einen strategischen Perspektivwechsel: Während Russland weiter auf Geländegewinne setzt, versucht Kiew, die wirtschaftlichen Grundlagen der russischen Kriegsführung anzugreifen.
Angriffe auf Russlands Wirtschaft: Kiews Strategie im Krieg vor Expansion
Raffinerien, Depots und Häfen gelten dabei als besonders sensible Knotenpunkte der russischen Kriegsökonomie, da sie sowohl die Versorgung der Streitkräfte als auch den Export zentraler Rohstoffe betreffen. Wie erfolgreich die Strategie gegen Russlands Wirtschaft ist, zeigen etwa die jüngsten Berichte: Ukrainischen Spezialeinsatzkräften gelang es in der Nacht zum 17. Dezember, ein Feldartilleriedepot anzugreifen. Eine Nacht später wurde ein Schiff im Hafen von Rostow beschädigt. In beiden Fällen wurden die Angriffe mit Drohnen durchgeführt. Deutlich verheerender sind allerdings die Angriffe auf russische Öl-Raffinerien. In regelmäßigen Abständen werden die Anlagen hintereinander angegriffen, um Reparaturen zu erschweren.
Um die Kapazitäten für die Angriffe auf die russischen Strukturen zu erhöhen, fertigt die Ukraine inzwischen eigene Drohnen. Wie die Tagesschau berichtet, liegen die Fertigungsstätten tief unter der Erde, um vor feindlichen Luftangriffen geschützt zu sein. Für die russische Wirtschaft sollen die Auswirkungen der Attacken teilweise gravierend sein. Zwar unterscheiden sich die Berichte über das Ausmaß, allerdings berichtete unter anderem Bloomberg von einem deutlichen Rückgang der Benzinproduktion zwischen Juni und Oktober. Demnach produziere Russland so wenig Benzin wie seit fünf Jahren nicht mehr.
Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands
Neben Drohnen kommen bei den Attacken auf Russlands Wirtschaft auch immer wieder Raketen zum Einsatz. Um Eigenentwicklungen voranzutreiben, ist die Rüstung in der Ukraine anders aufgestellt als im Nachbarland. Kiew setzt vermehrt auf privatwirtschaftliche Akteure, wie die Tagesschau schreibt.
Reaktion auf Putins Übermacht: Ukraine greift im Krieg Russlands Wirtschaft an
Die Luftangriffe sind damit auch eine Reaktion auf die begrenzten Möglichkeiten, Russlands militärische Überlegenheit an der Front kurzfristig auszugleichen. Seit Monaten nimmt der Druck auf die Streitkräfte von Wolodymyr Selenskyj zu. Die russische Armee setzt auf ihre Übermacht und Zermürbung, wie etwa die jüngsten Kämpfe um die Ruinenstadt Pokrowsk zeigen. Zu Beginn der kalten Jahreszeit intensivierte Wladimir Putin zudem die Angriffe auf ukrainische Energieinfrastrukturen, um die Moral der Zivilbevölkerung zu brechen.
Die effektivste Verteidigung gegen die russische Strategie im Ukraine-Krieg ist laut Chatham House eine Intensivierung der Angriffe auf den russischen Öl-Sektor. Das Institut analysierte im November, dass die Drohnenkampagne der Ukraine im Kampf gegen Russland zwar Möglichkeiten eröffnen würde, allerdings zugleich auch Grenzen aufzeigt. Wichtig sei es demnach, dass es Kiew gelingt, das Tempo der Angriffe zu beschleunigen, um so die Reparaturarbeiten im Öl-Sektor zu verlangsamen und in der Folge den Druck auf Wladimir Putin zu erhöhen.
Das Center for Strategic & International Studies (CSIS) beschrieb vergangenen Monat die gesteigerte Fähigkeit der Ukraine, schlagkräftige Angriffe im russischen Hinterland durchzuführen. Zugleich wurde die geheimdienstlichen Fortschritte im Verlauf des Ukraine-Kriegs hervorgehoben, der für die Planung und Durchführung der Operationen essenziell ist.
Selenskyj warnt vor 2026: „Muss wirksamen Schutz gegen russischen Wahnsinn geben“
Dennoch bleibt Russlands Armee trotz der Angriffe auf Putins Wirtschaft und Versorgungslinien der Streitkräfte weiter schlagkräftig. Mit welcher Sorge dies auch vor dem Hintergrund der aktuellen Gespräche über ein Ende des Ukraine-Kriegs gesehen wird, verdeutlicht eine Rede des ukrainischen Präsidenten am 17. Dezember. Man habe Indizien aus Russland, die darauf hindeuten, dass der Kreml plane, die Kämpfe im nächsten Jahr fortzusetzen, sagte Selenskyj. Seine Warnung ist dabei weniger als militärische Lagebeschreibung zu verstehen, sondern als politisches Signal an die westlichen Unterstützer der Ukraine.
Zugleich verdeutlichte er die Tragweite, denn die Hinweise „richten sich nicht nur an uns. Es ist wichtig, dass unsere Partner dies erkennen“. „Es muss einen wirksamen Schutz vor diesem russischen Wahnsinn geben, und wir werden nun weiterhin mit allen Partnern zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass ein solcher Schutz tatsächlich existiert“, führte Selenskyj aus und pochte auf Sicherheits- und Finanzentscheidungen sowie die nachhaltige Unterstützung durch die EU und den USA.
Russlands Wirtschaft als Ziel: Systematische Attacken mit Auswirkungen
Dass die ukrainische Strategie gegen Russlands Wirtschaft trotz der jüngsten Herausforderungen in der Ostukraine ein Erfolg sein könnte, legt eine aktuelle Untersuchung vom Royal United Services Institute for Defense Research (RUSI) nahe. Demnach ist die russische Industrie angesichts der Vielzahl an ukrainischen Drohnenangriffen nicht in der Lage, ihre Bestände an Flugabwehrraketen rechtzeitig aufzufüllen. In erster Linie geht es um dabei um einen Mangel an Mikroelektronik. Laut RUSI könnte sich dieser Umstand durch westliche Sanktionen noch verschärfen.
Die systematische Schwächung von Russlands Wirtschaft durch Drohnenattacken eröffnet neue strategische Möglichkeiten. Sollte die russische Luftverteidigung angesichts der anhaltenden Luftangriffe überfordert sein, könnte dies nicht nur Putins Exportgeschäft beeinträchtigen, sondern auch das internationale Vertrauen in russische Waffen untergraben. Die Ukraine hat damit eine Form der asymmetrischen Kriegsführung entwickelt, die über den direkten militärischen Nutzen hinaus auch Russlands globale Machtprojektion in Frage stellt. (Quellen: Tagesschau, RUSI, CSIS, Chatham House, Ukrainska Pravda) (fbu)