Drohnen, Waffen, Diplomatie: So unterstützt China Russlands Krieg gegen die Ukraine
VonSven Hauberg
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Am Wochenende besucht Wladimir Putin China. In Tianjin trifft er auf Xi Jinping – ohne den er seinen Krieg gegen die Ukraine kaum führen könnte.
Bis zu tausend russische Drohnenangriffe pro Nacht: Das ist die düstere Prognose ukrainischer Militärexperten für die kommenden Monate. Der Ukraine-Krieg ist längst ein Drohnenkrieg, und wer es schafft, die kleinen und günstigen Fluggeräte in höherer Zahl zu produzieren, hat auf dem Schlachtfeld einen entscheidenden Vorteil. Momentan ist das offenbar Russland. „Die Russen haben die Anzahl ihrer Drohnen erhöht, während wir aufgrund fehlender Finanzmittel noch nicht in der Lage sind, unsere Kapazitäten zu erweitern“, klagte unlängst der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. Alleine am letzten Donnerstag wurde die Ukraine laut der Luftabwehr des Landes mit 598 Drohnen sowie 31 ballistischen Raketen und Marschflugkörpern attackiert, mindestens 17 Menschen kamen dabei ums Leben.
Zum Einsatz kommen vor allem Angriffsdrohnen vom Typ „Shahed“, die im Iran entwickelt wurden und heute in großen Stückzahlen in russischen Fabriken hergestellt werden. Möglich ist diese Massenproduktion wohl nur, weil ein Land die dafür nötigen Bauteile liefert: China. Etwa 80 Prozent der elektronischen Komponenten zum Bau einer Drohne sollen aus der Volksrepublik kommen, erklärte Oleg Ivashchenko, Chef des ukrainischen Auslandsgeheimdiensts. Und der ukrainische Präsident Selenskyj sagte im Mai: „Es gibt Produktionslinien auf russischem Territorium, an denen chinesische Vertreter beteiligt sind.“ Gleichzeitig habe China den Verkauf von Überwachungsdrohnen vom Typ „Mavic“ an die Ukraine und andere westliche Staaten gestoppt, so Selenskyj – nicht aber an Russland.
Ohne China wäre Russlands Krieg gegen die Ukraine „nicht möglich“
Für chinesische Unternehmen geht es dabei wohl nicht nur darum, mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine Geld zu verdienen. „China könnte die Ukraine durchaus als Testfeld nutzen“, schreibt der Experte David Kirichenko in einem Beitrag für das Center for European Policy Analysis, eine US-Denkfabrik.
Die Drohnen sind nur ein Beispiel von vielen: Seit Beginn des Ukraine-Kriegs im Februar 2022 ist China zum wichtigsten Unterstützer Russlands geworden. Ohne Peking „wäre der Angriffskrieg gegen die Ukraine nicht möglich“, sagte der deutsche Außenminister Johann Wadephul in der vergangenen Woche während eines Japan-Besuchs. Am offensichtlichsten zeigt sich das in der Nähe zwischen den Staatschefs Chinas und Russlands: Mehr als 40 Mal haben sich Wladimir Putin und Xi Jinping in den vergangenen Jahren getroffen, derzeit ist Putin Gast beim Gipfel der Shanghai Cooperation Organization (SCO) in der chinesischen Stadt Tianjin. Von den „stabilsten, ausgereiftesten und strategisch bedeutendsten Beziehungen zwischen Großmächten“ sprach Xi im Vorfeld bei einem Treffen mit dem Vorsitzenden der russischen Staatsduma, Wjatscheslaw Wolodin.
Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands
Auch wirtschaftlich steht China eng an der Seite Russlands, die Lücken, die der Rückzug westlicher Unternehmen aus Russland hinterlassen hat, werden zunehmend von chinesischen Firmen gefüllt. Im vergangenen Jahr kletterte der Handel zwischen den beiden Nachbarländern auf ein Rekordhoch von 237 Milliarden US-Dollar. So dominieren beispielsweise chinesische Autobauer den russischen Markt. „China bleibt auch 2025 von zentraler Bedeutung, wenn es darum geht, Russlands Wirtschaft und seine Kriegsanstrengungen zu stützen“, schreibt Maciej Kalwasiński vom Centre for Eastern Studies in einem Bericht für das China-Russia Dashboard, ein Projekt mehrerer europäischer Denkfabriken. China ist zudem der größte Abnehmer russischen Öls.
In den ersten Kriegsjahren waren es vor allem chinesische Dual-Use-Güter, die Russlands Kriegsanstrengungen befeuert haben. Also Güter, die nicht nur zu militärischen Zwecken eingesetzt werden können, sondern auch zu zivilen. Peking behauptet zwar, den Export dieser Güter streng zu kontrollieren, die in russischen Drohnen entdeckten Bauteile zeigen aber, dass sich chinesische Unternehmen, wohl mit Duldung der Regierung, nicht an diese angeblichen Beschränkungen halten. Laut dem ukrainischen Geheimdienstchef Ivashchenko finden auch Werkzeugmaschinen, chemische Produkte, Schießpulver und andere militärisch relevanten Dinge ihren Weg nach Russland.
Seit einiger Zeit verdichten sich zudem die Hinweise, dass auch Güter, die ausschließlich militärischen Zwecken dienen, von China nach Russland gelangen. Laut einem Bericht des Economist, der sich auf westliche Regierungsbeamte stützt, liefert China seit 2023 „geringe Mengen an Artilleriemunition“ sowie Militärdrohnen an Russland. Und im vergangenen Jahr berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf Geheimdienstkreise, dass China und Russland gemeinsam eine neue Angriffsdrohne entwickeln würden. Bei ihrem Treffen in Kanada warfen im März auch die G7-Außenminister China vor, Russland Waffen zu liefern.
China bringt sich auf für einen möglichen Frieden im Ukraine-Krieg in Stellung
Peking hingegen behauptet stets, es vertrete im Ukraine-Krieg eine neutrale Position. „China hat stets eine objektive und gerechte Position vertreten und sich in der Ukraine-Krise stets fair und aufrichtig verhalten, was für alle offensichtlich ist“, erklärte beispielsweise in der vergangenen Woche eine Außenamtssprecherin in Peking. Einen Einblick in die wahren Motive seiner Regierung gab hingegen vor Kurzem China Außenminister Wang Yi. Anfang Juli sagte Wang Berichten zufolge bei einem Treffen mit der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas in Brüssel, sein Land habe kein Interesse an einem schnellen Ende des Krieges. Wangs Argument: Sollte Russland den Krieg verlieren, würde die USA ihre Aufmerksamkeit ganz auf ihre Rivalität mit China richten.
Trotzdem scheint sich Peking aber auch auf ein mögliches Ende des Kriegs vorzubereiten. In einem Beitrag für das Magazin Foreign Policy brachte vor Kurzem Henry Huiyao Wang, Chef einer staatsnahen chinesischen Denkfabrik, sein Land als möglichen Steller von Friedenstruppen in der Ukraine ins Spiel. Und auch beim Wiederaufbau könnte China helfen, das Land verfüge über das dafür nötige „technische Know-how und die Finanzierungskapazitäten“, so Wang. China könnte also nicht nur vom Krieg in der Ukraine profitieren – sondern auch von dessen Ende.